Interview mit Oberbürgermeister Udo Glatthaar - „Ärgerlich, wenn Innenstadtgeschäfte schließen müssen, während Einkaufsmärkte Non-Food-Artikel verkaufen“ Udo Glatthaar: „Ja, auch mich nervt die Pandemie total“

Die Corona-Lage in der Kurstadt, die wirtschaftlichen Folgen, dazu die neuen Schulden und die Sorgen um die „Solymar“-Therme waren Themen im Interview mit OB Udo Glatthaar.

Von 
Sascha Bickel
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Blick auf Bad Mergentheim aus dem Flugzeug über der Burg Neuhaus: Vorne sieht man das Neubaugebiet „Auenland“ mit der begonnenen Erweiterung im dritten Abschnitt (rechts), dahinter das Weberdorf und dann die Altstadt mit Münster und Schloss. © Sascha Bickel

Bad Mergentheim. Oberbürgermeister Glatthaar stellte sich den Fragen unserer Zeitung. Er rief die Bürger auf, die Hoffnung in der Krise nicht zu verlieren und durchzuhalten.

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Wie stellt sich die aktuelle Corona-Lage in Bad Mergentheim dar?

OB Udo Glatthaar: Corona ist das große Thema dieser Zeit und überlagert alles – das gesellschaftliche, wirtschaftliche und kulturelle Leben. Wir haben bislang viel Glück gehabt, dass wir nicht überdurchschnittlich viele Infektionen und Todesfälle verzeichnen mussten, wobei jeder Todesfall einer zu viel ist. Ich bin sehr froh, dass sich der Großteil der Bevölkerung weiterhin besonnen verhält und damit das Leben der besonders gefährdeten Menschen sowie unser Gesundheitssystem vor der Überlastung schützt.

Welche wirtschaftlichen Folgen hat die Corona-Krise vor Ort?

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Glatthaar: Zu den wirtschaftlichen Auswirkungen kann ich sagen, dass wir als Stadt bislang noch keine coronabedingten Insolvenzen gemeldet bekommen haben. Ich bin aber in großer Sorge, dass auch wir hier von Geschäftsaufgaben nicht verschont bleiben werden. Um eine Verödung der Innenstadt zu verhindern, müssen wir alle dem lokalen Einzelhandel weiterhin beistehen. Mein Appell an die Bürger lautet, jetzt mit „Click-and-Collect“ vor Ort zu bestellen und Waren abzuholen. Oder sobald die Türen wieder aufgehen, hier in der Kurstadt einzukaufen und mitzuhelfen, den Handel zu unterstützen.

Mir tut es übrigens weh, wenn unsere kleinen und mittelgroßen Innenstadtgeschäfte im Lockdown schließen müssen während nebenan große Einkaufsmärkte, Discounter und Vollsortimenter nicht nur ihre Lebensmittel verkaufen, sondern auch parallel noch Turnschuhe, T-Shirts und viele weitere Non-Food-Artikel. Dieses Ungleichgewicht gehört untersagt, entweder durch eingeschränkten Verkauf oder durch corona-konforme Öffnung der geschlossenen Geschäfte.

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Das Thema Corona nervt viele zunehmend. Wie geht es Ihnen?

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Glatthaar: Trotz allem schimpfen über die belastende Situation: Ich bin dankbar, wie wir hier in Deutschland die Corona-Pandemie gemeinsam meistern. Sicher wurden Fehler gemacht und vor allem in der zweiten Welle mag zu spät gegengesteuert worden sein. Wir haben aber immer noch eine bessere Situation als in vielen anderen Teilen Europas und der Welt.

Ja, auch mich nervt die Pandemie total. Auch ich will wieder raus und persönliche Kontakte erleben. Aber gerade jetzt ist das leider nicht möglich und wir alle müssen noch etwas durchhalten. Die Dramatik zeigt sich ja in den 60 000 Toten, die wir bundesweit zu beklagen haben.

Wir brauchen die Disziplin, uns selbst zu mäßigen. Das beginnt im Umgangston miteinander und in der Frage, ob ich alles, was mir stinkt, in Vorwürfe packen und über meinen Mitmenschen ausschütten muss. Es geht nicht um das Ende von Freiheit und Demokratie, sondern um das Überleben von möglichst vielen Mitmenschen, weil wir uns in unserer humanen Staatsform entschieden haben, alle im Blick zu haben und die Gesundheit aller zu schützen.

Mein Dank gilt einmal mehr allen Helfern in dieser Corona-Krise.

Wie kommt die Stadtverwaltung mit der Krise zurecht?

Glatthaar: Wir müssen die öffentliche Ordnung aufrecht und die Verwaltung am Laufen halten und zugleich auch unsere Mitarbeitenden schützen. Es gelten verschärfte Abstands- und Hygieneregelungen auch in den Büros, viele sind im Homeoffice, alle Sachgebiete des Kultur- und Tourismusamtes sowie Beschäftigte der „Solymar“-Therme sind auch in Kurzarbeit. Es gibt weniger Kontakte und im Bauhof gar einen Drei-Schicht-Betrieb.

Die Verwaltung macht ihre Arbeit, kann aber derzeit nicht alle Projekte und neuen Ideen, die uns erreichen, sofort abarbeiten. Wir müssen Aufgaben priorisieren und bitten alle – die Bürgerschaft genauso wie die Gremien – der Verwaltung die nötige Luft zum Atmen zu lassen.

Und es gibt den Spagat zwischen den Kontrollen des Lockdowns durch das Ordnungsamt und der örtlichen Wirtschaftshilfe?

Glatthaar: Wir müssen die Vorgaben des Staates kontrollieren, wollen aber auch den Betrieben und Menschen in der Not helfen. In erster Linie sehen wir uns in dieser schwierigen Zeit als Partner. Wir stehen Unternehmen, Gastronomiebetrieben und Einzelhändlern beratend zur Seite und legen ihnen keine zusätzlichen Steine in den Weg.

