Einzelhandel - Neueste Corona-Verordnung der Landesregierung bremst Häuser mit über 800 Quadratmetern Verkaufsfläche aus / Enormer Unmut und Druck auf die Politik Sechs große Geschäfte müssen zu bleiben

Von 
Sascha Bickel
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In den Schaufenstern und vor dem Haupteingang des Modehauses Kuhn demonstrierten die Eigentümerfamilie und ihre Angestellten gegen eine „ungerechte Behandlung“ von Einzelhändlern über 800 Quadratmetern Verkaufsfläche. © Sascha Bickel

Viele kleinere Einzelhändler durften am Montag ihre Türen wieder öffnen. Außen vor waren HEM expert, Woolworth, die Modehäuser „Kuhn“ und „C&A“, das Dänische Bettenlager und Möbel AS.

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Bad Mergentheim. Der Unmut bei denen, die über 800 Quadratmeter Verkaufsfläche haben, ist groß – auch in der Kurstadt. Freuen durften sich am gestrigen Montag nur die kleineren Einzelhändler. Für sie endeten die verordneten Zwangsschließungen seit Mitte März bedingt durch die Corona-Krise.

Derweil wächst auch in Baden-Württemberg der Druck auf die Landesregierung vonseiten der größeren Händler, ihnen Erleichterungen beziehungsweise Teilöffnungen zu gewähren. Die Telefondrähte glühen und bestehende Netzwerke werden aktiviert.

Auch Oberbürgermeister Udo Glatthaar erklärt: „Wir befürworten grundsätzlich die vorsichtige Lockerung, brauchen aber Nachbesserungen bei den Vorgaben.“ Seit Freitag liege die neue Landesverordnung vor, die Grundlage für das städtische Vorgehen sei. Über das Wochenende seien zudem „weitere Konkretisierungen im Rathaus eingegangen“.

Sechs Ausnahmen

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Maßgeblich für die Situation auch in Bad Mergentheim ist laut Stadtverwaltung die von Bund und Land erlassene 800-Quadratmeter-Obergrenze. Diese bedeute, dass „nach jetzigem Stand mit sechs Ausnahmen alle Geschäfte wieder öffnen dürfen. Überschritten werden die 800 Quadratmeter bei: HEM expert, Woolworth, Dänisches Bettenlager, Möbel AS sowie bei den Modehäusern ’Kuhn’ und ’C&A’. Als Stadt hätten wir diesen Geschäften gerne gestattet, einen auf maximal 800 Quadratmeter verkleinerten Teilbereich zu öffnen. Die inzwischen nachgereichten Auslegungshinweise des Wirtschaftsministeriums sind jedoch eindeutig und verbieten dies leider“, so der städtische Pressesprecher Carsten Müller.

OB Glatthaar habe deshalb bereits bei der Landesregierung in Stuttgart interveniert. „Wir erwarten von der Landesregierung, dass hier differenziert wird: Zwischen Großstädten, wo ein Massenandrang in den Innenstädten vermieden werden soll, und dem ländlichen Raum, wo die vorsichtige Öffnung nur weniger weiterer Läden die Gesamt-Frequentierung der Stadt nur unwesentlich verändern würde. Ich setze mich deshalb bei der Landesregierung mit Nachdruck dafür ein, dass zumindest die Teilflächen-Öffnung in den nächsten Tagen gestattet wird, und bitte das Wirtschaftsministerium dringend darum, uns Kommunen im ländlichen Raum dies zu ermöglichen“, so OB Glatthaar.

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Hans-Joachim Kuhn ist Vorsitzender der Citygemeinschaft und begrüßt zunächst, dass die meisten Mitgliedsgeschäfte am Montag die Möglichkeit bekamen, ihr Geschäft wieder zu öffnen. Wichtigen Innenstadtmagneten über 800 Quadratmetern Fläche sei dies allerdings verwehrt worden, beklagt Kuhn und ist überzeugt: „Bei uns auf dem Land wäre es ganz sicher auch kein Problem gewesen, alle notwendigen Sicherheitsstandards und notwendigen Mindestabstände jederzeit einzuhalten. In anderen Bundesländern hat man dies verstanden und entsprechend reagiert. Die Grünen in Baden-Württemberg haben dies leider bei uns verhindert.“ Grundsätzlich freuten sich alle Händler, wenn es Schritt für Schritt zurück zu „normalen Verhältnissen“ gehe.

