Pflegeheim Carolinum - Seit November vergangenen Jahres gibt es in der Einrichtung eine "Männerwerkstatt" / Von zwei 14-Jährigen mit auf die Beine gestellt Individuelle Fähigkeiten im Blickfeld

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Simon Retzbach
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Ein paar der entstandenen Werke.

© Simon Retzbach

Bad Mergentheim. Von einer außergewöhnlichen Art des ehrenamtlichen Engagements profitieren männliche Bewohner des katholischen Pflegeheims Carolinum in Bad Mergentheim.

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Seit November vergangenen Jahres gibt es dort jeden Freitag eine "Männerwerkstatt", in der sich die Bewohner handwerklich betätigen können.

Für die Durchführung sind Bastian Kemmer und Nils Schenkel verantwortlich. Die beiden Schüler der Realschule St. Bernhard hatten die Einrichtung im Rahmen ihres Sozialpraktikums, einem von der Schule organisierten Pflichtpraktikum, kennengelernt. Sie hatten sich für das Carolinum entschieden und lernten zu Beginn das Haus und seine Bewohner kennen - schon während dieser Zeit kam den beiden die Idee, in der "Männerwerkstatt" arbeiten zu wollen.

Der Kreativität bezüglich der Projekte sind keine Grenzen gesetzt, unter anderem arbeitet die Gruppe gerade an einem Mobilé für die bevorstehende Fußball-Europameisterschaft.

Jeder tut, was er möchte

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Während der Arbeit wird auf die individuellen Interessen und Fähigkeiten der Bewohner Rücksicht genommen, so dass jeder das tun kann, was er gerne tut und wozu er körperlich in der Lage ist. Und so merkt man den Bewohnern an, dass ihnen die Arbeit Freude bereitet - immer wieder sieht man ein Grinsen auf den Gesichtern, es wird fleißig gewerkelt.

Fragt man die beiden Jugendlichen, woher sie die Motivation für ihre ehrenamtliche Arbeit nehmen, die durchaus nicht selbstverständlich ist, müssen sie nicht lange überlegen: "Wenn man einen der Bewohner lachen sieht, spornt einen das immer wieder an". Auch die Arbeit mit den deutlich älteren Menschen macht ihnen viel Freude - und der enorme Altersunterschied von bis zu 80 Jahren ist für die beiden 14-Jährigen kein Problem: "Man kann eine Menge von diesen Leuten lernen und hört viel Interessantes."

Verständigung klappt

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Sogar Verständigungsschwierigkeiten, beispielsweise mit einem schwerhörigen Mitbewohner, stellen kein Problem in der Werkstatt dar. Auch für ihn findet sich eine Aufgabe, der er sich widmen kann.

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Heimleiterin Regina Scherer zeigt sich hochzufrieden mit dem Projekt und der Entwicklung, die es im Laufe der Zeit genommen hat. Man merke den Bewohnern an, wie glücklich und ausgeglichen sie bei der Arbeit mit den Jugendlichen sind.

"Die Zahlen zur Belegung der Pflegeheime ergeben einen klaren Trend dahingehend, dass diese zunehmend von Männern bewohnt werden", so die Heimleiterin weiter. Damit gehe diese "Männerwerkstatt" auch auf eine aktuelle Entwicklung ein, die bisher noch nicht von vielen derartigen Einrichtungen erkannt worden sei.

Das nächste vergleichbare Angebot finde man im Raum der Landeshauptstadt Stuttgart.

Oft seien Betreuungsangebote nur auf Frauen abgestimmt, weswegen allerdings die Männer diesen häufig fern blieben, auch wenn diese als Gemeinschaftsangebote deklariert seien.

Zu diesen Ergebnissen kommt Regina Scherer im Rahmen einer Analyse zum Thema "Wird Pflege männlicher?" und ist auch deshalb froh über die Arbeit der beiden Jugendlichen, die schon während des Praktikums viel Eigeninitiative gezeigt hätten und das Konzept der Werkstatt in ihrer heutigen Form komplett selbstständig entwickelten.

Durch das Praktikum und die Arbeit mit den Bewohnern haben die engagierten Jugendlichen auch einiges an Erkenntnissen mitgenommen. So können sie es sich durchaus vorstellen, einen Beruf in dieser Richtung zu ergreifen - auch in dem Bewusstsein, dass es neben den vielen schönen Momenten und Aufgaben auch negative gebe.

Wertvolle Erfahrungen

Auch wenn das Ehrenamt einen Teil ihrer Freizeit in Anspruch nehme, können Bastian Kemmer und Nils Schenkel den anderen Jugendlichen ein Engagement dieser Art nur empfehlen. Es mache viel Spaß und man mache Erfahrungen, von denen man später profitiere.

Und so wurde aus diesem Pflichtpraktikum - von vielen Schülern oft als eher lästige Bürde wahrgenommen - für zwei überaus engagierte Jugendliche ein für das weitere Leben bereichernde Erfahrung.