Corona-Krise - Umfrage unter Mitgliedern des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) / „Private Ersparnisse schmelzen wie der Schnee in der Sonne“ Zuschüsse fließen, viele Sorgen bleiben

Auf große Resonanz ist eine FN-Umfrage unter Hotel- und Gaststättenbetreibern im Main-Tauber-Kreis gestoßen. Frust und Ärger werden geäußert, aber auch Lichtblicke deutlich gemacht.

Von 
Sascha Bickel
Lesedauer: 
Das Archiv-Bild zeigt eine Dehoga-Demonstration 2020, bei der man auf die dramatischen Umsatzeinbrüche im Gastro- und Hotelgewerbe aufmerksam machte. © dpa

Bad Mergentheim. Wie ist Ihre aktuelle Lage in der Corona-Krise? Welche staatlichen Hilfen haben Sie bereits erreicht? Reicht das zum Überleben? Mussten Sie schon Arbeitsplätze streichen? Diese und andere Fragen richtete unsere Zeitung mit Hilfe der Kreisstelle des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) an Gastronomen und Hoteliers. Viele antworteten. . .

AdUnit urban-intext1

„Die Hotellerie und Gastronomie befindet sich im Winterschlaf und das innerhalb der letzten zwölf Monate nun bereits sieben (!) Monate lang“, fasst der Dehoga-Kreisvorsitzende, Frank Bundschu, die allgemeine Lage zusammen und erklärt weiter: „Außer-Haus-Angebote sind sehr kreativ und abwechslungsreich. Alle sind unternehmerisch aktiv und lassen sich für die Gäste etwas einfallen. Insgesamt ist es aber keine Rettung, sondern nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Die Angebote sind meist nicht wirklich wirtschaftlich, aber für den Kundenkontakt, die Mitarbeiter-Motivation oder gar die Berufsausbildung notwendig.“

Bundschu betont zudem: „Alle Gastronomen sind Unternehmer und planen, um dann bei Eröffnung wieder am Start zu sein. Doch ohne fehlende Öffnungsperspektive geht das derzeit meist ins Leere.“

Er selbst ist Geschäftsführer des „Ringhotels Bundschu“ in Bad Mergentheim. Man habe den Betrieb auf ein Minimum reduziert. Bundschu: „Geschäftsreisende dürfen wir beherbergen, das sind aber auch nur geringe Gästezahlen. Im Restaurant haben wir ein Angebot mit eingekochten Gerichten geschaffen. Alle Angebote werden von den abholenden Gästen dankend angenommen. Abschlagszahlungen der staatlichen Hilfen haben wir erhalten, die Auszahlungen stehen noch aus. Größte Hilfe ist das Kurzarbeitergeld, das bereits seit März 2020 monatlich beansprucht wird.“

AdUnit urban-intext2

Thomas Heimberger vom Flair Hotel Weinstube Lochner in Markelsheim: „Momentan ist es so, dass das To-go-Geschäft etwas nachgelassen hat. Unsere Übernachtungen liegen momentan noch sehr konstant bei 20 bis 25 pro Tag. Leider fehlt ein planbarer Ausblick. Die November- und die Dezember-Hilfen sind relativ schnell angekommen (innerhalb von vier Wochen nach Beantragung) – 75 Prozent. Mit meiner Summe von der Versicherung müsste es uns reichen, wenn hoffentlich bis nach Ostern wieder geöffnet wird.

Unser Betrieb hat knapp über 30 Beschäftigte. Bis jetzt musste niemand entlassen werden.“

AdUnit urban-intext3

Bernd Schmieg vom Gasthaus „Zum Löwen“ in Niederstetten: „Auch bei uns gibt es einen Außer-Haus-Verkauf. Wir planen momentan von Woche zu Woche. Die November-/Dezember-Hilfe haben wir zu 50 Prozent erhalten. Ohne unseren Außer-Haus-Verkauf wäre die staatliche Unterstützung durch die laufenden Kosten schnell aufgebraucht.“

AdUnit urban-intext4

Das Ehepaar Flick betreibt das Hotel „Deutschmeister“ in Bad Mergentheim: Die aktuelle Lage bezeichnen sie als „sehr anstrengend“. Man warte auf die touristischen Gäste. Staatliche Hilfen vom November seien am 9. Februar endlich angekommen. Beschäftigten habe man bislang nicht kündigen müssen.

Andreas Boros von „Boros Ratskeller“ in Bad Mergentheim: „Die Lage ist langsam sehr kritisch, wir mussten leider fast alles von unseren privaten Ersparnissen aufbrauchen.

Was einigermaßen funktioniert ist das Kurzarbeitergeld, es ist immer innerhalb von zwei Wochen auf dem Konto. Da stehen nun aber die ersten Prüfungen bevor. Außerdem haben wir kurz vor Weihnachten die Abschlagszahlung vom November bekommen und im Januar die Abschlagszahlung von Dezember.

Für Januar konnten wir Hilfen bislang noch nicht beantragen und wissen auch noch nicht, was wir bekommen werden und der Rest von den Monaten davor fehlt natürlich auch.“ Von insgesamt sechs Mitarbeitern habe man drei gekündigt.

