Corona-Krise - Einzelhandel in Nöten, aber mit Kreativität und Zweckoptimismus am Werk / Vorbereitung des Weihnachtsgeschäfts / Gastronomie fällt als Zugpferd aus Fehlende Kundenfrequenz in der Stadt

Wie wirkt sich der Teil-Lockdown auf den Einzelhandel aus? Hilft die Mehrwertsteuersenkung? Wie sind die Prognosen fürs Weihnachtsgeschäft? Viele Fragen. Hier ein paar Antworten.

Von 
Sascha Bickel
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Eine Frau trägt mehrere Einkaufstaschen. Der Einzelhandel in Bad Mergentheim würde sich Shopping-Begeisterte in den nächsten Wochen auch vor Ort wünschen. © dpa

Bad Mergentheim. Der stationäre Einzelhandel steht aktuell vor zahlreichen Herausforderungen: die Corona-Krise drückt die Shoppinglust der Kunden, geschlossene Restaurants und Cafés vermiesen zusätzlich vielen die Laune und so findet das Einkaufen zunehmend online statt. Dagegen stemmen sich auch in Bad Mergentheim die Händler und verweisen auf viele Angebote, Service und gute Beratung. Gemeinsam will man die Krise durchstehen.

Angebote und mehr

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Hans-Joachim Kuhn, der Vorsitzende der Mergentheimer Citygemeinschaft, wirbt für den Einkauf in der Kurstadt. Vorausblickend auf das nahende Weihnachtsgeschäft kündigt er wieder eine große Aktion mit einer Verlosung und vielen attraktiven Preisen an: „Alle Mitglieder der Citygemeinschaft werden Lose und Weihnachtsschokolädchen an die Kunden ausgeben.“

Aber auch schon im November lohne sich der Weg in die Innenstadt, meint Kuhn und verspricht zudem ein neues City-Gutschein-System: „Eine Karte die alle Dienstleister, Einzelhändler und Gewerbetreibenden als Mitglieder der Citygemeinschaft nutzen können, um Kunden online und offline Gutscheine anzubieten. Die Karte soll ’Eine für Alle’ werden und auch Arbeitgebern die Möglichkeit geben, ihre Mitarbeiter mit steuerfreien Sachbezügen (bis zu 44 Euro monatlich) regelmäßig zu versorgen. Wir hoffen dass wir diesen neuen – auch digital buchbaren – City-Gutschein rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft am Start haben. Es wird sehr sportlich, ist aber möglich.“

Kuhn begrüßt auch, dass sich die Stadt Bad Mergentheim momentan noch ihre Optionen für einen Weihnachtsmarkt im Äußeren Schlosshof – trotz Corona – offen hält. In der Innenstadt werde es parallel einen schönen Weihnachtsschmuck vor einigen Geschäften geben und zudem sorge die städtische Festbeleuchtung für eine heimelige Atmosphäre.

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Jede Vorfreude trübt allerdings aktuell der zweite Teil-Lockdown im Land und dessen negative Folgen für die Gastronomie und den Einzelhandel. Hans-Joachim Kuhn sagt dazu: „Der erneute Lockdown ist für viele unserer Mitglieder eine echte existenzielle Herausforderung! Dass die Gastronomie schließen muss, ist nicht nur für diese Branche extrem schwierig, sondern bedeutet auch für alle anderen offenen Betriebe in der Stadt große Einbußen. Man kann einmal mehr erkennen wie wichtig das vielfältige Zusammenspiel aller Anbieter in unserer Stadt ist.“ Kuhn weiter: „Es sind wenig Kunden unterwegs, obwohl der Main-Tauber-Kreis die zweitniedrigsten Infektionszahlen in ganz Baden Württemberg hat. Alle Geschäfte sind hygienisch sehr gut aufgestellt, Abstände kein Problem. Es gibt also eigentlich keinen Grund nicht in die Stadt zu gehen.“

„Konzerne nicht schonen“

Auf die angekündigten Staatshilfen angesprochen, meint der Vorsitzende der Citygemeinschaft: „Wir wissen nicht, welche Unterstützung die Bundes- beziehungsweise Landesregierung den unterschiedlichen Branchen letztlich geben wird. Dass der zweite Lockdown die örtlichen Händler, Freizeitanbieter und Dienstleister an den Rand ihrer wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bringt, ist offensichtlich.“

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Kuhn ärgert sich: „Wir wundern uns, dass es den größten Profiteuren der Pandemie wie zum Beispiel Amazon gelingt, in Deutschland praktisch keine Steuern zu zahlen und wir lokalen, steuerzahlenden Unternehmer diesmal weitgehend leer ausgehen werden, wie es im Moment aussieht. Durch die Maßnahmen stärkt man diese Konzerne und spült ihnen Geld in die Kassen. Diese Umsätze fehlen dann den Innenstädten.“

