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In Löffelstelzen

„Siehst du die Grenzen nicht, können sie dich nicht aufhalten“

Eindrucksvolle Buch- und Familienvorstellung auch ohne Autorin

Von 
Inge Braune
Lesedauer: 
Für die gelungene Buchvorstellung sorgten (von links) Ansgar Weiß, Stefan Müller, Anja Hajek und Michael Müller, Ortsvorsteher von Löffelstelzen. Die Braille-Punktschrift-ausgabe in der Hand Müllers enthält nur die Hälfte des viel kleineren Bandes, den Anja Hajek zeigt. © Inge Braune

Nach der Veranstaltung im Gemeindesaal lugte ein Fast-Vollmond hinter kleinen Wolkenschleiern hervor, und im Westen malte die Abendsonne feine Rottöne an den Himmel. Stefan Müller, einer der drei Protagonisten des Buches von Jutta Hajek, sah das nicht. Er ist blind.

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Löffelstelzen. Man kann drauf wetten, dass ihm einer der rund 50 Gäste der Buchvorstellung das Himmelsschauspiel schilderte. Stefan Müller ist mit fast der Hälfte der Anwesenden verwandt und nahm mit etlichen von ihnen am Vortag an der Walldürner Wallfahrt teil. Klar, er ist Pfarrer. Aber andererseits: er ist blind.

Ansgar Weiß, Vorsitzender der Löffelstelzener Ortsgruppe des Verbands Katholisches Landvolk in der Katholischen Arbeitnehmer-Bewegung, fand das höchst eindrucksvoll. Dabei ist die Wallfahrtsteilnahme für Pfarrer Müller keineswegs der Gipfel seiner Aktivitäten: Er leitet auch schon mal einen Gipfelgottesdienst im alpinen Umfeld, reist recht entspannt auch ohne Begleitperson im Zug durch die Republik, ist mit seiner Gemeinde, seinem Bruder und Freunden in Afrika unterwegs oder, wie noch vor ein paar Tagen, in Israel, wo er sein silbernes Priesterjubiläum feierte. Überhaupt: Er war in Deutschland der erste Blinde, der zum Priester geweiht wurde. Das sorgte für einiges Aufsehen. Geht das, ein blinder Priester? Es geht. Stefan Müller beweist es täglich.

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Sein Bruder treibt das „es geht“ vielleicht sogar noch weiter auf die Spitze: Christof Müller ist ebenfalls blind. Und Lehrer. Er unterrichtet überwiegend Oberstufenklassen an einem ganz normalen Gymnasium. Für ihn sei es ganz normal, auch als Vertretungslehrer einzuspringen, wenn ein Kollege oder eine Kollegin ausfällt. Natürlich habe er Assistenten, die etwa bei Korrekturen von Klassen- oder Abiturarbeiten helfen. Aber sonst? Sonst mache er seinen Job wie jeder andere auch.

Die lockeren Berichte des blinden Pfarrers sind eingebettet in eine Buchvorstellung, an der eigentlich Autorin Jutta Hajek persönlich teilnehmen wollte. Eigentlich. Doch trotz aller Vorsicht fing sie sich, wie sie in der eingespielten Tonaufzeichnung mitteilt, Corona ein. Fast habe man die Lesung absagen müssen, doch glücklicherweise hat Jutta Hajek ein gutes Verhältnis zu ihrer Tochter Anja Hajek. Die arbeitet im IT-Bereich, hatte am Montag bereits einen kompletten Arbeitstag hinter sich, ehe sie sich auf den Weg nach Löffelstelzen machte, um ihre Mutter bei der Lesung zu vertreten.

Premiere, wenn auch mit Vorbereitung: sie habe ihre Mutter schon mehrfach zu deren Lesungen aus dem Buch über die blinde Familie begleitet, und sich da trotz ihrer organisatorischen Aufgaben das eine oder andere abschauen können, berichtet sie.

