Infotag der Adipositas-Selbsthilfegruppe in der Reha-Klinik ob der Tauber - Motto „Der Speck muss weg“ / Bewusster essen, mehr bewegen Gewichtsprobleme ein steter Begleiter

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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Beim Adipositas-Infotag in der Reha-Klinik ob der Tauber gaben die Klinik-Oberärztin Dr. Evelyn Stotuth (links) und die Klinik-Diätassistentin Michaela Kandert, hier zusammen mit der Leiterin der Adipositas-Selbsthilfegruppe, Tanja Schunk (rechts), Erklärungen, Hinweise und Tipps zum Thema „Adipositas“. © Hans-Peter Kuhnhäuser

Schon die ersten Menschen kannten das Problem: Zu viel Nahrung sorgt für eine Gewichtszunahme. Daran hat sich trotz der Weiterentwicklungen der Menschen bis heute nichts geändert.

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Bad Mergentheim. Die Adipositas-Selbsthilfegruppe Bad Mergentheim lud zum ersten Adipositas-Infotag, den die Gruppe zusammen mit Margret Kauper-Michelbach von der Reha-Klinik ob der Tauber organisierte. Vier Vorträge standen auf dem Programm.

In der Reha-Klinik trifft sich die Selbsthilfegruppe regelmäßig (wir berichteten), und so bot es sich an, hier auch diese Veranstaltung zu platzieren. Traugott Weber, kaufmännischer Leiter der Klinik, betonte in seiner Begrüßung, dass man die Arbeit der Gruppe und damit auch den Infotag gerne unterstützte – „es ist ein wichtiges Thema“. Weber dankte der Gruppenleiterin Tanja Schunk und ihren Mitgliedern für das Engagement.

Tanja Schunk war anfangs noch unsicher ob der Resonanz auf den Info-Tag, freute sich aber, dass so viele Gruppenmitglieder und Interessenten kamen – der Besuch war, angesichts des Frühlingswetters und des Samstagvormittags, durchaus erfreulich. 35 Personen wollten die Vorträge hören und sich über das leidige Thema Adipositas austauschen. Das Zitat des Modeschöpfers Karl Lagerfeld – „Abnehmen ist das einzige Spiel, bei dem man gewinnt, wenn man verliert“ – zierte die Einladung, und Schunk machte deutlich, dass man dies umsetzen wolle, um zu den Gewinnern zu gehören.

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Dr. Evelyn Stotuth, Oberärztin in der Reha-Klinik ob der Tauber, stellte zunächst das Thema „Adipositas“ vor. Und sie machte deutlich, dass das Problem ein steter Begleiter des Menschen ist.

Schon in grauer Vorzeit lernten die Menschen den Zusammenhang von Nahrungsaufnahme und Gewichtszunahme – damals allerdings folgte dem Prassen stets der Hunger. Die Fähigkeit des Körpers, Fett zu speichern, war ein Überlebensvorteil. Und die Menschen auf allen Kontinenten verehrten diese Fähigkeit mit bis heute erhaltenen Statuetten und Zeichnungen – breithüftige Frauen galten als Symbol der Fruchtbarkeit, Leibesfülle oder auch der Fettsteiß sind bis heute in machen Kulturen ein Schönheitsideal.

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Ob Heinrich VIII. oder Bismarck, ob Südsee-Könige und Königinnen oder die Buschmänner im südlichen Afrika – „es zieht sich durch alle Zeitalter, Kontinente und Zivilisationen“, betonte Stotuth. Und: Waren einst die Menschen „viel in Bewegung“ und immer wieder mit Hungersnöten konfrontiert, so gelte dies heutzutage nur noch für wenige Regionen dieser Welt.

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Gewandelt hat sich grundlegend die Verfügbarkeit von Nahrung, und insbesondere in der westlichen Wohlstandsgesellschaft sind hochkalorische Lebensmittel überreichlich und relativ billig zu haben. Das führe, wie Stotuth darlegte, zum „Massenproblem Adipositas“. In Baden-Württemberg seien aktuell zwischen 45 und 50 Prozent der Bevölkerung übergewichtig.