„Nicht nachvollziehbar“

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„Die Entscheidung der 800 Quadratmeter-Begrenzung ist für uns, wie für viele Kollegen, nicht nachvollziehbar“, bringt es auch Ralph Glass, Marktleiter von HEM expert am Mühlwehrkreisel, auf den Punkt.

Im expert-Fachmarkt ist das Team von Glass aktuell nur in der Telekommunikationsabteilung (systemrelevant) und im Servicebereich persönlich für die Kunden erreichbar. Für alle anderen Warenbereiche bietet man den Kunden eine telefonische Fachberatung und die Möglichkeit, die Ware direkt im Markt abzuholen.

„Wir wünschen uns im Sinne unserer Kunden und Mitarbeiter eine schnelle Öffnung des gesamten Marktes unter Einhaltung der Hygieneauflagen, um die wirtschaftlichen Folgen in Grenzen zu halten“, erklärt Glass weiter und unterstreicht, dass „natürlich für expert die Gesundheit der Mitarbeiter und Kunden oberste Priorität hat“.

„Eine Katastrophe“

Für das weiterhin geschlossene Modehaus Kuhn gaben Maike und Johannes Kuhn eine eindeutige Stellungnahme gegenüber der Redaktion ab: „Die aktuelle Interpretation der 800 Quadratmeter-Grenze in Baden-Württemberg ist eine Katastrophe für unser Modehaus“, so Johannes Kuhn. Mit Plakaten protestierten seine Familie und viele Mitarbeiter am Montagmorgen in der Burgstraße gegen die ihrer Meinung nach „ungerechte Behandlung“.

Nach den Regelungen der Landesregierung Baden-Württemberg für die Lockerungen der Corona-Maßnahmen dürfen Häuser über 800 Quadratmeter Verkaufsfläche auch keine Teilfläche bis maximal zu dieser Grenze öffnen, sondern müssen komplett geschlossen bleiben. In Rheinland-Pfalz, Hessen, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen werde dies anders gehandhabt, kritisieren Maike und Johannes Kuhn die Verantwortlichen in Stuttgart.

„Wir sind seit über einer Woche in gewohnter Professionalität perfekt auf alle Hygienemaßnahmen vorbereitet“, betont Maike Kuhn. Desinfektionstürme, Glaswände an den Kassen sowie mehrere Tausend Masken wurden angeschafft, um für die Öffnung vorbereitet zu sein. „Unsere Gegebenheiten im Erdgeschoss erlauben eine unkomplizierte Abtrennung von 800 Quadratmetern und trotzdem dürfen wir nicht öffnen“, sagt sie enttäuscht und fordert in Briefen Änderungen von der Landespolitik. Vom CDU-Landtagsabgeordneten und Fraktionschef im Landtag, Wolfgang Reinhart, bekam die Familie Kuhn eine rasche Antwort: Die CDU-Fraktion könne die Ansichten „absolut nachvollziehen“ und man arbeite auf Landesebene mit Hochdruck daran, dass die Regelung in dieser Form angepasst werde. Ihm, so Reinhart, wäre eine Regelung „mit einer Frequenzbegrenzung (eine Person auf 20 Quadratmetern) noch viel lieber gewesen als eine Flächenbegrenzung“.

Auch Landrat Reinhard Frank signalisierte der Familie Kuhn Unterstützung in ihrem Anliegen. Man wolle sich an die zuständigen Landesminister wenden, die restriktive Auslegung der Bund-Länder-Vereinbarung vom 15. April „schnellstmöglich zu beenden“.

Antworten von Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut und Ministerpräsident Winfried Kretschmann lagen am Montagnachmittag bei den Kuhn’s noch nicht vor.

Redaktion Hauptsächlich zuständig für die Große Kreisstadt Bad Mergentheim