Ralf Diez, Geschäftsführer des „ARA“ Bowling-Burger-BBQ in Markelsheim: Die Situation im zweiten Lockdown bezeichnet er als „nicht befriedigend“. „Wir haben komplett geschlossen, da sich auch To-go-Essen wirtschaftlich für uns nicht rechnet. Erschwerend kommt hinzu, dass der Bowling- und Kegelbahnbetrieb unter Indoor-Sport fällt – hier kommen auch wesentlich später die Lockerungen als bei der klassischen Gastronomie.“

Zwar habe man Fördergelder erhalten beziehungsweise wurden diese in Aussicht gestellt, „jedoch bleiben wir auf einem Teil unserer Fixkosten sitzen. Und als Unternehmer erhalten wir auf Antrag einen fiktiven Unternehmerlohn von 1180 Euro je Monat im Lockdown. Hier sei mal erwähnt, dass alleine die Krankenversicherung rund die Hälfte davon erhält!“

Bei jeder Zwangsschließung durch den Staat seien auch verderbliche Waren in Form von Speisen und auch Getränken mit Mindesthaltbarkeitsdatum in einer Größenordnungen von mehreren tausend Euro vernichtet worden.

Wenig Hoffnung hat er, dass große Familien- und Firmenevents die nächsten Monate stattfinden dürfen und „so planen wir derzeit einen kompletten Strategiewechsel für unser Haus, der weitaus mehr corona-konform ausgerichtet ist“.

Weiter teilt der Gastronom mit: „Förderungen haben wir erhalten. Soforthilfe und Ü1. November- und Dezember-Hilfe sind beantragt, den Zuwendungsbescheid über Abschlagszahlungen haben wir erhalten. Ü3 wird noch beantragt. Kurzarbeitergeld wurde beantragt und wird auch gezahlt. Natürlich sind die Kosten damit nicht zu 100 Prozent gedeckt. Einen Teil der Fixkosten sowie den Rentenversicherungsbeitrag ’Arbeitnehmer’ müssen wir selbst tragen. Das greift Rücklagen an, ganz klar.“ Stellenstreichungen habe man noch keine vorgenommen.

Jürgen und Sabine Koch vom Hotel und Sterne-Restaurant „Laurentius“ in Weikersheim: „Wir nutzen die Zeit um verschiedene Projekte im Haus vorwärts zu bringen. Der Außer-Haus-Verkauf wird aufrecht erhalten bis zur Wiedereröffnung.“ Bezüglich der staatlichen Hilfen teilen sie mit: „Wir sind soweit zufrieden und fühlen uns vom Staat nicht im Stich gelassen. Speziell das Land Baden-Württemberg hat weitere Fördermaßnahmen aufgelegt. Hier gilt der Dank auch dem Dehoga-Engagement.“ Entlassungen seien bislang nicht notwendig gewesen.

Stefanie Roth von der Gaststätte „Zum Schlossgarten“ in Weikersheim: „Unser Betrieb ist komplett geschlossen. Die aktuelle Lage ist sehr bedenklich. Es gibt keine konkreten Pläne für die nächsten Monate. Die Devise heißt: irgendwie überleben.

Ein Teil der staatlichen Hilfen ist geflossen, allerdings war der Zeitraum bis die ersten Gelder bei uns ankamen, Mitte Januar 2021, sehr lang. Seit 2. November waren wir ohne Einnahmen! Bislang haben uns rund 50 Prozent der beantragten Hilfen erreicht. Die Hilfen reichen zum Überleben. Allerdings sind bereits sämtliche Rücklagen aufgebraucht. Wir sind ein kleiner Familienbetrieb, daher könnte ich auch keinen Arbeitsplatz streichen, da dies bedeuten würde, den Betrieb aufzugeben.“

Alexandra Herrmann, Chefin des Gasthauses „Zur Rose“ in Külsheim: „Die Lage ist sehr ernst. Wir bedanken uns bei unseren Gästen, die immer sonntags Essen abholen, damit wir unsere Pacht bezahlen können. Wir hoffen auf einen baldigen Neustart, damit wir unser Konzept ,Külsheimer Alm Hüttendorf’, das eigentlich für die Wintermonate geplant war, endlich umsetzen können.

