Die Kanalisation - Jede Menge Leitungen und Rohre im Untergrund / Probleme mit Ratten gibt es immer wieder / Hohe Kosten für Instandhaltung und Erneuerung Unsichtbare Welt unter unseren Füßen

Es gibt Dinge, über die man erst nachdenkt, wenn sie nicht mehr funktionieren. Das Abwassersystem ist da ganz vorne mit dabei. Was tut sich da im Verbogenen?

Von 
Roland Mehlmann
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Blick in die Kanalisation. Oberirdisch deutet oft wenig darauf hin, welche Geheimnisse unterhalb der Straßen verborgen liegen. Manch unauffällige Türe bietet den Einstieg in die Unterwelt und ein weit verzweigtes Kanalsystem. © dpa

Bad Mergentheim/Cregllngen. Unsere Vorfahren würden wahrscheinlich an Zauberei denken. Nicht nur, dass da einfach Wasser aus der Wand kommt, es fließt auch einfach wieder ab. Und die Toilettenkübel müssen auch nicht mehr vom Fenster aus auf die Straße gekippt werden – der pure Luxus sozusagen. Dass das alles fast immer so reibungslos funktioniert ist kein Zufall, sondern harte Arbeit.

Jede Menge Abwasserleitungen

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Beim Eigenbetrieb „Abwasser“ in Bad Mergentheim handelt es sich um einen Eigenbetrieb der Stadt – das Stadtwerk ist als Dienstleister für diesen Eigenbetrieb tätig. Die Verantwortung liegt also bei der Stadt. Geleitet wird dieser Eigenbetrieb von zwei Mitarbeitern der Bad Mergentheimer Stadtverwaltung: von Franz Nebenführ als kaufmännischem Werkleiter und von Stadtbaudirektor Bernd Straub, der vertretungsweise die technische Werkleitung inne hat. Verantwortlich sind die beiden für stattliche 194,1 Kilometer Kanal, die sich in 149,4 Kilometer Mischwasserkanäle, 19,4 Kilometer Schmutzwasserkanäle und 25,3 Kilometer Regenwasserkanäle aufteilen. Hinzu kommen Sonderbauwerke wie Pumpwerke, Regenrückhaltebecken oder Regenüberläufe.

Oft war in den letzten Jahren von Kommunen in Europa zu lesen, die ihre Wasserversorgung verkauft hatten und dann über ein schlecht bis katastrophal gewartetes Kanalisationsnetz klagten. In Bad Mergentheim gibt es da strenge Kriterien. Carsten Müller, Pressesprecher der Stadt Mergentheim: „Kriterien für die Instandhaltung der Kanäle sind die Eigenkontrollverordnung, die Fremdwassersanierungen und Erstellung der Allgemeinen Kanalisationspläne. In Bad Mergentheim und Teilorten wurden alle Kanäle in den letzten Jahren schon mindestens zweimal mittels Technik befahren. Werden dabei – oder im laufenden Betrieb – Probleme festgestellt, werden diese unmittelbar behoben.“

Diese Pflege der weit verzweigten Kanalisation hat ihren Preis. Der Eigenbetrieb hat in den Wirtschaftsplänen jährlich 335 000 Euro für die Unterhaltung der Kanäle eingestellt. Weitere 25 000 Euro sind für benötigtes Material der Kanalunterhaltung eingestellt. Hinzu kommen Auswechslungen von Kanälen, etwa im Zuge von Straßenbaumaßnahmen oder als Projekte im Finanzplan.

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Nachdem in letzter Zeit auch vermehrt von Rattenplagen zu lesen war, kann Carsten Müller beruhigen: „Ratten werden vom Eigenbetrieb mit einem Boxen-System bekämpft, bei dem die Giftköder nicht mit dem Wasser in Berührung kommen. Durch das Sammeln und Auswerten der Ergebnisse (ein so genanntes „Monitoring“) kann gezielt vorgegangen werden. An bekannten Problembereichen wird regelmäßig kontrolliert und bei Bedarf findet auch mehrmals im Jahr eine Bekämpfung von Ratten statt.“

Auch in Creglingen immer Thema

Jürgen Korb, der Bauamtsleiter von Creglingen, einer Stadt mit riesiger Fläche und vielen Teilorten, gibt dem Reporter ebenfalls gerne Auskunft zum Dauer-Thema Abwasserwirtschaft: „Die Stadt Creglingen bewirtschaftet insgesamt zirka 220 Kilometer Kanalnetz bestehend aus Mischwasser-, Schmutzwasser- und Regenwasserkanälen und den dazugehörigen Hausanschlussleitungen. Dazu gehören aber auch 26 Abwasserpumpwerke und 16 Regenüberlaufbecken.“

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Hierfür werden laut Korb rein für den Unterhalt (kleine Standartreparaturen, Kamerabefahrungen, Reinigung, Rattenbekämpfung, etc.) ca. 100 000 Euro (mit Personalkosten ca. 170 000 Euro) jährlich angesetzt. Dazu kommen dann eben noch Sanierungen von Kanalabschnitten wie in 2019/20 ein Stück eines Regenwasserkanal an der Klingener Straße (Kosten 230 000 Euro) (Foto) und eine Fremdwasserstudie für den Ortsteil Lichtel (30 000 Euro) in 2019.

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Durch verschiedene Baumaßnahmen und Sanierungen werden da auch in den nächsten Jahren noch viele Gelder fließen müssen um das Kanalnetz intakt zu halten. Nochmal Jürgen Korb: „In punkto des Zustandes der Kanalisation lässt sich sagen, dass gerade große Teile des Kanales im Kernort Creglingen Sanierungsbedarf aufweisen, da in den letzten Jahren der Fokus auf die Reglung der Abwasserbeseitigung in den Ortsteilen gelegt wurde und somit hauptsächlich hier Finanzmittel eingesetzt wurden, um eben dort neue Kanäle und Pumpwerke zu bauen.

Gerade kleine Kommunen stehen beim Abwassersystem vor einer großen Herausforderung, da die alten Kanäle oft bei weitem nicht dem jetzigen technischen Standard entsprechen und natürlich auch in die Jahre gekommen sind. Hier muss dann abgewogen werden, ob ein Neubau oder gegebenenfalls eine Sanierung in Teilstücken oder mittels Inlinerverfahren sinnvoll ist“, so Korb.

Das Thema Ratten ist auch in Creglingen präsent und wird stetig überwacht. Die zum Teil doch alten Kanäle, mit vielen nicht genutzten alten Anschlüssen bieten den Tieren oft optimale Bedingungen. Nicht selten sind aber auch die Anlieger die Verursacher. Immer wieder werden Speisereste und sonstige „essbare“ Abfälle über die Toilette entsorgt und bieten den Kanalbewohnern einen reich gedeckten Speisetisch.

Zudem sind falsch genutzte Kompoststellen oder Müllablagerungen immer wieder Ausgangspunkte eines Rattenvorkommens.

Jürgen Korb dazu: „Hier erfolgt vor Bekämpfung eine Erfassung des Bestandes an der Befallstelle und erst dann wird mit der Bekämpfung begonnen. Dieses System gewährt die Einhaltung aller an die Rattenbekämpfung geknüpften rechtlichen Rahmenbedingen und zeigt uns dann auch ob der Einsatz erfolgreich war.“

Dinge, die da nicht hineingehören

Viele Anstrengungen werden unternommen und viel Geld von den Kommunen eingesetzt, um dieses für uns alle so kommode System am Laufen zu halten. Vielleicht ein Grund mehr, Dinge, die da bestimmt nicht hineingehören, nicht mehr über das Abwassersystem zu entsorgen.