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Sommerfestival von Literatur im Schloss

Fragen stellen, die viele umtreiben

Gabriele von Arnim und Daniel Schreiber sprechen im Klanggarten über das Leben und die Fragen, die es aufwirft

Von 
Linda Hener
Lesedauer: 
Gabriele von Arnim und Daniel Schreiber sind in den Bad Mergentheimer Klanggarten gekommen und sprachen mit Moderatorin Beatrice Faßbender. © Linda Hener

Bad Mergentheim. Das eigene Aufgewirbeltsein aufschreiben und trotzdem analytisch betrachten, so beschreibt Journalistin und Autorin Gabriele von Arnim die Intention ihres Personal Essays „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“.

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„Ich wollte die Zeit eingewoben sehen in mein Leben, erzählen, was mich persönlich angeht, aber gleichzeitig allgemein überlegen: Wie gestaltet man Leben in der Krise?“, und meint damit die Zeit in ihrem Leben, nachdem ihr Mann zwei Schlaganfälle erlitten hatte, halbseitig gelähmt war und kaum mehr sprechen konnte. Eine Zeit, in der sie lernen musste, ihr Leben – und das ihres Mannes – neu zu gestalten. Sie erklärt, dass sie Widersprüche gelebt hätten: „Wir haben unheimlich viel gelitten und unheimlich viel gelacht.“ Sie spricht von Ungeduld, Ungenügen, Opferbereitschaft, genau wie von Wut, aber ebenso von Heiterkeit und einer neuen Innigkeit zu ihrem Mann, eine Liebe ohne Begehren, aber ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl, das sich entwickelte. „Trotz Angst, Elend und Widrigkeiten wollten wir, dass das Leben noch etwas Vergnügliches und Heiteres hat und uns die Gestaltung nicht aus der Hand nehmen lassen, Antworten finden.“

Gabriele von Arnim ist zusammen mit Autor Daniel Schreiber, inzwischen, wie er gehört habe, „Micro-Influencer“ bei Instagram, von Berlin in den Bad Mergentheimer Klanggarten gekommen. Die beiden sprechen an einem lauen Sommerabend mit Moderatorin Beatrice Faßbender im Rahmen des Sommerfestivals von Literatur im Schloss über das Leben, Schreiben, New York und das Personal Essay als schriftstellerische Form. Daniel Schreiber hat mit den Werken „Nüchtern“, „Zuhause“ und zuletzt „Allein“ eine „ungeplante Trilogie“ verfasst, die ebenfalls in dieser essayistischen Erzählweise von persönlichen Erfahrungen und Einsichten berichtet, so ausformuliert, dass für den Lesenden Bezüge und Fragen zu seiner eigenen Lebenswirklichkeit entstehen können.

Vom Privaten ins Allgemeine

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Er wolle damit vom Privaten ins Allgemeine kommen, ins gesellschaftlich Relevante und Fragestellungen aufgreifen, die viele von uns umtreiben. Bei seinen Themen und Recherchen sah er sich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert, hätte Wände durchbrechen müssen, und so entschied er sich dazu, einen Erfahrungsrahmen mit „anschlussfähiger Identifikationsfläche“ zu schaffen. „Allein“ ist dabei die Auseinandersetzung mit Lebens- wie Beziehungsmodellen, die in der Gesellschaft kulturell verankert sind und durch die dem Individuum suggeriert werde, mit welchem Modell es glücklich werde. Doch alle Beziehungsmodelle seien ambivalent und nicht der Baustein, durch den jemand „komplett“ werde. Rund 18 Millionen Menschen in Deutschland würden derzeit allein leben und es sei absurd, diese Menschen glauben zu lassen, dass ihr Leben defizitär sei: „Wir meinen häufig, dass wir etwas wollen, wo doch unterbewusst ganz andere Bereiche für einen selbst wichtig sind und Raum einnehmen.“ Durch das Alleinsein sei er noch viel mehr als früher dazu aufgefordert, „sich selbst auszuhalten“. Er berichtet von schwierigen Lebensphasen und wie er lange auf der Suche nach dem Leben war, das er sich als Jugendlicher ausgemalt hatte, doch er nun an dem Punkt sei, Widersprüche, die sich nicht lösen lassen, zu akzeptieren.

Ungelebte Leben

„Wir alle haben Vorstellungen von dem, wie wir unser Leben führen wollen, doch nicht alle diese Vorstellungen erfüllen sich. Und uns begleiten ungelebte Leben.“ Er versuche in kleinen und schönen Dingen, wie dem Anlegen eines Gartens, Freiheit zu finden und das Geschenk der Welt zu sehen, Dankbarkeit zu empfinden. Dort kleine Wege zu buddeln, wo er sich freuen könne, um nicht vielleicht erneut abzudriften, auf den Weg in einen Eskapismus oder eine Depression.

Der Verantwortung bewusst

Auf die Frage, wie die beiden mit den Linien hin zu „zu persönlich“ und „zu privat“ beim Schreiben umgegangen seien, wobei schon eine Unterscheidung zwischen persönlich und privat schwer fiele, antwortet Gabriele von Arnim, dass ihr die Verantwortung vor allem gegenüber ihrem Mann bewusst gewesen sei. Sie wollte ihn nicht denunzieren und erwähne auch nicht seinen Namen im Buch, sie als Personen seien darin mehr zu Figuren geworden.

Sie habe mit dem Schreiben über das Erlebte nicht lange nach seinem Tod begonnen, ihre Notizen aber dann für vier bis fünf Jahre liegen lassen, um den richtigen Ton zu finden. Ihr war wichtig, den „ungelenken Umgang mit Krankheit“ und Kranken in der Gesellschaft darzustellen: „Wir schieben diese Personen an den Rand der Gesellschaft, obwohl das Thema so viele betrifft.“ Manche Menschen hätten sich nicht mehr getraut, zu ihnen nach Hause zu kommen, da habe sich die Idee der Vorlesegruppe ergeben. „Am Ende hatten wir einen Pool von Menschen, die meinem Mann vorgelesen haben.

Es gab sogar irgendwann eine Warteliste.“ Das habe ihrem Mann Freude bereitet, und die Personen hätten „eine Funktion“ bekommen, mit der sie sich leichter taten beim Besuch.

„Allein“ und „Das Leben ist ein vorübergehender Zustand“ sind Spiegel-Bestseller, zu denen die Autoren zahlreiche Zuschriften erreicht haben. Zum Abschluss des Literaturabends in Bad Mergentheim im Klanggarten werden die Werke am Stand der Buchhandlung Moritz & Lux vielen Interessierten natürlich noch signiert.

Freie Autorin

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