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Bürgerforum Stadtbild - Mergentheimer Hausheilige und Hausmadonnen (Teil 6)

Rom hat St. Christophorus aus Heiligenkalender gestrichen

Von 
bfs
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Bad Mergentheim. Wie kam’s wohl zu dem Glauben, wer frühmorgens das Bild des heiligen Christophorus schaue, könne an diesem Tag nicht jähe, also ohne Sterbesakramente, aus dem Leben scheiden? Kein Wunder, dass der urig anmutende Heilige, oft als großformatiges Wandgemälde an Kirchen und Kapellen, aber auch innerhalb der Gotteshäuser, zu sehen ist. Viele Volkskundler vermuten sogar, dass das Bild des Reisepatrons mit dem baumartigen Stecken, an den Gasthäusern „Zum Riesen“ oder „Zum Wilden Mann“ ursprünglich nichts anderes als ein weltlich verkappter Christophorus sei.

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In Mergentheim hängt das farbig aufgefrischte monumentale Wandgemälde Karl Maria Lechners außen an der Südwand der Wolfgangskapelle jenseits der Tauberbrücke; Lechner hat 1937 die Malerei von Tobias Weiß ersetzt. Das Bild illustriert die Legende: Ein heidnische Riese im Morgenlande, zwölf Ellen groß und überaus stark, namens Reprobus habe sich vorgenommen nur dem größten aller Herren zu dienen. So trat er in den Dienst eines Königs. Als der sich vor dem Teufel fürchtete, schloss sich Reprobus Satans Gefolge an.

Das Bild des Christophorus an der Wolfgangskapelle. © bfs

Und als der vor einem Kruzifix zurückwich, machte sich der Riese auf die Suche nach Christus. Ein Einsiedler, der in einer Höhle an einem reißenden Flusse hauste, meinte, Reprobus diene diesem Herrn am besten, wenn er hier die Wanderer sicher durch die Wassergefahr bringe.

In einer Sturmnacht hörte er so wieder einmal den Ruf „Hol über!“ – das Kind, das er fand und auf die Schulter nahm, drückte ihn im Wasser immer mehr nieder, bis der Riese keuchte, es komme ihn vor, als trage er die ganze Welt. Da bekam er die Antwort, er trage nicht nur die Welt, sondern auch den Schöpfer von Himmel und Erde. Und dann taufte das Kind Reprobus auf den Namen Christophorus, also Christusträger. An einem 25. Juli soll Christophorus für seinen Glauben den Märtyrertod gestorben sein.

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Im arbeitsteiligen Heiligenhimmel gilt seit dem hohen Mittelalter St. Christophorus als Patron der Reisenden, der Schiffer und Fuhrleute, als Nothelfer in Wassergefahr und schwerer Krankheit. In den Wäldern um Mergentheim blüht im Mai und Juni das Christophskraut, aus dessen weißen Blüten erbsengroße schwarzglänzende und giftige Beeren reifen. Heinrich Marzells Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen führt für das Hahnenfußgewächs Actaea spicata, so die botanische Bezeichnung, zweieinhalb Spalten volkstümlicher Namen auf. Früher wurde die Pflanze gegen die Pest gebraucht.

Obwohl seit den Tagen der kritischen Humanisten die Wundersucht angeprangert wurde, die mit dem legendären Heiligen aus dem Orient verbunden war, erlebte die wachsende Zahl der Verkehrstoten in den 1920er Jahre eine neue Blüte des Christophoruskultes. Papst Paul XI. führte für den 25. Juli die kirchliche Autoweihe ein.

Millionenfach ist seitdem das Plakettenbild des 1969 aus dem Heiligenkalender verbannten Christophorus bei den Autofahrern verbreitet, nach dem Motto: „Schaden kann’s ja nicht.“ bfs

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