Die staatlichen Hilfen kamen verspätet, verkürzt und schleppend an. – Bislang haben wir noch alle Mitarbeiter halten können.“

Jutta und Klaus Müller, Gasthaus „Zur Rose“ in Nassig: „Wir bieten an, Essen abzuholen. Und das wird dankenswerter Weise sehr gut angenommen. Die November-Hilfe ist bereits in vollem Umfang eingetroffen. Die Dezember-Hilfe konnten wir noch nicht beantragen.“

Torsten Mehler vom Ferienhof „Ebenmühle“ im Schönertsbachtal bei Wertheim: „Unsere Lage ist, wie bei anderen Betrieben auch, wie soll ich sagen: schmerzhaft. Letztes Jahr mussten wir rund 65 Prozent Umsatzrückgang gegenüber 2019 und bis jetzt in 2021 sogar 75 Prozent hinnehmen. Unsere beiden Angestellten sind in Kurzarbeit. Von den beantragten Hilfen sind momentan nur circa 50 Prozent angekommen. Wir leben momentan nur von Ersparnissen, die aber schmelzen wie der Schnee in der Sonne da nach dem Jahreswechsel die meisten Jahresbeiträge abgebucht werden.“

Marcel Rohleder vom Restaurant „Café Badesee“ in Freudenberg: „Unsere Lage ist noch recht stabil, durch die Hilfen von Bund und Land. Unsere treuen Kunden nutzen den Abholservice gut und stützen damit unseren Betrieb und sichern unser Überleben. Unsere 16 Mitarbeiter sind in Kurzarbeit und erhalten eine Aufstockung von uns, dass auch sie nicht in finanzielle Schwierigkeiten kommen und bei Anlaufen des Geschäftsbetriebes wieder zur Verfügung stehen. Wir planen mit der Wiedereröffnung Mitte April. Die November-Hilfe haben wir zu 100 Prozent erhalten; von der Dezember-Hilfe bislang nur ein Abschlagszahlung von 50 Prozent. Die Hilfen reichen bei uns aus, dass ist jedoch nicht bei allen Betrieben so.“

Michael Spies für die Becksteiner Winzer: „Der Weinort Beckstein und damit auch unsere Vinothek der Becksteiner ’Wein-Welt’ lebt vom Tourismus und ist nur dann stark frequentiert, wenn Hotellerie und Gastronomie in der Umgebung geöffnet sind und die Gäste wieder Möglichkeiten haben, bei einem Ausflug mit dem Fahrrad oder einer Wanderung ein gastronomisches Angebot wahrzunehmen.“

Bernd Hoffmann, „Bowling in Tauber“, Tauberbischofsheim: Er beschreibt seine Lage als „sehr schlecht“. Nur die November-Hilfe habe er bislang erhalten. Die staatliche Unterstützung reiche ihm nicht, da die Fixkosten (Strom, Gas, Wasser, Pacht, Versicherungen usw.) weiter bezahlt werden müssten. Arbeitsplätze habe er aber bislang nicht gestrichen.

Dr. Jens Jurgan vom „Vitalhotel König“ in Bad Mergentheim: „Zwischen dem ersten und zweiten Lockdown lag die durchschnittliche Bettenauslastung bei uns – wie jedes Jahr – erfreulicherweise bei ca. 90 Prozent. Die durchschnittliche Auslastung während der Lockdown-Phasen lag und liegt bei ca. einem Prozent! Nicht nur die Privatreisen, sondern auch die Geschäftsreisen gehen gegen Null.“ Man habe ein intensives Hygienekonzept erarbeitet, umgesetzt und dafür auch investiert. Doch all das zähle nichts.

Die Lage auch für die Mitarbeiter sei desaströs: „Zwar wird durch das Kurzarbeitergeld ein Großteil des Nettolohns aufgefangen, doch fehlen Trinkgelder, steuerfreie Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit etc. Von den seelischen Folgen des Lockdowns und der Beschäftigungslosigkeit ganz zu schweigen. Einige Mitarbeiter haben der Hotellerie und Gastronomie den Rücken gekehrt. Andere sind in ihr Heimatland zurückgekehrt.

Pläne stricken ist derzeit sehr schwierig. Eine Exit-Strategie oder überhaupt das, was man ansatzweise eine Strategie nennen könnte, lässt die Regierung nicht erkennen. Es ähnelt eher einem aktionistisch anmutendem Herumhangeln. Die Regierung ist überdies unfähig einen Zeitplan zur Beendigung dieses Zustands anzugeben.“

Staatliche Hilfen: „Bis dato haben wir abgesehen von der Soforthilfe in Höhe von 30 000 Euro und der Aufstockung durch die Stadt in Höhe von 10 000 Euro und einer Abschlagszahlung für die November-Hilfe nichts erhalten. Der Antrag auf Liquiditätshilfe wurde von uns bereits im August korrekt gestellt, ist dann allerdings im System untergegangen. Der KfW-Schnellkredit ist noch nicht abgewickelt. Die Versicherung hat im Rahmen der Betriebsunterbrechungsversicherung auch noch nichts geleistet. Stand Mitte Februar wurden sieben Prozent des verlorenen Umsatzes seit Beginn des Lockdowns im Rahmen von Hilfen ersetzt. Das entspricht umgerechnet nicht einmal zwei Euro pro Bett pro Lockdown-Nacht!

Wir beschäftigen normalerweise bis zu 40 Mitarbeiter in Voll- oder Teilzeit, Minijobber eingerechnet. Aktuell arbeiten ca. fünf Mitarbeiter in Teilzeit – zusammengefasst also eine Vollzeit-äquivalente Stelle.“

Redaktion Hauptsächlich zuständig für die Große Kreisstadt Bad Mergentheim