Ich bin ein Flüchtlingskind

Von unserem Redaktionsmitglied

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Ich bin ein Flüchtlingskind. Na gut, nicht so richtig. Denn selbst geflüchtet bin ich nicht. Zum Glück. Aber ich bin ein Kind von Flüchtlingen. Meine Eltern sind damals, im Zweiten Weltkrieg, von Ostberlin und aus Insterburg - heute Russland - nach Westdeutschland geflüchtet.

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Komisch ist das, ein Flüchtlingskind zu sein. Seltsam heimatlos fühlt sich das an. Denn die Heimat meiner Vorfahren ist woanders.

In Ostberlin, da wo meine Urgroßeltern mal einen riesiges Landgut mit Knechten, Mägden und Viehställen besaßen, bin ich schon einmal gewesen.

Aber die Heimat meiner Mutter kenne ich nur von Bildern. Und aus Erzählungen. Sehnsuchtsvolle, wehmütige, Tränen getränkte Erzählungen.

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Das Ostpreußen meiner Mutter war ein ursprüngliches, weitläufiges Land, mit klirrend kalten Wintern, in denen man, in dicke Fellmäntel gehüllt, mit Pferdeschlitten über schneebedeckte Ebenen jagte. Und mit Sommern an endlos langen Sandstränden, an denen man überall die kostbaren, leuchtend braunen Bernsteinbrocken sammeln konnte. Ein Paradies, so schien es mir, als ich damals als Kind mit großen Augen und voller Mitgefühl den schwärmerischen Erzählungen meiner Mutter lauschte. Die wusste, dass sie ihre Heimat, die sie so liebte, wahrscheinlich nie wieder sehen würde.

Vielleicht - oder sogar wahrscheinlich - sind meine Gefühle, meine Haltung gegenüber Menschen, die in Deutschland leben, aber nicht hier geboren wurden, von der Flüchtlingsvergangenheit meiner Familie geprägt.

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So sehr meine Eltern auch integriert waren, irgendwie war da immer, irgendwo im hintersten Winkel vergraben, dieses Gefühl des "Nicht-richtig-Dazugehörens". Verbunden mit der Gewissheit, dass es eine "Heilung" nie geben würde. Denn das Land, in dem meine Mutter und ihre Familie aufgewachsen waren, gab es nicht mehr.

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Dieses Gefühl, das meine Eltern unfreiwillig an uns weitergegeben haben, hat sich auch auf meine und meiner Geschwister Leben ausgewirkt. Da wir auch "von woanders" kamen, waren Menschen "von woanders" für uns ganz normal.

Vielleicht ist das der Grund, dass sich meine Schwestern mit Amerikanern und Italo-Schweizern und mein Bruder mit einer Iranerin - samt Konvertierung zum Islam - verheiratet haben. Und dafür, dass wir schon immer Freunde und Austauschschüler aus allen möglichen Ländern und Kulturen hatten, aus ganz Europa und gerne auch von Übersee.

Meine "Multi-Kulti-Familie" ist unglaublich lebendig und vielfältig, nicht nur, was das Essen anbelangt. Wir sind ganz anders. Und wir sind ganz genauso wie alle anderen.

Die Offenheit anderen Nationalitäten, Kulturen und Ländern gegenüber hat uns immens bereichert, unseren Horizont erweitert und uns gelehrt, die Übereinstimmungen zu schätzen und die Unterschiede zu wahrzunehmen und zu achten. So habe ich das zuhause gelernt.

Das Problem, dass viele Menschen mit den Flüchtlingen haben, die in unser Land kommen, kann ich daher zwar intellektuell, aber nicht wirklich emotional begreifen.

Deshalb bin ich beileibe kein Gutmensch, der mit offenen Armen durch die Welt rennt, Probleme ignoriert und sich mit jedem Menschen gleich verbrüdert. Wirklich nicht. Es gibt viele Menschen, die mir fremd sind. Nur hat das nichts mit ihrer Nationalität oder Hautfarbe zu tun.