Die Folge: Ein „erhöhtes Krankheitsrisiko“ – die Oberärztin nannte Bluthochdruck, Stoffwechselstörung und Diabetes – und damit verbunden eine „verkürzte Lebenserwartung“.

Genau hier ansetzen

So gelte es, genau hier anzusetzen: Mehr Bewegung und eine bewusste Nahrungsaufnahme sowie ein überlegter Lebensmittelkauf seien die Ansatzpunkte. Das werde den Patienten auch in der Reha-Klinik vermittelt, sagte Stotuth. Dabei sei es wichtig, „Essstörungen differenziert zu betrachten“ und gemeinsam mit den Patienten zu ermitteln, wo das Problem liege und wie man ihm begegnen könne.

Eine andere Lebensweise brauche Einsicht, Willen und Durchhaltevermögen, und dazu könne auch das Mitmachen in der Selbsthilfegruppe entscheidend beitragen.

Ein besonderer Schwerpunkt in Sachen Adipositas ist die Ernährungsumstellung, und Michaela Kandert, Diätassistentin an der Reha-Klinik ob der Tauber, machte dies am Beispiel der Logi-Methode deutlich. Und, das war der Referentin ganz wichtig, „Logi bedeutet nicht, zu leiden und zu hungern“. Die Kost ist abwechslungsreich, ja teilweise richtig deftig – so sind beispielsweise Spiegeleier mit Speck ausdrücklich erlaubt. Logi bedeute „Low Glycemic and Insulinemic Diet“ – übersetzt: Die spezielle Kost hält den Butzucker- und Insulinspiegel niedrig. Zunächst gelte es, den tatsächlichen Energiebedarf zu bestimmen und die Ernährung entsprechend umzustellen. Angestrebt ist ein mediterran ausgerichteter Speiseplan.

Dazu dienen auch Einkaufstraining, Schulungen und Kochkurse sowie die Motivation zu mehr Bewegung. Kurzum: Logi bedeutet eine komplette Umstellung der bisherigen Ernährungsweise, komme aber nicht mit dem virtuellen Drohfinger daher und lasse dem Genuss durchaus Raum. „Es gibt viele gute Gründe zum Abnehmen“, sagte Kandert. Und wer sich überlege, warm man esse – „nicht nur aus Hunger, sondern auch, weil’s schmeckt, manchmal aus Frust, aber auch als Belohnung“ – der sei schon auf dem Weg zur Erkenntnis. Und: Logi sei speziell entwickelt worden für Typ 2-Diabetiker, Übergewichtige und Adipöse, helfe aber auch Nicht-Betroffenen, ihr Gewicht langfristig im Griff zu halten.

Eine gesunde und gleichzeitig schmackhafte Ernährung sei im Übrigen ein Stück Lebensqualität. Generell sollte man, so Kandert weiter, die so genannte ’Teller-Regel’ beachten: „Zehn Prozent Kohlenhydrate, zehn Prozent Öle (besonders Raps-, Oliven und Walnussöl), sowie 30 Prozent eiweißreiche Lebensmittel und 50 Prozent Gemüse sollten auf dem Teller sein.“ Und sie nannte Beispiele für Frühstück, Mittag- und Abendessen. Wer auf Süßes steht, hat’s etwas schwerer, doch auch hier gibt es gute Lösungen: Süßigkeiten und Snacks sowie Softfrinks oder Fruchtsäfte werden zwar nicht empfohlen, ebenso sollten Brot, Kuchen, Reis, Nudeln, Pizza oder auch Cerrealien und manches Obst nur in eingeschränkter Menge verzehrt werden.

Bananen, Trauben, Mango oder Ananas seien besonders zuckerreich, Beeren hingegen „sehr empfehlenswert“. Die ideale Dessert-Schüssel enthält beispielsweise 40 bis 50 Prozent Quark, zehn bis 20 Prozent Öle oder Nüsse, zehn Prozent Kohlenhydrate und 30 bis 40 Prozent bevorzugt zuckerarmes Obst oder Beeren. Beim Logi-Konzept gehe es, wie Kandert abschließend betonte, darum, sich „bewusster, aber ohne Verzicht auf Genuss zu ernähren“ – das bringe „mehr Lebensenergie“.