Coronavirus - Interview mit Dehoga-Vertreter / „Diese Krise wird das Gasthofsterben beschleunigen“ / „Vielleicht ist danach Großzügigkeit geil und nicht der Geiz“ „Zahlensalat statt Kartoffelsalat“

Von 
Sascha Bickel
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Leere Stühle und leere Tische, die Gäste fehlen – so sieht es derzeit überall in den Restaurants und genauso auch in den Hotels aus. © Sascha Bickel

Die Corona-Krise trifft auch die Hotels und Gaststätten hart. Im Interview nimmt der Vorsitzende der Dehoga-Kreisstelle Main-Tauber, Frank Bundschu, kein Blatt vor den Mund.

Was tut der Dehoga als Branchenverband für seine Mitglieder?

Frank Bundschu, Vorsitzender der Kreisstelle Main-Tauber: „Der Dehoga ist regional, in Baden-Württemberg und auf Bundesebene sehr stark vernetzt. Alle branchenrelevanten Informationen werden auf der Seite des Dehoga Baden-Württemberg (www.dehogabw.de) kommuniziert. Der Landesverband steht seinen Mitgliedern mit juristischer und betriebswirtschaftlicher Beratung zur Seite. Die hauptamtlichen Mitarbeiter arbeiten an sieben Tagen in der Woche und das fast rund um die Uhr, um Mitgliederfragen hilfreich und kompetent zu beantworten.“

„Politisch ist der Dehoga sehr aktiv und bringt die besonderen Branchenthemen in die Ausgestaltung der Hilfsprogramme ein“, so Bundschu: „Als Kreisverband Main-Tauber pflegen wir den Kontakt per E-Mail, Telefon oder über Onlinemeetings. Mit der Politik und den zuständigen Verbänden tauschen wir uns regelmäßig aus und stehen in sehr engem Kontakt. Wir wissen was in der Branche in unserem Kreis los ist.“ sabix

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Bad Mergentheim. Der Hotel- und Gaststättenverband, kurz Dehoga, ist der Berufsverband der Gastronomen und Hoteliers. Im Main-Tauber-Kreis gehören der Kreisstelle rund 200 Betriebe an. Der Vorsitzende Frank Bundschu, selbst Geschäftsführer des Hotel-Restaurants Bundschu in Bad Mergentheim, stellte sich den Fragen der Redaktion zur Corona-Krise sowie den Auswirkungen auf die Branche und die Dehoga-Mitglieder.

Sehr geehrter Herr Bundschu, wie bewertet die Dehoga-Kreisstelle die derzeitige Situation?

Frank Bundschu: Die aktuelle Situation stellt eine noch nie da gewesene Krise dar.

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Flächendeckend sind alle Gastronomie- und Hotelbetriebe, durch die Landesverordnung, von staatlicher Seite 100 Prozent geschlossen. Das bedeutet für die Betriebe 0 Euro Umsatz bei weiterlaufenden Kosten. „Take away“ und geschäftliche Übernachtungen sind dabei nur ein kleines Trostpflaster. Auf der Kostenseite tragen alle Betriebe hohe fixe Kosten. Dies sind zum einen die Personalkosten, als Dienstleistungsbranche und zum anderen die Immobilienkosten, ob Pacht- oder Eigentumsbetrieb.

Die Besonderheit ist, dass unsere Produkte nicht lagerfähig sind, Hunger kann nicht aufgeschoben werden. Im Hotel bedeutet jedes nicht belegte Zimmer verlorenen Umsatz, der nicht wieder eingeholt werden kann.

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Wie ist die Lage der 200 Mitgliedsbetriebe im Main-Tauber-Kreis?

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Bundschu: Die Lage ist in allen Betrieben frustrierend. Nach dem Winterhalbjahr waren alle bereit, in die stärkere Frühjahrs- und Sommersaison zu starten. Innerhalb 14 Tagen wurden die Betriebe, ohne eigenes Verschulden, auf 0 reduziert.

Dies zeichnete sich nach den Faschingsferien mit ersten Zimmer-stornierungen und Absagen von Veranstaltungen im Restaurant ab und entwickelte sich rasant weiter.

Viele gastronomische Unternehmer haben Existenzängste und wissen nicht, wie sie die laufenden Kosten finanzieren sollen. Ein Großteil der Branche ist klein strukturiert, ohne finanzielle Polster. Gaststätten, Pensionen, Imbissbetriebe, Kneipen und die eh sehr gebeutelten Landgasthöfe. Diese Krise wird das Gasthofsterben beschleunigen und eine große Anzahl von Betriebsschließungen nach sich ziehen.

Sind bereits umfangreiche Entlassungen vorgenommen worden oder wird versucht, mit Kurzarbeit die Belegschaften zusammenzuhalten?

Bundschu: Betriebsbedingte Kündigungen sind rechtlich nur schwierig zulässig, daher ist das nicht das Vorgehen der Hotellerie und Gastronomie. Aber selbstverständlich sind die unzähligen geringfügig Beschäftigten, also all die wertvollen Nebenverdienste, ausgesetzt. Alle anderen Mitarbeiter sind seit Mitte März und spätestens zum 1. April zu 100 Prozent in Kurzarbeit. Ohne Trinkgeld, ohne steuerfreie Zuschläge für Sonn-, Nacht- und Feiertagsarbeit und um 40 Prozent reduzierte Nettolöhne, müssen die Mitarbeiter einen großen Teil der Krise mittragen.

