Gedenktag für Millionen ermordete Menschen - Hartwig Behr sprach auch über „Zigeuner“ und „T4“-Opfer / „Auch das vergiss’ nicht!“ Viele Opfer von Unrecht und Rassismus

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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Es gehe angesichts der steigenden Gewaltbereitschaft und den Morden rechtsextremistisch motivierter Täter längst nicht mehr darum, den Anfängen zu wehren. Man müsse dem Rassenhass entschlossen entgegentreten, sagte Oberbürgermeister Udo Glatthaar. © Kuhnhäuser

Der 27. Januar ist ein bundesweiter Gedenktag: Er gilt der Erinnerung an die Opfer des Nazi-Rassenwahns. In der Kurstadt gedachten etwa 80 Bürger am Mahnmal im Schlosshof der Ermordeten.

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Bad Mergentheim. Es war – trotz des Regens – eine bewegende Gedenkstunde am späten Montagnachmittag im Schlosshof. Vor dem Mahnmal der von den Nazis ermordeten Mergentheimer Juden versammelte sich eine etwa 80 Köpfe zählende Menge – das Interesse am Gedenktag 27. Januar, der ja auch der Tag der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee ist – ist groß.

„Wir in Bad Mergentheim wollen die Erinnerung wach halten und den Menschen gedenken, die aus unserer Mitte gerissen wurden“, sagte Oberbürgermeister Udo Glatthaar. Und er machte deutlich, dass uns allen die vergangenen Monate erneut die „erschreckenden Auswüchse“ von politischem Extremismus vor Augen geführt hätten: Den Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke sowie der Anschlag auf die Synagoge in Halle. Der sei „nicht weniger als ein versuchter Massenmord an in Deutschland lebenden Juden“ gewesen, der zwar scheiterte, aber dennoch zwei Menschen das Leben kostete.

Die Begleiterscheinungen – Hasskommentare im Internet, offensichtliche Verbindungen der Täter ins rechtsextreme Milieu – machten deutlich, dass „es längst nicht mehr darum geht, den Anfängen zu wehren, sondern sich als freiheitlich demokratische Gesellschaft einem grassierenden, gewalttätigen und dem sich in diversen Internetforen und Seiten aufwiegelnden Rassenhass entschieden entgegenzustellen“, betonte Glatthaar.

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Abschließend zitierte der OB aus dem „Spiegel“ die Antwort der 96-jährigen Auschwitz-Überlebenden Erna de Vries auf die Frage, was junge Menschen gegen die Gefahr von Rechts unternehmen könnten: „Sie sollen die Augen offenhalten und Mitmenschlichkeit üben!“

Hauptredner Hartwig Behr

Hartwig Behr sprach als Hauptredner. Und der Historiker hatte mit Bedacht neben den auf dem Mahnmal erwähnten jüdischen Mitbürger zwei weitere Gruppen von Nazi-Opfern in den Mittelpunkt seiner Ausführungen gestellt: Die im Rahmen der so genannten „T4“-Aktion ermordeten Geisteskranken, Epileptiker, unheilbar Kranken und weiteren Menschen, die die Nazis mit dem „Gnadentod“ aus der Welt schaffen wollten und auch die Sinti und Roma, verächtlich „Zigeuner“ genannt.

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Was auf dem Mahnmal zu lesen ist, das sollte eigentlich „den Endpunkt eines unmenschlichen Gedankens zeigen: Antisemitismus, der zum Tod von Abermillionen Menschen führte“. Er bahnte sich schon im 19. Jahrhundert an, und „er setze im 20. Jahrhundert noch brutaler fort, was schon viele Jahrhunderte große Teile der christlichen Welt in Form des Antijudaismus prägte: Immer wiederkehrende Pogrome.“

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Hitlers Rede vom 30. Januar 1939, die in dem Satz „Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa“ gipfelte, habe sich damals in ihrer Konsequenz „niemand vorstellen können“.

