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Suizidprävention

Weg aus der Krise ist möglich

Hilfreicher Vortrag von Iris Pfister im katholischen Gemeindehaus. „Keiner muss allein sein, weder im Leiden, noch in der Trauer“

Von 
Inge Braune
Lesedauer: 

Bad Mergentheim. Wenn sich ein Bekannter, ein Freund, ein Angehöriger das Leben nimmt, bricht für das Umfeld eine Welt zusammen. Fragen türmen sich auf: Warum? Wieso hat man die Zeichen nicht erkannt? Hätte man es verhindern können? Wie? Und wie kommt man neben all diesen Fragen noch zur eigenen Trauer?

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Iris Pfister musste vor Jahren einen solchen Verlust verkraften. Es warf sie aus der Bahn. Immer noch werde das Thema oft tabuisiert, immer noch glaubten viele an Vorurteile, Mythen, krasse Fehleinschätzungen. Es sei schlicht falsch, dass nur „Verrückte“ Selbsttötungsversuche begingen, falsch auch, dass jemand, der über Suizid spreche, nur Aufmerksamkeit suche und es sowieso nicht tue. Ganz wichtig sei es, derartige Hilferufe immer ernst zu nehmen, mit den Betroffenen darüber zu sprechen, gemeinsam nach Perspektiven und Hilfsangeboten zu suchen.

Rund 10 000 Tote im Jahr

In der Suizidprävention ist es wichtig, möglichst früh Anzeichen zu erkennen. Iris Pfister, die selbst vor Jahren den Verlust eines lieben Menschen verkraften musste, hielt einen hilfreichen Vortrag. © Inge Braune

„Man kann etwas tun!“, sagt Pfister. Und sie weiß, wovon sie spricht. Bei ihrem Vortrag im katholischen Gemeindehaus stellte sie den rund 30 Gästen zutiefst erschreckende Fakten vor, etwa die Zahl jährlicher Suizidversuche: Allein in Deutschland versuchen jährlich 100 000 bis 150 000 Menschen, sich das Leben zu nehmen, 9000 bis 10 000 sterben pro Jahr von eigener Hand, mehr als durch Verkehrsunfälle, Drogen, Mord und HIV zusammen.

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Die Referentin engagiert sich für „Trees of Memory“. Der 2017 gegründete Verein griff eine Idee des Journalisten Mario Dieringer auf, der sich zum Ziel gesetzt hat, bei einem Lauf um die Welt Bäume zur Erinnerung an Suizidopfer zu pflanzen – Bäume, die Suizidgefährdeten und Angehörigen Halt geben sollen. Der Verein unterstützt nicht nur Deiningers Initiative: er hat sich neben der unmittelbaren Hilfe und Unterstützung für Angehörige nach Verlust durch Suizid auch der Suizidprävention und Aufklärungsarbeit zur mentalen Gesundheit verschrieben. Als Ersthelferin für psychische Gesundheit will Iris Pfister die Sprachlosigkeit im Umgang mit Menschen in Lebenskrisen überwinden: Es sei immens hilfreich, Menschen in scheinbar aussichtslosen Situationen deutlich zu signalisieren, dass sie einem wichtig sind – Wissen, das sie auch am Welttag der Suizidprävention nicht nur bei ihrem Vortrag, sondern auch beim Infostand am Deutschordensplatz in Bad Mergentheim und dem Gedenk- und Mutmach-Gottesdienst in der Klosterkirche mit den Besuchern teilte.

Keiner muss alleine sein

„Wir können vielleicht Leben retten, manchmal schon durch Zuhören und Beistand,“ so die Boxbergerin. Und weiter: „Keiner muss allein sein, weder im Leiden noch in der Trauer.“ Nicht nur Mitglieder des Vereins stehen im Vorfeld beratend und als erste Anlaufstellen nach Verlust durch Suizid zur Verfügung, so Pfister. Sie verweist unter anderem auf die Rufnummern der Notfallseelsorge (0800/1110111, 0800/1110222 oder 116123).

Nach dem Vortrag verwies Sybille Beyer, Patientenfürsprecherin beim Kreisgesundheitsamt in Tauberbischofsheim, auf auf den leicht über die Suchfunktion der Landkreisseite zu findenden „Wegweiser Gemeindepsychiatrie“, der „alle relevanten Stellen bis hin zur Angehörigen-Selbsthilfegruppe“ aufführt. Speziell für Kinder und Jugendliche mit Suizidgedanken empfahl Iris Pfister auch Internetportale wie die U25- Helpmail (www.u25-deutschland.de) oder die Youth-Life Line (www.youth-life-line.de).

Schließlich, so Pfister, könne es jeden treffen. Akute Lebenskrisen wie Verluste und erlebte Traumata, Einsamkeit, Kündigungen, direktes oder übers Internet aufschäumendes Mobbing, aber auch gesamtgesellschaftliche Krisen wie jüngst die Corona-Pandemie können auch Menschen ohne psychische Vorerkrankungen wie Angststörungen, Stimmungs - oder Suchterkrankungen in tiefe Depressionen führen, berichtete die Referentin. Rund ein Fünftel der Menschen in Deutschland erleben das irgendwann im Verlauf ihres Lebens, durch Vereinsamung bedingt, besonders oft im hohen Alter.

Es gelte, möglichst früh Anzeichen zu erkennen. Erlebe man im nahen Umfeld plötzliche Rückzüge aus dem Freundeskreis, deutliche Veränderungen im Schlafrhythmus oder bislang ungewohnte Stimmungsschwankungen, gelte es nachzufragen, ein Helfernetz aus dem Freundes- und Familienkreis aufzubauen, um nicht Einzelne zu überlasten.

Betroffenen rät sie zu Strategien, die ihnen bei Panikattacken oder in akuter Suizidgefahr ermöglichen, sich mittels kräftiger körperlicher Reize selbst als lebendig zu spüren: Schon ein sehr scharfes Bonbon könne helfen, der Biss in eine Zitrone oder eine scharfe Chilischote, eine eiskalte Dusche oder – so lapidar das auch klingen mag – ein Haargummi am Arm, an dem man zupfen könne, um sich selbst zu spüren. Und natürlich: Gespräch und Hilfe suchen, etwa über Caritas, Diakonie, Hausärzte und die oben angegebenen Ansprechpartner.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.

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