Projekt „Stolpersteine“ - Nachfahre eines jüdischen Bürgers wendet sich in offenem Brief an Oberbürgermeister und Gemeinderat, das Vorhaben auf den Weg zu bringen Vom Verhalten „meiner Stadt“ enttäuscht

Von 
Klaus T. Mende
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Seit geraumer Zeit wird in Bad Mergentheim darüber diskutiert, ob und wo gegebenenfalls „Stolpersteine“ (hier ein Beispielbild) in Erinnerung an deportierte jüdische Mitbürger verlegt werden können. Jetzt hat sich der Nachfahre eines früher in der Kurstadt lebenden jüdischen Bürgers in einem offenen Brief an OB, Gemeinderat und Leser dieser Zeitung gewandt. © DPA

Seit einiger Zeit wird in der Kurstadt darüber diskutiert, ob Stolpersteine verlegt werden. Jetzt hat sich der Nachfahre eines früheren jüdischen Mitbürgers eindringlich zu Wort gemeldet.

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Bad Mergentheim. In der Zwischenzeit hat es einige Anstrengungen gegeben, um das Projekt umzusetzen. OB Glatthaar wurde gar eine Liste mit mehr als 1300 Unterschriften überreicht, die dieses Vorhaben unterstützen. Zudem haben sich die Nachfahren ehemaliger jüdischer Bürger, die einst in der Kurstadt lebten, in Briefen an die Stadtverwaltung und den Gemeinderat gewandt. Dies tut jetzt auch Alan R. Cohn Cornell aus New York, der in deutlichen Worten für die Realisierung des Projekts „Stolpersteine“ wirbt. In einem offenen Brief wendet er sich an OB Udo Glatthaar, den Gemeinderat sowie alle FN-Leser. Im Folgenden das Schreiben im vollständigen Wortlaut:

„Als Nachkomme früherer Bürger – und eines Stadtratsmitglieds – von Bad Mergentheim schreibe ich Ihnen, um die Stolpersteine-Unterschriftenaktion zu unterstützen.

Meine Großeltern Aron und Luise Adler hatten ihr Leben in Bad Mergentheim verbracht, ehe sie im Holocaust aus Deutschland fliehen mussten. Ihre Töchter Erna und Friedl, beide in Bad Mergentheim geboren, flohen ebenfalls 1938. Erna und ihr Ehemann Julius Hertz siedelten nach New York über. Friedl und ihr Ehemann Ernst Cohn, meine Eltern, entkamen nach Amsterdam.

Lange versteckt gehalten

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Ab 1941 wurden sie im niederländischen Ede auf verschiedenen Dachböden dreieinhalb Jahre lang von dem ’Gerechten unter den Völkern’, Jan Sprey, versteckt, bis sie zu Kriegsende befreit wurden. Ich wurde 1946 geboren, 1947 verließen wir Holland auf der SS Rotterdam, die im Mai 1947 in New York eintraf.

Jan Sprey, der meine Familie rettete, wurde sowohl durch die holländische Regierung wie auch durch die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel geehrt. Meine nächsten Verwandten überlebten den Holocaust zwar, viele andere aber nicht. Die Stolpersteine ehren ihr Gedenken in den Städten, in denen sie einst lebten.

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Wie habe ich von der Stolperstein-Unterschriftenaktion erfahren? Die Welt ist klein. Meine Frau und ich aßen in New York mit unseren Freunden Marcia und Howard Kent zu Abend, kurz nachdem diese im Mai mit ihren Freunden Adele und Roy Igersheim aus Deutschland zurückgekehrt waren. Adele und Roy waren Schirmherren der „Jüdischen Kulturtage im Taubertal“; diese hatten sich aus einer Bildungspartnerschaft entwickelt, die sie 2010 mit Igersheim eingegangen waren. Sie halfen bei der Entwicklung eines Holocaust-Curriculums für die Johann-Adam-Möhler-Schule in Igersheim, führten für die neunte Klasse jedes Jahr Ausflüge ins Konzentrationslager Dachau durch und sind mit zahlreichen Schulen in der Region (darunter auch zwei in Bad Mergentheim) im Gespräch.

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Als sie uns von dem Projekt erzählten, erwähnten sie, dass das Sabbat-Dinner im Bad Mergentheimer Golfclub stattfand. Ich fiel aus allen Wolken und erzählte ihnen, dass meine Großeltern aus dieser Stadt stammten. Sie riefen sofort bei Adele und Roy an und erzählten ihnen die Neuigkeiten. Seither habe ich mehr über ihre Partnerschaft, über die Aktivitäten dieses Jahres und die Unterschriftenaktion an den Stadtrat erfahren, dem Stolpersteine-Projekt zuzustimmen.

Unbegreiflich

Warum unterstütze ich diese Aktion? Als Jude und Nachkomme Bad Mergentheimer Bürger ist es mir unbegreiflich, warum der Stadtrat der Stolpersteine-Aktion nicht bereits zugestimmt hat. Es handelt sich um kleine Gedenksteine, die vor den Häusern der Menschen eingebracht werden, die deportiert und in Konzentrationslagern ermordet oder aber, um zu überleben, zur Flucht in andere Länder gezwungen wurden.

