Bürgerforum „Stadtbild“

Hervorgegangen aus mittelalterlichen Sühneverträgen

Serie „Mergentheimer Steine erzählen“ (Teil 8). Sühnekreuze und das Memorialkreuz

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bfs
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Im Mauerhalbrund der Kreuzigungsgruppe bei St. Wolfgang sind seit 1766 Steinkreuze eingelassen. © Wolfram Klingert

Bad Mergentheim. Die Serie „Mergentheimer Steine erzählen“ des Bürgerforums Stadtbild Bad Mergentheim will zeigen, dass der „Stein als Partner des Menschen nicht stumm bleibt“. Heute geht es um Teil 8 um Sühnekreuze und das Memorialkreuz.

Die Mehrzahl der Steinkreuze sind so genannte Sühnekreuze, also Rechtsdenkmale, hervorgegangen aus mittelalterlichen Sühneverträgen. Diese haben sich aus germanischem Rechtsbrauch entwickelt. Die früher übliche Blutrache war Sippenpflicht, also sozusagen Privatrecht, und konnte bei Totschlag, nicht etwa bei Mord, durch ein Wergeld des Täters für die Angehörigen des Opfers beigelegt werden.

Seelenheil

Dazu kamen im Mittelalter bald kirchliche Bußen, das handfest als „Seelgerät“ umschriebene Drum und Dran. Es galt dem Seelenheil des jäh, also ohne Sterbesakramente, aus dem Leben gerissenen Opfers. Dazu gehört Messelesen, Kerzenopfer, Wallfahrtsgelübde sowie als Mahnmal das Sühnekreuz, sei es am Tatort oder an einem vielbegangenen Weg.

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Das blieb so bis zum Erstarken des herrschaftlichen Rechtes und bis zur Einführung der Constitutio Criminalis Carolina. 1532 erließ Kaiser Karl V. eine reichsweit verbindliche „Peinliche Halsgerichtsordnung“. Zuvor schon war in frühprotestantischen Gegenden eh das Seelgerät verschwunden. Das weltliche römisch konzipierte Herrschaftsrecht verdrängte das Gewohnheitsrecht des Sühnevertrags. Dieser konnte von nun an nur noch die zivilrechtlichen, nicht mehr die strafrechtlichen Konsequenzen eines Totschlags regeln.

Trotzdem erlosch der Brauch der Steinkreuzsetzung nicht. Denn neben und nach der Tradition des Sühnekreuzes ist früh schon das Setzen von Memorialkreuzen bezeugt, Verwandte und Freunde eines durch Mord, Totschlag oder Unfall ums Leben Gekommenen richteten diesem ein Gedenkkreuz auf.

Rätselhaft

Dass sich die Sage der rätselhaften Steinkreuze abgenommen hat, verwundert nicht. Meist wird von einer mehr oder weniger melodramatischen Bluttat erzählt. Für die Forschung haben sich diese Steinkreuzsagen meist als unergiebig erwiese. Die Zäsuren des Dreißigjährigen Krieges, das Aussterben ganzer Ortschaften und der Zuzug fremder Neusiedler haben da viele Erinnerungen gelöscht.

Auch die oft kolportierte Erzählung von Massengräbern hat sich nur sehr selten bestätigt. Gelegentlich verraten Wetzrillen oder Näpfchen, das am Steinstaub als Heilmittel an einem Steinkreuz gewinnen wollte.

Das Steinmehl wurde dem Viehfutter oder gar der Krankenkost untergemischt. Noch älter bleibt eine andere Tradition der Steinsetzung. So sollte der Grabstein wohl auch die Wiederkunft der irrenden Totenseele bannen.

Im Mauerhalbrund der Kreuzigungsgruppe bei St. Wolfgang sind seit 1766 Steinkreuze eingelassen. Wahrscheinlich stammen sie vom nahegelegenen Schießwasen, der auch als Richtplatz genutzt wurde. Bis zur Tauberkorrektion der Zwanzigerjahre bog ja der Fluss nach der Brücke mehr südwärts aus und gab so am rechten Ufer einen breiten Wiesenplan frei.

Das Kruzifix selbst soll nach dem Bauernkrieg auf Kosten der Mergentheimer Bürger aufgerichtet worden sein; sie hatten zuvor ja das Sühnekreuz auf dem Marktplatz zerschlagen. Das wiederum hatten ihre Vorfahren nach einer 1382 misslungenen Empörung gegen den Deutschen Orden setzen müssen. bfs