Historischer Verein für Württembergisch Franken - Artikel des Historikers Christoph Bittel im Jahrbuch erschienen Vorläufer heutiger politischer Parteien

Lesedauer: 

Bad Mergentheim. "Wir geloben unwandelbare Treue dem Könige und der Verfassung", schrieben die Mergentheimer Bürger am 7. März 1848 in einer Petition an Wilhelm I. von Württemberg zu Beginn der Revolution von 1848/49, die damals Europas Mitte erschütterte.

Im August 1929 kam diese "Wahlurne von 1848" aus Wachbach ins Bad Mergentheimer Museum. Diese Abbildung findet sich im Jahrbuch des Historischen Vereins für Württembergisch Franken.

© Besserer, Lauda-Königshofen.
AdUnit urban-intext1

"Wir geloben unwandelbare Treue dem König" lautete auch, leicht gekürzt, der Titel eines Vortrags des Bad Mergentheimer Historikers Dr. Christoph Bittel Ende Juni 2014 im Deutschordensmuseum über Mergentheim während der Revolution 1848/49, der jetzt im Jahrbuch "Württembergisch Franken" 2015 gedruckt erschienen ist.

Herausgeber des Jahrbuchs ist der "Historische Verein für Württembergisch Franken" mit Sitz in Schwäbisch Hall, der sich seit seiner Gründung 1847 intensiv mit der Erforschung und Vermittlung der Geschichte in der Region beschäftigt.

Das Treuegelöbnis der Mergentheimer Bürger ist eine eher beruhigende Eingangsfloskel eines handfesten Forderungskataloges, der die Einführung von Geschworenengerichten, die "Wehrhaftigkeit des Volkes", das Versammlungsrecht, die "möglichste" Befreiung des Bodens von den Grundlasten, die Gleichheit der Staatsbürger vor dem Gesetz sowie die "Aufhebung der bisher bestandenen Vorrechte einzelner Klassen" als "unabweisbare Forderungen der Zeit" enthält.

AdUnit urban-intext2

Nachdem es Anfang März 1848 in den umliegenden standesherrlichen Orten Niederstetten, Boxberg und Unterschüpf zu Übergriffen auf Ämter und zu Plünderungen und Zerstörungen der Einrichtungen gekommen war, zog in Mergentheim vorübergehend württembergische Reiterei zur Grenzsicherung auf. Doch in der damaligen Oberamtsstadt, in der eine Bürgerwehr für Ruhe und Ordnung stand, blieb es ruhig, wenn man von zwei nächtlichen Aufläufen vor jüdischen Wohnhäusern Anfang April 1848 und Anfang Juli 1849 absieht.

Ein im Juni 1848 gegründeter "Vaterländischer Verein" mit 160 Mitgliedern vereinigte zunächst das gesamte liberal-demokratische Spektrum in Mergentheim, bevor sich auch hier wie anderswo die Bewegung in eine gemäßigt-liberale und eine radikal-demokratische Richtung spaltete.

AdUnit urban-intext3

Die beiden um den Mai 1849 in der Kurstadt gebildeten Vereine, der demokratische "Volksverein" und der liberale "Bürger-Verein", die streng getrennt in unterschiedlichen Gastwirtschaften tagten, waren direkte Vorläufer der Ortsverbände von politischen Parteien, wie wir sie heute gewohnt sind. Mit Spannung verfolgte man hier die Ausarbeitung der ersten gesamtdeutschen Verfassung in der Frankfurter Paulskirche, in der erstmals auf deutschem Boden fundamentale Menschen- und Bürgerrechte proklamiert wurden.

AdUnit urban-intext4

Indessen erstarkte die Reaktion, die größeren deutschen Bundesstaaten zogen ihre Abgeordneten aus Frankfurt ab, andere folgten, während in Sachsen, der Rheinpfalz und in Baden Volksaufstände aufflackerten. Auf der demokratischen Pfingstversammlung 1849 in Reutlingen, an der auch der Mergentheimer Bierbrauer Georg Hahn teilnahm, rang man sich lediglich zur Forderung nach württembergischer Neutralität bei der Bekämpfung des badischen Aufstandes durch - die Stuttgarter Regierung aber witterte dahinter eine Verschwörung.

Hahn, der entweder nur eine Randfigur darstellte oder sich geschickt herauszureden wusste, entging der Anklage und vielleicht auch einer Verurteilung und Einkerkerung auf dem Hohenasperg bei Ludwigsburg, dem "Demokratenbuckel".