Helden der Corona-Krise - Polizei erwartet vermehrt Verstöße gegen Landesverordnung am Wochenende / Betrüger nutzen Krisensituation für sich „Revier komplett auf den Kopf gestellt“

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Gabriel Schwab
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Polizeioberkommissar Christoph David ist trotz Corona-Krise die Ruhe selbst. © Gabriel Schwab

Bislang ist die Situation entspannt – Polizist Christoph David auch. Infektionsschutz wird im Revier Bad Mergentheim derzeit groß geschrieben. Bei Einsätzen ist dieser jedoch schwieriger.

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Bad Mergentheim. Polizeioberkommissar Christoph David ist die Ruhe selbst. „Natürlich ist die Situation auch für uns etwas komplett Neues und mit Sorgen verbunden“, sagt der 40-jährige Beamte. „Verängstigt bin ich aber nicht.“ Ob das etwas mit der langen Erfahrung als Polizist auf Streife zu tun hat? „Sicherlich“, meint David. „Da ist es ja auch so, dass man jeden Tag mit Überraschungen rechnen muss.“ Im Zusammenhang mit der Corona-Krise blieben solche bislang aus.

Das neue, primäre Einsatzgebiet „Infektionsschutzmaßnahmen“ überfordere die Kapazitäten der Polizei nicht. Sie würden an anderen Stellen ganz von alleine freigeschlagen. So entstünden durch den geringeren Autoverkehr etwa weniger Unfälle. Durch die Schließung der Kneipen und Gaststätten müsse man seltener zu Streitigkeiten ausrücken, durch die Schließung von Läden weniger zu Diebstählen. Derzeit fänden keine Präventionsmaßnahmen wie Verkehrserziehung statt. Fortbildungen fielen aus. Geplante größere Verkehrskontrollen mit vielen Beamten auf engem Raum – dito. David betonte jedoch, dass die noch gute personelle Situation der Status quo sei. Was der weitere Verlauf der Pandemie bringe, sei noch offen. Derzeit seien noch keine Kollegen im Bad Mergentheimer Revier erkrankt. Manche befänden sich jedoch in Quarantäne.

Kein Anstieg häuslicher Gewalt

Anders als in anderen Teilen von Deutschland verzeichne man bisher noch keinen Anstieg an Straftaten im Bereich der häuslichen Gewalt – weder im Zuständigkeitsbereich Bad Mergentheim noch im übergeordneten Polizeipräsidium Heilbronn. Anders sei das mit Betrügermaschen. Besonders abgebrühte Täter nutzten die aktuelle Lage aus, um Enkeltrick- und falsche Polizistenanrufe auf ein neues, perfides Level zu heben. Gemeinsam haben die Maschen, dass sie von Kriminellen benutzt werden, um Menschen –meist Senioren – um ihr Hab und Gut zu bringen.

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Bei dem Corona-Enkeltrick rufe etwa ein vermeintlicher, angeblich an Covid-19 erkrankter, Verwandter an und braucht Geld für die Lebensbewältigung oder eine Behandlung. Falsche Polizisten holten sich ihr Diebesgut nicht mehr selbst ab, sondern lassen es sich „aufgrund der aktuellen Infektionsschutzmaßnahmen“ vor die Tür legen. Auch Nachbarschaftshilfen, so Polizeipressesprecher Gerald Olma, seien mitunter mit Vorsicht zu genießen. Dubiose Anbieter im Netz nutzen hier die Notlage von (alten) Menschen aus.

Was den Infektionsschutz angeht, da lautet im Polizeirevier die Devise: „Prävention“. Das betreffe, so David, die räumlichen Gegebenheiten, die Organisation und selbstverständlich den Dienst selbst. „Im Hinblick auf den Infektionsschutz haben wir das Revier auf den Kopf gestellt“, berichtet David. Der Besucherverkehr sei stark eingeschränkt. Die Schleuse, ein abgeschlossener Eingangsbereich zum eigentlichen Revier, bleibe für die meisten Menschen zu. Stattdessen würden die Polizisten sich mit den Besuchern beraten, ob die Beamten nicht per Telefon, E-Mail oder über die Internetwache helfen können.