Stift geliehen

Premiere? Echt? Na gut, wir glauben’s mal. Gekonnt präsentierte sie erst Passagen aus dem Leben von Mariechen Müller, der ebenfalls blinden Mutter von Stefan und Christof. Jutta Hajek hat der alten Dame sozusagen ihren Stift geliehen, lässt sie in der Ich-Form berichten, was sie erlebte als ständig bedrohtes, weil fast blindes Kind im so genannten Dritten Reich. Man fiebert mit bei diesen Passagen, begleitet Mariechen Müller bei der Lesung durch Schule, Ausbildung, Familienleben mit zwei blinden Elternteilen und zwei anfangs nur beinahe blinden Söhnen. Wie eine Löwin muss sie darum gekämpft haben, dass beide, die des nur einjährigen Altersunterschieds wegen fast wie Zwillinge aufwuchsen, in einer Klasse unterrichtet werden konnten.

Dann lässt Anja Hajek in den Worten ihrer Mutter Christof zu Wort kommen, Christof, der von der Krankheit, dem Tod des Vaters berichtet. Ein sehr humorvoller Mensch sei er, berichtet Anja Hajek - und tritt gleich mit einer Tonbandaufnahme einer herrlich selbstironischen Büttenrede des Lehrers den Beweis an. Das bewundere sie am meisten, diesen Humor eines Menschen, der nun wirklich diverser Krankheiten zusätzlich zu seiner Blindheit wegen genug Grund zu klagen hätte. Statt dessen engagiere er sich politisch, kämpfe, lache, glaube und vertraue.

Mit so einem lässt es sich gut reisen, findet auch sein Bruder Stefan: gemeinsam waren sie vor einigen Jahren in Sambia, besuchten die Victoria-Fälle, nahmen teil an einer Safari-Wanderung und lauschten den Liebesgesängen der Flusspferde.

Auch Stefan Müller gewinnt in Jutta Hajeks von ihrer Tochter vorgestellten Passagen Kontur: Seine Auseinandersetzung mit dem Christentum, Berufung, den Schwierigkeiten auf dem Weg ins Priesteramt, der Liebe, die eine große hätte werden können.

Gipfelmesse kein Problem

Dann erzählt der blinde Pfarrer selbst vom Brotvermehrungswunder, das er bei der Gipfelmesse in Osttirol erlebte. Ein paar hundert Bergwanderer hatten sich auf den Weg gemacht, und dann fiel am Gipfelkreuz plötzlich auf, dass die Hostien im Tal geblieben waren. Ein Glück, dass genügend Wandernde auch nicht belegte Brote bei sich hatte, so dass Stefan Müller mit diesem Brot die Wandlung feiern konnte. Dass ausgerechnet an diesem Tag die Brotvermehrung auf dem Leseplan stand, ist für Stefan Müller nicht einfach Zufall.

In der anschließenden Fragerunde – Löffelstelzens Ortsvorsteher Michael Müller sorgte mit dem mobilen Mikro fürs klare Verständnis – Stefan Müller gern Auskunft: Corona stelle für ihn ein Problem dar, denn mit den Berührungseinschränkungen sei ihm ein Teil seiner Wahrnehmungsfähigkeit genommen.

Auch die Computerwelt nehme wenig Rücksicht auf Blinde: Wer Mouseclicks nicht platzieren kann, bleibt oftmals außen vor. Und schwieriger als früher sei der rasend schnellen Schnitte wegen auch der TV-Genuss. Am ärgerlichsten für den Bahnfahrer ist, dass etwa Zugverspätungen oft nicht mehr angesagt werden. Die Tafel kann er nun einmal nicht sehen. Dennoch: er komme an. Auf Bergen ebenso wie auf dem richtigen Bahnsteig – mit Hilfe, ja, aber doch auch mit eigener Kraft.

Und abhängig von der Unterstützung anderer zu sein, denen es zu vertrauen gelte, sei auch aus Glaubenssicht eine gute Erfahrung.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.

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