Diözese Rottenburg-Stuttgart - Internetpräsenz und neue Berufsfelder sollen zur Verjüngung der Kirche beitragen / Zusammenlegung von Pfarreien kommt nicht infrage Über soziale Netzwerke zum Glauben

Von 
Gabriel Schwab
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Kirchenaustritte – vor allem bei den jüngeren Katholiken – geben den Verantwortlichen zu denken. Ein Lösungsansatz ist die Präsenz auf sozialen Netzwerken. © DPA

Zu wenig Priester, Austritte aus der Kirche und der hohe Altersschnitt ihrer Besucher geben der katholischen Kirche zu denken. Die Diözese Rottenburg-Stuttgart feilt derzeit an Lösungen.

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Bad Mergentheim. Die sinkende Zahl an Priesteranwärtern, Kirchenaustritte und eine höhere Altersstruktur im Gotteshaus sind einige der Probleme, denen sich die römisch-katholische Kirche stellen muss. Dem Ersteren begegnet die Erzdiözese Freiburg mit dem Prozess „Pastoral 2030“ (wir berichteten). Dieser sieht eine Umstrukturierung beziehungsweise Zusammenlegung der Erzdiözese auf 40 Pfarreien vor. Doch wie sieht es vor Ort beziehungsweise in der Diözese Rottenburg-Stuttgart aus?

Die „geht einen anderen konzeptionellen Weg“, verweist Pressesprecher Gregor Moser auf eine Aussage von Weihbischof Matthäus Karrer, Leiter der Hauptabteilung Pastorale Konzeption. Außerdem gebe es von Bischof Gebhard Fürst die Aussage, „dass die Anzahl der Pfarreien heute und auch in Zukunft nicht von der Anzahl der vorhandenen Priester abhängig ist.“

Darüber hinaus kommt ein „Pastoral 2030“ für Rottenburg-Stuttgart allein aus rechtlicher Sicht nicht infrage, informiert Moser: „Anders als im badischen Kirchenrecht müssen nach württembergischen Kirchenrecht die Pfarrei, die Kirchengemeinde als öffentliche Körperschaft und die Kirchenstiftung identisch sein.“ Doch welche andere Lösung hat man in der Rückhand? An dieser Stelle führt der Pressesprecher der Diözese die Situation in St. Johann Baptist Affaltrach in Obersulm an: „Dort ist mit Bärbel Bloching seit Januar 2018 eine Pastoralreferentin als Pfarrbeauftragte an der Spitze der Kirchengemeinde.“ Aktuell gebe es vier Pfarrbeauftragte in der Diözese Rottenburg-Stuttgart.

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„Wir sind eine Diözese, die die kleinen Gemeinden wertschätzt“, erklärt Dekan Ulrich Skobowsky. Gerade auch, weil man die kleinen Gemeinden respektiere, sei eine Neuordnung nicht angestrebt.

In puncto Problembehebung weitet er jedoch den Blick aus – beziehungsweise richtet ihn nach oben: „Solange man 50 Prozent der Kapazitäten – die Frauen – nicht berücksichtigt, solange wird der Wurm drin sein“, sagt Skobowsky im Gespräch mit dieser Zeitung. Außerdem müsse man die Glaubwürdigkeit der Kirche generell wiederherstellen. Ungerechtigkeiten müssten behoben werden. Und die hierarchischen Strukturen, die müssten durch mehr Teilhabe der Kirchengemeinde überwunden werden. „Warum sollte sie nicht mitbestimmen, etwa bei der Wahl eines Bischofs? Der heilige Geist wirkt nicht nur in Rom, sondern auch hier im Volk.“

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Während die strukturelle Frage noch geklärt wird, hat die Diözese bereits einige Antworten auf die demografische Situation im Kirchensaal. Um die Jugend ins Boot zu holen, wird unter anderem die Präsentation nach außen verjüngt. So sei man sowohl auf Twitter, Facebook, Instagram und Youtube aktiv.

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Darüber hinaus öffne die Diözese Rottenburg-Stuttgart die Arbeit in der Gemeindeseelsorge für weitere Berufsgruppen. Der 2018 in Kraft getretene Orientierungsrahmen für die Stellenplanung biete Gemeinden und Dekanaten mehr Freiraum beim Einsatz des Personals. Unter anderem: „Um hauptberufliches Personal dort einzusetzen, wo Zukunftschancen für die Kirche liegen“, erklärt Pressesprecher Moser. Mögliche weitere Berufe seien beispielsweise Sozialarbeiter, Sozialpädagogen, Kirchenmusiker, Religionslehrer oder Erzieher. Neue Aufgabenfelder könnten beispielsweise die Begleitung von Selbsthilfegruppen oder die Ehrenamtskoordination sein. Die neue pastorale Stellenplanung setze des Weiteren eine Forderung der regelmäßig in der Diözese stattfindenden Jugendforen um: „In jedem der 25 Dekanate wurde die dauerhafte Verankerung der Jugendseelsorge ab 2019 vorgesehen“, sagt Moser. Eine solche Stelle, so Pfarrer Ulrich Skobowsky, sei im Dekanat Mergentheim derzeit ausgeschrieben „aber leider noch nicht besetzt“ worden. Derzeit setze man noch auf die altbewährte Formen der Jugend- und Schularbeit sowie auf entsprechende Projekte: Etwa die große 72-Stunden-Aktion, Mentorenprogramme oder die Tage der Orientierung zu jugendrelevanten Themen. Was den medialen Auftritt angehe, sei man zwar mit einer Homepage und auf Facebook vertreten. Die Benutzung andere Kanäle – etwa WhatsApp – würde sich aber durch die neue Datenschutzverordnung schwieriger gestalten, informiert Dekanatsreferent Dr. Thomas Böhm.

In der Diözese Rottenburg-Stuttgart gibt es 25 Dekanate, 273 Seelsorgeeinheiten und 1025 Kirchengemeinden. „An dieser Struktur wird sich nichts ändern – es wird in der Diözese keine Großpfarreien geben wie anderorts“, betont Moser. Eine Statistik über die Kirchenaustritte 2018 werde es erst im Juli geben, informiert Gregor Moser. Die Zahl der Mitglieder der Diözese Rottenburg-Stuttgart hat 2017 mit 1 834 218 gegenüber 1 846 997 (2016) um 0,7 Prozent abgenommen, so die Presseinformation zur vergangenen Statistik. Am stärksten sei die Altersgruppe der 15- bis 44-Jährigen betroffen.