Justiz - 31-Jähriger nach brutaler Auseinandersetzung in Niederstetten zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt / 2007 Mutter eines Freundes getötet Gegner mehrmals ins Gesicht geschlagen

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Florian Hartmüller
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Weil der Angeklagte bei dem Kampf auch selbst verletzt wurde, setzte das Gericht die Strafe zur Bewährung aus. © DPA

„Hast Du einen Freund?“ – „Ja“ – „Schade“. Diese Unterhaltung war Auslöser für einen Streit, an dessen Ende ein Mann mit dem Messer zustach. Der Fall wurde nun vor dem Amtsgericht verhandelt.

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BAd Mergentheim/Niederstetten. Genau nachvollziehen lässt sich nicht mehr, wie eine brutale Auseinandersetzung in der Nacht auf den 14. Oktober 2017 vor einer Gaststätte in Niederstetten ablief. „Es ist alles im Dunst“, sagte der zur Tatzeit betrunkene 31-jährige Angeklagte nun vor dem Bad Mergentheimer Amtsgericht, wo der Vorfall verhandelt wurde.

Fest steht aber, dass der gelernte Landschaftsgärtner gegen 0.30 Uhr auf seinem 19-jährigen Kontrahenten saß und diesem mehrmals mit der Faust ins Gesicht schlug. Der Jüngere wiederum rammte dem Älteren in Notwehr ein Messer in den Bauch.

Wegen Körperverletzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen (er trug in der Tatnacht einen Gürtel mit einem Hakenkreuz an der Schnalle) wurde der 31-Jährige nun zu einer Freiheitsstrafe von elf Monaten auf Bewährung verurteilt. Das entsprach der Forderung der Staatsanwaltschaft. Zusätzlich muss der Angeklagte 1000 Euro an die Opferhilfeorganisation „Weißer Ring“ zahlen. Die Verteidigung hatte in ihrem Plädoyer kein konkretes Strafmaß genannt.

Als Zeuge geladen

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In der Gerichtsverhandlung treffen der Täter und sein Opfer, das inzwischen in Nordrhein-Westfalen lebt, wieder aufeinander. Beide sehen nicht wirklich gefährlich aus. Der 31-Jährige ist eher klein, hat eine Halbglatze und trägt ein Hemd und eine Jeans, die etwas zu weit für ihn erscheinen. Unterarme und Hände sind teilweise von Tätowierungen bedeckt.

Der 19-Jährige ist als Zeuge geladen. Er ist etwas pummelig und hat die Haare an den Seiten sehr kurz geschnitten. Der junge Mann trägt eine Brille und im linken Ohrläppchen einen langen Stachel. Während der Angeklagte relativ schweigsam ist und nur einzelne Sätze in breitem Hohenloher Dialekt äußert, gibt der 19-Jährige auf Hochdeutsch umfangreich Auskunft.

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Die Tatnacht verlief lange friedlich. Der Täter und sein späteres Opfer waren mit Freunden unterwegs und feierten. Vorher hatten sie in der Wohnung des Jüngeren unter anderem mit Whisky-Cola „vorgeglüht“. Später war der 19-Jährige jedoch mit seiner Freundin alleine in der Wohnung.

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Dabei erzählte ihm die Frau, ein Freund des Angeklagten habe sie „angemacht“.

Wie denn diese Anmache genau ausgesehen habe, will die Richterin wissen. „Er hat sie gefragt, ob sie einen Freund hat. Sie hat ,ja’ gesagt. Daraufhin hat er ,schade’ gesagt.“ Die Richterin reagiert ungläubig: „Und das war alles?“

Klärung der Sache

Für den 19-Jährigen war es jedenfalls genug, um den Angeklagten anzurufen und eine Klärung der Sache zu verlangen. „Warum haben Sie denn nicht den Freund des Angeklagten angerufen?“, fragt die Richterin. Die Antwort: „Ich hatte seine Nummer nicht.“

Am Telefon schaukelten sich der 19-Jährige und der Angeklagte dann gegenseitig hoch. „Lass’ meinen Kameraden in Ruhe“, habe der 31-Jährige gesagt und: „Wir klären das jetzt.“ Daraufhin nahm der 19-Jährige ein Messer aus seiner Küchenschublade und machte sich auf den Weg zu der Gaststätte, in der sich der Angeklagte und dessen Freund aufhielten.

Auf der Straße davor ging dann alles ganz schnell. „Ich bin auf ihn zugegangen und dann kam die Faust“, erinnert sich der 19-Jährige. Er sei sofort zu Boden gegangen und der Angeklagte habe ihm dann noch etwa drei bis fünf Mal ins Gesicht geschlagen. Irgendwann habe er dann das Messer aus der Tasche seines Kapuzenpullovers gezogen und zugestochen. Zuerst hatte die Polizei deswegen auch gegen den 19-Jährigen ermittelt.

Zeugen hatten aber ausgesagt, dass der Angeklagte zuerst zugeschlagen hatte. Auch weil er nicht von seinem Opfer abließ, als dieses schon am Boden lag, lässt die Richterin das Argument der Verteidigung, es habe sich bei den Schlägen um Notwehr gehandelt, nicht gelten.

Aufsehenerregender Fall

Warum er denn das Messer mitgenommen habe, will die Richterin von dem 19-Jährigen wissen. Dieser antwortet: „Ich wollte mich verteidigen können. Ich wusste, dass er gefährlich ist, dass er schon mal eine Frau umgebracht hatte.“

Er bezieht sich auf einen Fall, der, wie die Richterin sagt, 2007 für viel Aufsehen sorgte. Damals hatte der Angeklagte in Niederstetten die 43-jährige Mutter eines Freundes brutal misshandelt und getötet. Unter anderem hatte er ihr mehrfach mit Stahlkappenschuhen ins Gesicht getreten. Die Frau war verblutet.

Wegen Totschlag wurde der Angeklagte damals zu einer Haftstrafe von acht Jahren und sechs Monaten verurteilt, die er bis 2015 auch komplett absaß. Wie bei der aktuellen Tat war der Angeklagte 2007 stark betrunken gewesen.

Alkohol verträgt sich bei ihm zudem nicht mit einer Diabeteserkrankung.

Auch weil der 19-Jährige bei dem nun verhandelten Vorfall mit einem Angriff rechnete und der Angeklagte durch den Messerstich in den Bauch selbst Schaden nahm, setzt die Richterin die Strafe diesmal zur Bewährung aus. „Nach Ihren Gewalttaten haben Sie jetzt einmal die andere Seite kennengelernt und wissen, wie es ist, der zu sein, dem Leid zugefügt wird.“