Bürgerforum „Stadtbild“

Schleifrillen laden zur Spekulation ein

Serie „Mergentheimer Steine erzählen“ (Folge 16)

Von 
Wolfram Klingert
Lesedauer: 
Schleifrillen an der Nordseite des Münsters. © Klingert

Bad Mergentheim. Am Weikersheimer Marktplatz fallen sie dem Spaziergänger sofort ins Auge, die tief ausgeschabten Rillen im Sandstein der Stadtkirche oder des Dorfmuseums. In Mergentheim muss man diese Spuren schon suchen. Weniger tief ausgekratzt findet man sie im Muschelkalk an der Nordostecke des Rathauses und an der Nordwand des Münsters.

Diese Schleifrillen sind landauf und landab sehr häufig. Meistens sind sie an steinernen Kirchenportalen angebracht. Offensichtlich wurden sie nachträglich in die verbauten Steine eingeritzt. Von, wann und warum? Darüber gibt eine ganze Reihe von mehr oder weniger glaubhaften Hypothesen. Fangen wir mit einer ganz profanen Erklärung an. Die Menschen mussten ihre Haushaltsgeräte und ihr Werkzeug schärfen. Es gab wenig steinerne Häuser in den Kleinstädte. In den Dörfern war meist nur die Kirche aus Stein gebaut. So wurden die Kirchenwände einfach als Schleifstein genutzt. Der frühere hessische Landeskonservator Gottfried Kiesow sammelte weitere mündliche Überlieferungen. Möglich, dass die Waffen vor Kriegshandlungen symbolisch geschärt wurden. Ebenso möglich, dass die Waffen vor einem Eintritt in den geheiligten Kirchenraum sinnbildlich stumpf gemacht wurden.

Vielleicht kratzte die abergläubische Bevölkerung Steinmehl aus den Rillen, um es als Schutz vor dem bösen Blick mit sich zu tragen? Oder sie streuten es in das Futter ihres Viehs, um es vor Krankheiten zu bewahren? Es kann darüber spekuliert werden, ob die Redensart „in die gleiche Kerbe schlage „mit den Schleifrillen zusammenhängt? Die Familien der Brautleute bekundeten demnach ihre Zusammengehörigkeit, in dem sie am Kirchenportal in die gleiche Kerbe schlugen. Das Osterfeuer musste jedes Jahr neu mit Steinen entzündet werden. Schlug man mit einem Feuerstein in die Rillen wodurch sich der darunter gehaltene Zündschwamm entfachte? Zeitzeugen berichten davon, dass Schulkinder ihre Schiefergriffel an den Steinen geschliffen haben.

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Stammen die Rillen demnach von Lausbuben? Mancherorts sind sie als Teufelskrallen bekannt. Dass der Belzebub mit seinen Krallen die Rille ausritzte, ist eine eher unwahrscheinliche Erklärung. Die Schleifrillen zeigen, und das macht sie wiederum interessant, wie wenig wir über die kleinen Dinge des Alltags unserer Vorfahren wissen. Welche der Hypothesen stimmt? Oder ist in jeder ein Wahrheitsgehalt? Die Rillen geben Anlass zur Spekulation.