Dass das Kurzarbeitergeld unkompliziert angepasst wurde ist eine große Hilfe. Jetzt muss dies nur schnell umgesetzt und an die Betriebe ausgezahlt werden, um die Liquiditätslücke nicht zur Zahlungsfähigkeit werden zu lassen.

Sind die Hilfspakete von Bund und Land ausreichend und kommen sie bei den Betroffenen auch an?

Bundschu: Die Politik hat in den vergangenen zwei Wochen zahlreiche Hilfen auf den Weg gebracht. Der Grundgedanke für schnelle und unbürokratische Hilfe ist spürbar. Ausreichend allerdings noch nicht. Die deutsche Gründlichkeit bremst die Umsetzung jedoch oft aus und verkompliziert die Antragsstellungen. Das Kurzarbeitergeld nimmt den Druck von den Personalkosten, verlangt den Arbeitnehmern aber einen großen Lohnverzicht ab. Gerade bei Hilfskräften, an der Mindestlohngrenze, muss der Staat weiter unterstützend eingreifen, um Härten zu vermeiden.

Es muss auch deutlich gemacht werden, dass die Hilfen nur wenig direkte Zuschüsse darstellen. Die meisten Mittel werden als Kredite an die Unternehmen weitergegeben. Diese müssen, mit teils teuren Zinsen, nach der Krise zurückbezahlt werden. Der tägliche Verlust wird langfristig finanziert, ohne eine Verbesserung oder Erneuerung des Betriebes zu erhalten. Investitionen, Innovationen und der tägliche Konsum werden auf Jahre blockiert.

Kleine Betriebe werden an diesen Hilfen scheitern, da sie keine Kredite bewilligt bekommen werden. Hier wird nichts verschenkt oder leichtfertig bewilligt. Kredite werden wie üblich geprüft, Sicherheiten eingefordert, Betriebsergebnisse bewertet. Oftmals ohne positiven Ausgang. Dann wird das Girokonto genutzt und wenn dieses gesperrt wird, droht die Zahlungsunfähigkeit. Hier müssen das Land und der Staat nachbessern und die Förderbanken müssen ihren Auftrag mit günstigen Zinsen, niedrigen Zugangsvoraussetzungen und unbürokratischer Bewilligung umsetzen und nicht arbeiten wie im üblichen Bankenalltag.

Gibt es Versicherungen, die den derzeit entstehenden Ausfall abdecken?

Bundschu: Das gilt es noch zu klären. Viele Gastronomen haben keine Betriebsausfallversicherung und müssen den Schaden selbst tragen. Bei andern war die Freude nur von kurzer Dauer, da die Versicherungen mitgeteilt haben, dass Corona nicht als Gefahr benannt ist und die Betriebe nicht behördlich geschlossen wurden. Dieser Sachverhalt wird nun juristisch geprüft werden müssen.

Wir sehen hier die Politik in der Pflicht die Schließung eindeutig als „behördlich“ zu definieren und den Infektionsschutz der Bevölkerung über das Coronavirus zu stellen. Die Politik muss eine Rechtsgrundlage schaffen, um lange juristische Streitereien zu verhindern. Die Versicherer sind in der Pflicht den entstandenen Schaden zu regulieren.

Wie versuchen die Dehoga-Mitglieder die Zeit zu überbrücken? Gibt es koordinierte Plattformen, Speiseabhol- und Lieferservice-Angebote?

Bundschu: Ich glaube keinem Gastronomen ist derzeit langweilig. Einen Betrieb still zu legen, ist auch aufwendig und bringt Probleme mit sich. Zudem müssen alle Anträge gestellt werden. Ob Kurzarbeitergeld, Soforthilfe, Liquiditätszuschuss alles ist mit einem aufwendigen Verfahren verbunden. Zahlensalat statt Kartoffelsalat heißt die Devise. Wer hier nicht genauso professionell arbeitet wie in der Küche, hat keine Chance auf staatliche Hilfen.

„Take away“, Lieferservice oder die Übernachtung von Geschäftsreisenden stellen eine theoretische Möglichkeit dar. Ich bin der Meinung, dass das nur in wenigen Fällen betriebswirtschaftlich erfolgreich ist. Ich sehe es vielmehr als Dienstleistung an unseren guten Kunden. Betriebe, die schon immer auf die Geschäftsmodelle im Außerhaus-Service spezialisiert sind, profitieren natürlich von der Situation. Das ist aber nicht die breite Masse der Betriebe.

Wie können die Bürger den Betrieben helfen?

Bundschu: Wo nichts ist, kann man auch nicht viel helfen. Abhol- oder Lieferangebote können genutzt werden, das hilft, rettet aber nicht. Zahlreiche Gastronomen bieten Online-Gutscheine an, der Verkauf lindert den Schmerz. Gutscheine sind Kundenkredite, ein gutes Zeichen.

Die Branche richtet vielmehr das Augenmerk auf die Zeit nach der Krise. Ausgefallene Familienfeiern können nachgeholt werden, Feiern können in der Gastronomie und nicht im Gemeindesaal abgehalten werden, einmal mehr essen gehen und Urlaube können in Deutschland geplant werden.

Sicherlich wird die Krise auch zu einer Diskussion führen, Was ist mir eine gute Gastronomie und ein schönes Hotel wert? Im internationalen Vergleich haben wir in Deutschland großen Nachholbedarf. Vielleicht ist dann mal wieder Großzügigkeit geil und nicht der Geiz.

Redaktion Hauptsächlich zuständig für die Große Kreisstadt Bad Mergentheim