Das städtische Wirtschaftsförderungsprogramm war mit seinem Umfang von 500 000 Euro ein Kraftakt. Die nicht verbrauchten Gelder von rund 100 000 Euro wurden in 2021 übertragen und die Laufzeit des Programms verlängert. Wir werden mit dem Gemeinderat aber auch weiter überlegen, wo und wie wir helfen können.

Der Start der neuen M-Card war erfolgreich – auch dank eines 25 000 Euro Zuschusses durch die Stadt. So wurden innerhalb weniger Tage 125 000 Euro an Gutschein-Werten für die Citygemeinschaft generiert. Im Frühjahr und Sommer wollen wir wieder eine Verdoppelung der Außenbestuhlung für die Gastronomie ohne Mehrkosten erlauben.

Darüber hinaus ist es unser Ziel, den Frei- und Kulturschaffenden und den Tätigen in der Veranstaltungsbranche eine helfende Hand anzubieten. Wir sind damit konfrontiert, dass manche gar sagen, sie sehen für sich keine Lebensperspektive mehr. Das ist sehr bedrückend. Doch die Unterstützung durch den Sozialstaat ist möglich und sollte ohne Scham angenommen werden.

Der Haushalt 2021 rutscht tief in die roten Zahlen. Wie ist es um die finanzielle Situation bestellt?

Glatthaar: Wir rechnen mit der Genehmigung des Haushalts 2021 durch das Regierungspräsidium in den nächsten Wochen. In den sechs vorangegangenen Etats – 2015 bis einschließlich 2020 – konnten wir Schulden abtragen und sind ohne Kreditaufnahme ausgekommen. Nun müssen wir dieses Jahr krisenbedingt neue Schulden machen, aber wir wollen unsere Projekte im Bereich Kindergärten und Schulen auch so durchziehen wie wir es uns vorgenommen haben. Was dabei nach hinten rutschen kann, mag die eine oder andere Straßensanierung sein. Projekte im Bereich Klima- und Umweltschutz beschäftigen uns und wir wollen ein neues Sanierungsgebiet für die Kernstadt beim Land beantragen.

Die Auswirkungen der gesamten Pandemie werden wir erst in den nächsten Jahren voll zu spüren bekommen. Durch den wirtschaftlichen Einbruch werden wir mit kleineren Haushaltsvolumen leben müssen, das engt unsere Spielräume entsprechend ein. Der Staat gleicht uns zwar Gewerbesteuerverluste aus, aber nicht den ebenso hohen Rückgang beim Anteil an der Einkommensteuer. Hier fehlt uns Geld, wie auch durch den Ausfall von Gebühren und Abgaben.

Kurzum: Sechs Jahre lang hat Bad Mergentheim keine neuen Schulden gemacht, doch dieses Jahr sind maximal 6,5 Millionen Euro Kreditaufnahme eingeplant: für Betreuung und Bildung, für Zukunftsinvestitionen – und das ist vertretbar.

Was passiert 2022 und 2023? Werden die Bürger wieder stärker zur Kasse gebeten oder schlimmstenfalls gar liebgewonnene Einrichtungen, die nicht zum Pflichtprogramm gehören, geschlossen?

Glatthaar: Nein, das glaube ich so nicht. Ich hoffe sehr, dass es dieses Jahr schon wieder vorsichtig bergauf geht. Wir haben nicht vor, Steuern, Abgaben oder Gebühren zu erhöhen. Sollte allerdings die wirtschaftliche Delle noch größer ausfallen und viel länger andauern, dann ist nicht auszuschließen, dass auch solche Themen diskutiert werden. Viel hängt dabei auch von der Unterstützung des Bundes und des Landes ab. Absehbar ist schon jetzt, dass der Haushalt 2022 schrumpfen wird und wir Projekte strecken müssen.

Noch kurz zur „Solymar“-Therme, die auch von den Zwangsschließungen betroffen ist. Wie sieht hier die Zukunft aus? Droht der Betreiber gar auszusteigen?

Glatthaar: Nein, eine solche Drohung gibt es nicht. Ich bin zuversichtlich, dass wir den erfolgreichen bisherigen Weg auch gemeinsam weitergehen werden. Die Therme wird aktuell in einer Art „Schlafzustand“ gehalten, das Team ist größtenteils in Kurzarbeit und es werden in der Zwangspause kleinere Reparaturen durchgeführt. Jeder Monat, wo das Bad geschlossen ist, bringt Defizite mit sich. Wie groß das Minus am Ende sein wird, werden wir sehen. Der Betreiber bemüht sich, in Hilfsprogramme aufgenommen zu werden, die Stadt unterstützt ihn dabei. Wir hoffen auf Bundes- oder Landesmittel, schließlich gehört die „Solymar“-Therme zu 100 Prozent der Stadt und wird privat betrieben. Es sollte also entweder eine Kommunalbäder-Hilfe oder eine privatwirtschaftliche Hilfe greifen.

Wir sind mit dem Betreiber im engen Austausch. Die Therme ist elementar für das Image und das Wohlgefühl unserer Kurstadt mit ihren hohen Ansprüchen. Gemeinsam haben wir die Therme wieder auf einen guten Weg gebracht, nach der schwierigen Sanierung und Modernisierung. Wir waren zuletzt im zweiten Jahr mit einem kleinen positiven Abschluss und dann kamen Corona und der jetzige Einbruch. Nun gilt es durchzuhalten. Wir alle können Gutscheine kaufen und die Therme jetzt schon unterstützen.

Redaktion Hauptsächlich zuständig für die Große Kreisstadt Bad Mergentheim