Wie sollten den Millionen Menschen getötet werden. Die T4-Aktion, die Euthanasie, von den Nazis „Gnadentod“ genannt, war die erste Stufe des von den Nazis geplanten Massenmordes und fand nach ersten Versuchen an Menschen – sie wurden mit Kohlenmonoxid ermordet – schließlich an sechs Orten im Reich statt, darunter Schloss Grafeneck, in dem seit 1929 die „Samariterstiftung“ ein Heim für Behinderte unterhielt.

Der Landrat Richard Alber, bis 1933 in Bad Mergentheim tätig, ließ es am 13. Oktober 1939 räumen, weil er erfahren hatte, dass das Reich am folgenden Tag das Anwesen beschlagnahmen wollte. Eingerichtet wurde eine „Tötungsanstalt“ – nahe des Schlosses wurden Gaskammern vorbereitet, in denen im Jahr 1940 mehr als 10 600 Kranke und Behinderte ermordet wurden. Die Morde wurden ruchbar, mutige Männer wie der katholische Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, oder der evangelische Landesbischof von Württemberg, Theophil Wurm, protestierten in Predigten und Schreiben.

Auch wegen der andauernden Proteste wurde Grafeneck Ende 1940 geschlossen, „andernorts, etwa in Hadamar, wurde weiter gemordet“. Auch Menschen aus dem Altkreis, wie eine Liste aus dem Jahr 1947 aufzeigt: „14 Ermordete“ aus Creglingen, Edelfingen, Igersheim, Bad Mergentheim, Münster, Nassau, Neuses, Nieder-stetten und Wermutshausen, darunter die Ehefrau eines ehemaligen Bürgermeisters. „Das vergiss nicht!“, sagte Behr.

Das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, das am 1. Januar 1934 in Kraft trat, führte auch im Kreis Mergentheim zur „Unfruchtbarmachung“ vieler Menschen. „Eine weitere Liste aus dem Jahr 1947 führt 78 Personen aus dem Altkreis auf.“ Die T4-Aktion bildete die Grundlage für die technische Durchführbarkeit des Massenmordes an Juden und „Zigeunern“. Behr erinnerte an die 1925 geborene Patrizka Georges, die 1941 aus der Mulfinger St.Josefspflege nach Markelsheim geschickt wurde, wo sie der kinderreichen Familie Braun half. Patrizka kam 1934 in die St. Josefspflege – sie war das erste der „Zigeunerkinder“. Es folgten ihre übrigen vier Geschwister. Frau Braun, 1981 von einem DOG-Schüler über das Verhältnis zu Patrizka befragt, schilderte sie als „fleißig, sauber und gründlich“, sie „gehörte ganz zur Familie“. Häufig besuchte sie ihre Geschwister in Mulfingen – und dorthin wurde sie am 8. Mai 1944 von einem Hilfsgendarm gebracht. „Patrizka saß in ihrer Kammer auf den Bett und hat geweint“, erinnerte sich Frau Braun an das „furchtbare Erlebnis. Ich hab’ auch geweint.“ Einen Tag später, am 9. Mai – „da waren die hier auf dem Mahnmal genannten Personen bereits ermordet worden“ – traten die fünf Geschwister die Fahrt nach Auschwitz an, zusammen mit 35 weiteren „Zigeunerkindern“. Nur fünf überlebten, darunter Patrizkas Schwester Rosa.

Und auch an eine Bad Mergentheimer Familie namens Schneck erinnerte Behr. Die vier Kinder ihrer Tochter Johanna Delis waren am 5. November 1941 bei den Großeltern abgeholt und nach Mulfingen gebracht worden. Sie gehörten zur Gruppe der 35 anderen Kinder, die neben Partizka und ihren vier Geschwistern am 9. Mai 1944 nach Auschwitz deportiert wurden. „Keiner der vier Schneck-Enkel überlebte. Auch das vergiss nicht!“

Der 27. Januar sei ein Tag, an dem man meist der von den Nazis ermordeten Juden gedenke, sagte Behr abschließend: „Natürlich zu Recht, aber man sollte auch an die anderen Opfer von Unrecht und Rassismus denken!“