Medizinische Versorgung Bad Mergentheims 2030 - Drei Ärzte informierten die Bürger im kleinen Kursaal Hoffen auf ein Licht am Horizont

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Bad Mergentheim. Urologe Dr. David Brix (Bad Mergentheim), Hausärztin Dr. Silke Stahnke (Igersheim) und Hausarzt Dr. Carsten Köber (Bad Mergentheim) informierten am Mittwochim kleinen Kursaal über die Situation der medizinischen Versorgungslandschaft in und um die Badestadt heute und in den kommenden Jahrzehnten.

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Nach eigenen Hochrechnungen sei davon auszugehen, so Köber, dass bis 2025 ein Großteil der niedergelassenen Ärzte in der hausärztlichen Versorgung ihre Tätigkeit im Altkreis Mergentheim aufgegeben habe: 14 von derzeit 24 werden die Praxis dann hinter sich geschlossen haben. Wenn also schon die in den Medien präsenten Zahlen auf Bundes- oder Landesebene beunruhigen, nach denen in diesem Zeitraum gut ein Viertel der Ärzte die praktische Tätigkeit aufgibt, stelle sich die Situation in unserem Flächenlandkreis noch viel schwärzer dar. Nach Dr. Brix präsentiere sich der Sachverhalt bei den spezialisierten Fachärzten nicht minder gespannt. Auch wenn er selbst in der glücklichen Lage sei, mit einem vergleichsweise jungen Team an zwei Standorten agieren zu können.

Allgemeinmediziner Dr. Köber stellte weiter die Zahlen einer Modellberechnung des Landesgesundheitsamtes vor: Demnach nehme Creglingen 2030 wohl einen traurigen Spitzenplatz in Baden-Württemberg ein: Mit über 20 Kilometer durchschnittlicher Entfernung der Einwohner zum nächsten Hausarzt werde ohne Pkw nichts mehr gehen. Allerdings dürfe sich auch die Kurstadt nicht in Sicherheit wiegen: Zum nächsten Frauenarzt seien zukünftig wahrscheinlich mehr als 30 kilometer zurückzulegen.

Durchschnittsalter steigt

Die Statistik der Bundesärztekammer zeige seit den 90er Jahren ein stetig ansteigendes Durchschnittsalter der niedergelassenen Ärzte. Passend dazu sei der Anteil der unter 35-jährigen Ärzte im gleichen Zeitraum massiv eingebrochen (1993 bis 2005 Rückgang um über 40 Prozent). Köber legte hier Zusammenhänge mit der "Seehofer-Reform" 1993 als Mitursache dar, die den Ärzten Budgetpflichten und, damit verbunden, Regressforderungen bescherte. "Junge Ärzte hatten Angst vor der ständig drohenden Gefahr einer wirtschaftlichen Bedrohung und wählten immer mehr den Weg in den sicheren Hafen eines Anstellungsverhältnisses", so Köber.

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Alle müssten hier an einem Strang ziehen, meinte der Hausarzt. Die Politik sei mit besserer Förderung der allgemeinmedizinischen Ausbildung und der Eindämmung von Regressierungen auf einem guten Weg, "Landprämien" sollen junge Ärzte auch in infrastrukturelle schlechtere Regionen locken. Auch die Kommunen könnten seiner Meinung nach aber hier noch viel tun: Junge Mediziner legten mehr Wert auf eine gute Infrastruktur und einen hohen Freizeitwert - genau da könnten aber Gemeinden punkten, könnten sich aktiv positiv präsentieren. "Die Medizin wird weiblich, 70 Prozent der Studierenden der Humanmedizin sind Frauen", so Brix und die Hausärztin Dr. Silke Stahnke fast unisono. "Wir müssen uns auf diese Situation einstellen, und können das durch die Freiheiten im niedergelassenen Sektor als freiberufliche Ärzte auch" so Brix. Teilzeitstellen seien hier kein Problem.

Durch eine Beteiligung an der studentischen Ausbildung sei es gut möglich, schon früh Kontakt mit Studierenden aufzunehmen und junge Menschen für den "schönsten Beruf der Welt" zu begeistern, so Dr. Stahnke. Auch Dr. Hans-Jörg Hellmuth (Lehrbereich Allgemeinmedizin der Universität Würzburg) untermauerte die Bedeutung der frühen Integration von Studierenden in Bereich der "Versorgung auf dem Land" als Möglichkeit zur Nachwuchsförderung. Dr. Brix stellte weitere Möglichkeiten zur Steigerung der Attraktivität für niederlassungswillige Ärzte dar: Kooperationen unter unterschiedlichen Fachärzten können die alltägliche Arbeit erleichtern, vor allem aber auch die Kooperation mit Krankenhäusern sei für ihn die Zukunft. Brix selbst lebt dies schon: er führt tageweise Operationen an eigenen Patienten im Caritas-Krankenhaus durch. "Wir müssen immer mehr fragen, ob die starren Sektorengrenzen zwischen Niedergelassenen und Kliniken eine wirklich sinnvolle Angelegenheit ist" so Brix abschließend.

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Gerade hinsichtlich des globalen Problems eines drohenden Ärztemangels seien Grabenkriege zwischen den unterschiedlichen "Playern" in der Ärzteschaft kontraproduktiv.

Strategien notwendig

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Alle Niedergelassenen müssten letztlich zusammen Strategien erarbeiten, wie das gemeinsame Ziel "Erhaltung der langfristigen Versorgung" erreicht werden könne. Immerhin zeigte sich in einem Schlusswort von Dr. Hellmuth durchaus ein Silberstreif am Horizont: Die Zahl der Würzburger Studierenden, die sich eine hausärztliche Tätigkeit vorstellen können, läge aktuell bei über 10 Prozent. Bleibt zu hoffen, dass auch wieder mehr Fachärzte den Weg in die Region finden - die Bevölkerung wird es ihnen danken.