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Warnend fügt Kuhn an: „Die Vielfalt und das Leben in unserer Stadt ist in Gefahr, wenn nicht politisch und finanziell bald gegengesteuert wird!“

Um dem Einzelhandel zu helfen, beschloss die Bundesregierung die Mehrwertsteuer für ein halbes Jahr (bis zum Jahresende) von 19 auf 16 Prozent zu senken. Wie hat sich das bisher bemerkbar gemacht? Kuhn schüttelt den Kopf: „Mir hat niemand von positiven Effekten berichtet. Auch in unseren Geschäften konnten wir nichts spüren.“

Zur derzeitigen Lage, zu den Aussichten und zur Senkung der Mehrwertsteuer befragte die Redaktion auch einige Händler in Bad Mergentheim und bekam unter anderem von Optik Werz Stolz & Schnäbele GmbH Antworten. Manuela Stolz und Karin Schnäbele erklären: „Bis jetzt stehen wir, den Umständen entsprechend, normal da. Auch wir merken den Lockdown, in der Richtung, dass einfach weniger Laufkundschaft da ist. Die direkten Mitnahmeartikel wie eine Sonnenbrille sind dadurch deutlich weniger gefragt.“

Zur Mehrwertsteuer würden die Kunden nicht explizit nachhaken, so die Inhaberinnen: „Am Ende ziehen wir unseren Kunden einfach automatisch drei Prozent vom Kaufbetrag ab.“

Im November beziehungsweise Dezember wird es bei Optik Werz die alljährliche Weihnachtsaktion geben. Die Weihnachtswerbung soll unter anderem über die sozialen Medien erfolgen.

Verstärkte Werbemaßnahmen planen gar Irmgard und Wolfgang Wunderle vom Traditionsgeschäft „Leder Pfahler“: „Wir verstärken unsere Präsenz in den sozialen Medien und in der Tagespresse mit Anzeigen, und wünschen uns, dass die Kundschaft sich jetzt schon in Ruhe ihre Weihnachtsgeschenke bei uns im Hause aussucht. Außerdem sind wir als aktives Mitglied der Citygemeinschaft bei der Werbekampagne zu Weihnachten beteiligt. Hier besteht die Möglichkeit, an der Schokoladenaktion teilzunehmen, die wieder attraktive Gewinne bietet.“

„Macht keinen Spaß“

Mit Blick auf die Corona-Krise merken Irmgard und Wolfgang Wunderle an, dass man den ersten Lockdown noch einigermaßen gut überstanden habe. „Beim zweiten Lockdown müssen wir feststellen, dass die fehlende Kundenfrequenz in der Stadt sich auf die Umsatzentwicklung negativ auswirkt. Maskenpflicht im Freien macht keinen Spaß beim Bummeln. Den Besuchern in der Stadt fehlen die Aufenthaltsmöglichkeiten in der Gastronomie und es fehlen die Touristen“, so die Geschäftsinhaber, die zudem anmerken: „Die Herabsetzung der Mehrwertsteuer war nicht das richtige Instrument, um die Kundenfrequenz zu erhöhen.“

„Kreativität gefragt“

Für das Modehaus Kuhn nimmt Johannes Kuhn Stellung: „Der zweite Lockdown trifft unser Modehaus natürlich hart. Die Frequenzen in der Innenstadt gehen spürbar zurück. Es wird wieder einmal deutlich wie stark abhängig die unterschiedlichen Branchen voneinander sind. Ohne Gastronomie macht ein Stadtbummel eben nur halb so viel Spaß. Wir glauben jedoch immer noch daran, gestärkt aus der Krise zu gehen und mit viel Kreativität und Umsetzungswillen unseren Kunden in Zukunft ein noch genussvolleres Einkaufserlebnis bieten zu können.“

Durch die Mehrwertsteuersenkung hat Johannes Kuhn so gut wie keinen positiven Effekt auf das Einkaufsverhalten bislang feststellen können. Seine Schwester Maike Kuhn blickt nach vorne und betont, dass die Kunden im Dezember im Modehaus „den Weihnachtsflair erleben, den sonst die Weihnachtsmärkte bieten“. An den Adventssamstagen locke das „Kuhn Winterwunderland“ mit Glühwein, Waffeln und Live-Musik. Selbstverständlich finde alles mit entsprechenden Hygienemaßnahmen statt, die während der „Fashion Nights“ im Oktober schon erprobt wurden und an die sich jeder vorbildlich gehalten habe.

Redaktion Hauptsächlich zuständig für die Große Kreisstadt Bad Mergentheim