Zum einen hätte ich gern einen solchen Stein vor den Häusern meiner Angehörigen. Ich weiß, dass sich in Igersheim fünf Steine finden, ebenso in anderen Orten Ihrer Umgebung. In ganz Europa gibt es mehr als 69 000 solcher Steine – allein in Berlin 7000, ebenso in 1265 anderen deutschen Städten und Gemeinden.

Sie bilden ein großartiges Mahnmal, das größte dezentrale Denkmal der Welt. In vielen dieser Städte werden sogar Stolpersteine-Führungen für Touristen durchgeführt. Die Aktion würde die Stadt kein Geld kosten, denn soweit ich weiß, werden die Stolpersteine aus Spenden finanziert.

Howard Kent erzählte mir, dass sich in Bad Mergentheim bereits viele Metallelemente im Boden befinden (für Gas? für Strom?), die sehr ähnlich aussehen und mit denen offenbar niemand ein Problem hat.

Was ich aus der Geschichte dieses Projekts in Bad Mergentheim gelernt habe: Ich weiß, dass die Bemühungen schon länger laufen, bisher vergeblich. Man hat mir auch gesagt, dass verschiedene Menschen (amerikanische und israelische Juden) Ihnen und dem Stadtrat im Jahr 2017 geschrieben haben: Adele und Roy Igersheim, Professor Robert Jesselson, Mr. Ron Noyman. Keiner von ihnen hat eine Eingangsbestätigung oder gar eine Antwort erhalten. Das ist mir unverständlich – und mich enttäuscht, dass sich „meine Stadt“ so verhält.

Die Schülerinnen und Schüler der Kaufmännischen Schule Bad Mergentheim haben, wie ich erfahren habe, eine Unterschriftensammlung zugunsten der Stolpersteine-Aktion initiiert und bislang mehr als 1300 Unterschriften gesammelt. Auch das hat bisher keine Konsequenzen gehabt. Adele Igersheim stellte den Kontakt zu Klaus Huth her, einen Lehrer dieser Schule, und man teilte mir mit, Sie hätten den Schülerinnen und Schülern erklärt, Sie würden die Stolpersteine-Aktion unterstützen, wenn ein Nachkomme eines Mitglieds der jüdischen Gemeinde Bad Mergentheim Ihre Unterstützung einforderte.

Ich bin dieser Nachkomme und ich fordere Ihre Unterstützung und Zustimmung.

Adele Igersheim schrieb in ihrem unbeantworteten Brief an Sie: ’Wir bitten Sie um Ihre Unterstützung für die Zustimmung zu diesem Projekt in Bad Mergentheim. Schüler und Einwohner könnten gemeinsam recherchieren, wer in den Häusern lebte und was ihnen widerfuhr […] und auf diese Weise ihr Leben würdigen. Viele haben kein Grab, in dem sie bestattet wurden, doch sie könnten die Anerkennung erhalten, einst hier unter Ihnen gelebt zu haben’. Adele zufolge könnte das sogar ein Projekt für die nächsten Jüdischen Kulturtage sein, das wäre eine wunderbare Idee.

Wie ich gehört habe, stimmt der Stadtrat am 28. Juni über dieses Thema ab. Als Sohn von Ernst und Friedl Cohn Cornell und Enkel von Aron und Luise Adler bitte ich Sie, dem Projekt Stolpersteine zuzustimmen. Haben Sie schon vorab Dank für Ihre Zustimmung. Ich kann dann stolz sein auf eine Maßnahme der Stadt meiner Vorfahren, und das war in meiner Familie seit 1938 nicht der Fall.

Mit freundlichen Grüßen Alan R. Cohn Cornell.“

Diskussion im Gemeinderat

Carsten Müller, Pressesprecher der Stadt Bad Mergentheim, bestätigt auf Anfrage unserer Zeitung nochmals den Eingang besagter Unterschriftenaktion am 16. Mai im Neuen Rathaus, „die OB Glatthaar persönlich entgegengenommen hat“. Es sei auch richtig, dass der Gemeinderat in der kommenden Woche (Donnerstag, 28. Juni) in öffentlicher Sitzung diskutiere und entscheide, „ob und gegebenenfalls unter welchen Voraussetzungen im Rahmen der Erinnerungskultur in Bad Mergentheim so genannte ’Stolpersteine’ verlegt werden dürfen“. Dies sei ein Tagesordnungspunkt der Sitzung. Auch der OB werde dann noch einmal zu dem Thema sprechen. „Dieser Beratung und Entscheidungsfindung möchte ich nicht vorgreifen und verweise auf die anstehenden Gremien“, so Müller.

Redaktion Mitglied der Main-Tauber-Kreis-Redaktion mit Schwerpunkt Igersheim und Assamstadt