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Ist das nicht möglich, gehe es ins umfunktionierte Vernehmungszimmer. Dieses befinde sich direkt am Anfang des Reviers, damit die Besucher gar nicht groß mit Räumen und Beamten in Kontakt kämen. Eine Plexiglasscheibe trenne den Polizisten am Computer von dem Zivilisten. Andere Maßnahmen seien ganz ähnlich wie in vielen Firmen. „Wir arbeiten im Schichtbetrieb. Und auch innerhalb der Schichten achten wir darauf, nicht alle im selben Raum zu sein. Die Übergaben macht der Chef der Dienstgruppe. So minimieren wir die Kontakte zwischen den Beamten“, erklärt der Polizeioberkommissar.

„Abstand halten!“

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Darüber hinaus gelte im Revier Bad Mergentheim: „Abstand halten“. Klar sei aber, dass das im laufenden Betrieb nicht immer und überall möglich ist. „Im Streifenwagen bekommen wir keine zwei Meter Abstand hin“, sagt der 40-Jährige.

Apropos Einsatzfahrzeuge: Deren Standardausrüstung sei um Schutzanzüge und Schutzmasken erweitert worden. Außerdem befinden sich seit April 2019 Spuckschutzhauben für Tatverdächtige in den Kofferräumen. Diesen kommt in Zeiten der Corona-Krise eine größere Bedeutung zu. Bei Kontrollen seien nicht immer alle Vorsichtsmaßnahmen umsetzbar. Stoße die Polizei etwa auf Personengruppen, könne sie zwar schon per Lautsprecher auf die Landesverordnung hinweisen.

Die Vorgehensweise sei jedoch nicht immer von Erfolg gekrönt wie ein Beispiel am vergangenen Wochenende gezeigt habe.

Am Skaterplatz im Stadtpark hielten sich zu diesem Zeitpunkt drei Personen auf. Eine Streife der Bereitschaftspolizei, die das Polizeirevier bei Präsenzmaßnahmen unterstütze, sprach die Personen, zunächst mittels Lautsprecher, an und bat darum, den Auflagen der Corona-Verordnung nachzukommen.

Die 29, 33 und 34 Jahre alten Männer kamen der Aufforderung jedoch nicht nach. Eine Kontrolle war somit unabdingbar. Zum Schluss gab es neben Anzeigen wegen des Verstoßes gegen das Infektionsschutzgesetz auch eine Anzeige wegen Beleidigung eines Polizeibeamten.

„Das ist aber die Ausnahme“, betont David. Im Gegenteil sei es so, dass die Polizisten überwiegend zufrieden mit dem Verhalten der Bevölkerung sind. Verstöße gab es am vergangenen Wochenende nur sechs.

Viele Bürger melden Verstöße

Viele, so David, scheuten sich nicht, zum Hörer zu greifen, wenn sie Verstöße gegen die Landesverordnung beobachten. „Das Telefonaufkommen ist zurzeit hoch“, lacht David. Der Blick gen Wochenende ist jedoch etwas besorgter. „Wir gehen davon aus, dass sich die Dinge bei dem sommerlichen Wetter doch mehr nach draußen verlagern. Christoph Davids Einschätzung nach sei es wahrscheinlich, dass die Maßnahmen nach dem Stichtag „19. April“ - wenigstens teilweise - aktiv bleiben.

Die Verordnung beschneidet jedoch Grundgesetze. Ob der Hüter des Gesetzes das auch kritisch sehe? „Als Polizist bin ich dafür da, die geltenden Gesetze umzusetzen“, antwortet David. „Ich habe aber auch ein Privatleben außerhalb des Dienstes und muss ebenso mit den gegenwärtigen Einschränkungen leben.“

Der private Christoph David ist etwas besorgter als der Polizist Christoph David. Der hat seine Eltern und sogar die Oma nebenan wohnen, die er unbedingt vor Corona schützen möchte.

Als Privatmann muss David ebenso darauf verzichten, seine Freunde zu sehen. Und ein Stück weit die seines Sohnes ersetzen, wenn er mit ihm jeden Tag im Garten Fußball spielt. In Verschnaufpausen wandert der Blick des Sohnemanns rüber zum Haus von Oma, Opa und Uroma. Der Vater muss ihm dann erklären, warum es gerade nicht möglich ist, nach nebenan zu gehen.