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Geistliches Wort

Neue Wege wagen

Lesedauer: 

In einem Gedicht von Hilde Domin heißt es: „Abel steh auf

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es muss neu gespielt werden

… Abel steh auf

damit es anders anfängt

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zwischen uns allen“

Die im Jahre 2006 verstorbene Dichterin meinte es ernst, es war ihre gelebte Hoffnung: Dass es anders anfängt zwischen uns allen. Anders als die lange Geschichte der Gewalt, die mit dem Mord Kains an seinem Bruder Abel beginnt. Im 1. Buch Mose fragt Gott Kain nach der grausamen Tat: „Wo ist dein Bruder Abel?“ und Kain antwortet: „Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein?“ Freilich, so leicht ist das nicht, dass es anders anfängt zwischen uns. Viele Verletzungen, Streitereien und Demütigungen im Leben reichen weit zurück. Wer zutiefst verletzt ist, will sich wehren, will zumindest Recht bekommen, vielleicht sogar sich rächen. Wie tief haben sich doch manche Demütigungen in unsere Seele eingegraben! Wie tief sind doch manche Gräben zwischen ehemaligen Freunden und Geschwistern geworden! Die eigentliche Ursache des Konflikts mag da Jahrzehnte zurückreichen und wird doch weitergereicht von Generation zu Generation.

Die Corona-Pandemie hat neue Gräben in unserer Gesellschaft sichtbar gemacht. Gräben, die sich manchmal auch in Familien und zwischen Freunden auftun. Uns alle hat diese Pandemie vor neue, bisher nicht bekannte Herausforderungen gestellt. Wer von uns hat denn tatsächlich ernsthaft damit gerechnet, eine solche, mittlerweile über viele Monate andauernde Situation einmal zu erleben? Da werden Fehler gemacht und Entscheidungen getroffen, die sich hinterher als falsch erweisen, denn keiner von uns wusste vorher, wie wir darin bestehen können und welche Herangehensweise die richtige ist. Mir bereitet es Sorgen, wie sehr sich in der öffentlichen Diskussion Positionen verfestigt haben, und wie gering von manchen die Bereitschaft ist, sich auf sachliche Diskussionen und Argumente einzulassen und gemeinsam durch diese Krise hindurchzukommen. Unsere Gesellschaft scheint vor einer Zerreißprobe zu stehen.

Schritte aufeinander zuzugehen fällt schwer. Gesten der Versöhnung brauchen einen langen Atem. Versöhnung ist Arbeit. Aber es hilft nichts: Wenn wir als Gesellschaft gemeinsam diese Krise bewältigen wollen, müssen wir gesprächsbereit sein. Wenn wir die Spirale der Gewalt durchbrechen wollen, dann müssen wir neue Wege wagen. Und wenn Versöhnung gelingen soll, müssen wir neu anfangen, und zwar bei uns selbst.

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Vielleicht bietet ja die Sommerpause Gelegenheit, darüber neu nachzudenken und manches hinter sich zu lassen – trotz aller Schuld, trotz allen Versagens – und neue Wege aufeinander zuzugehen. Hilde Domin hat neue Wege gewagt: Nach langen Jahren des Exils ist sie 1954 nach Deutschland zurückgekehrt. So hat sie etwas davon wahr gemacht, wovon sie in ihrem Gedicht schreibt:

„steh auf

damit Kain sagt

damit er es sagen kann

Ich bin dein Hüter Bruder

wie sollte ich nicht dein Hüter sein“

Regina Korn, Pfarrerin Evangelisches Pfarramt Nord Bad Mergentheim

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