Selbsthilfegruppen in der Region - Angelika Mayer-Rutz bleibt Ansprechpartnerin / Vom richtigen Umgang mit homosexuellen Kindern „Erkenntnis mit Akzeptanz und Stolz ergänzen“

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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Zwei homosexuelle Männer halten sich auf einem Straßenfest zum „Christopher Street Day“ an den Händen. © dpa

Die Tochter oder der Sohn sind homosexuell: Diese Erkenntnis ist oft ein Schock für die Eltern, auch für diejenigen, die sich selbst als tolerant sehen. Doch man kann lernen, damit gut umzugehen. . .

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Bad Mergentheim. Lange Jahre leitete Angelika Mayer-Rutz den „Gesprächskreis für Eltern, Angehörige und Freunde Homosexueller“. Die Treffen fanden in Würzburg statt, doch auch dort war für viele die Hemmschwelle einfach zu groß, an den Treffen teilzunehmen und ins „WUF“ zu kommen. Dazu kam der Anfahrtsweg. Den Gesprächskreis gibt es nicht mehr, doch die Bad Mergentheimerin ist weiterhin als Ansprechpartnerin aktiv – am Telefon, im Internet oder auch im direkten Gespräch.

„Ich kann etwas tun“

Warum sie die Gruppe aufbaute und leitete und auch heute noch als Ansprechpartnerin wirkt, ist einfach zu beantworten: „Ich wurde immer wieder mit diesem Thema konfrontiert und erkannte, dass etwas getan werden muss und ich etwas tun kann“, sagt Angelika Mayer-Rutz im Gespräch mit unserer Zeitung. Diese ehrenamtliche Tätigkeit setzt sie als Ansprechpartnerin weiter fort.

Betroffene gebe es „auch hier im ländlichen Raum“, und diese Menschen brauchen Hilfe. Dass ihre Unterstützung angenommen und geschätzt wurde, zeigt sich auch darin, dass sie mit vielen ehemaligen Gruppenteilnehmern noch heute Kontakt hat. Ihre Botschaft ist klar: „Es hilft, mit anderen zu sprechen, die in der selben Lage sind.“ Und das bedeute, Hilfe und Gesprächsbereitschaft anzunehmen.

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Was tun, wenn Sohn einen anderen Mann liebt oder die Tochter eine Frau? „Für die Eltern ist es immer ein Schock“, sagt Mayer-Rutz. „Da bricht was weg, ja regelrecht zusammen.“

Kein Wunder, wenn die Enkelkinder ein Wunschtraum bleiben werden und die vermeintlich heile, „normale“ Welt wie ein Kartenhaus zusammenstürzt.

Was „die Leute“ sagen

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Zunächst stellt sich häufig die Frage, was denn die Familie sagt und, oft noch schlimmer empfunden, „die Leute sagen“.

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Homosexualität sei nach wie vor, vor allem auf dem Land, ein „schwieriges“ Thema. Da kommen Fragen auf, ob Anzeichen ignoriert wurden, ob man etwas unterlassen hat oder hätte tun können oder warum einem der Sohn oder die Tochter so etwas „antun“. Dazu komme die Sorge um die Zukunft der Kinder.

Und: „Mütter leiden anders als Väter.“ Männer sehen das „Thema“ eher rational und versuchen dann auch, so damit umzugehen. „Viele Väter stellen sich die Frage, ob sie zu nachsichtig waren, wenn der Sohn nicht Fußball oder Cowboy spielen wollte“ und sich ganz generell lieber mit Mädchen-Spielzeug beschäftigte. „Habe ich zu viel anderes erlaubt?“ ist dann eine häufig in Gesprächen gestellte Frage. Und weiter: Für einen Vater sei es häufig leichter, zu akzeptieren, dass die Tochter lesbisch ist, als der Sohn schwul.

Mütter hingegen hätten oftmals die größeren Sorgen wegen des homosexuellen Sohnes.

„Für Väter und Mütter, ebenso wie für die anderen Angehörigen, ist es eine Karussellfahrt der Gefühle. Nötig ist ein Stück ’Trauerarbeit’, um von der Fassungslosigkeit zu Akzeptanz zu kommen“, berichtet Mayer-Rutz, die ehemalige Gruppenleiterin. Die Frage, ob man als Vater oder Mutter „was falsch gemacht“ hat, stelle sich nicht, „denn kein Sohn und keine Tochter sucht sich die Homosexualität aus“. Alle müssten „lernen, damit umzugehen, dass sie es einfach sind“.

„Sich selbst finden“

Das sei für Eltern und Angehörige zweifellos schwierig, räumt Mayer-Rutz ein. Aber: Für die Söhne und Töchter sei es ja auch schwierig gewesen, sich selbst zu finden und ihre sexuelle Ausrichtung zu akzeptieren. Anders zu sein, als es die Eltern, die Familie und das soziale Umfeld, ja weite Teile der Gesellschaft erwarten.

Homosexualität sei keine Krankheit oder anerzogen – „sie ist real“. Das betreffe Menschen aus allen Schichten, „es kann allen Eltern passieren, dass sie damit konfrontiert werden“.

Alle diese Fragen waren ständig Thema im Gesprächskreis, und sie sind es nach wie vor bei den Anrufen und Gesprächen. „Viele sind zunächst anonym, die Menschen haben oft die Sorge, erkannt zu werden.“

Und dann gibt es auch noch den „Klassiker“, etwa wenn Eltern Hilfe beim Pfarrer suchen, der dann erklärt, die Homosexualität „wegbeten“ zu können.

Was man nicht verändern kann

Im Laufe der Zeit „wachsen die Eltern“, betont Mayer-Rutz: „Das bekomme ich immer wieder mitgeteilt.“ Mütter und Väter verändern ihre Ansichten, wenn sie erst angenommen haben, was nicht zu verändern ist. „Viele Eltern entdecken ihre Kinder neu, akzeptieren ihr ’Anderssein’ und entwickeln großen Stolz auf den Sohn oder die Tochter, die ihr Leben meistern.“ Sein Kind zu lieben, „heißt, es zu akzeptieren“, betont Mayer-Rutz, aber: „Das alles ist immer ein ganz individueller Prozess.“

Wer „über den eigenen Tellerrand“ schaut und Beratung annimmt, „tut sich leichter“. Deshalb nennt sie auch weiterhin Adressen, wo Eltern und Angehörige Aufmerksamkeit und Hilfe finden können und vermittelt an Beratungsstellen, Gesprächskreise und Selbsthilfegruppen.

Wer sich lieber mit ihr austauschen möchte, kann das natürlich auch tun.

Sich outen

„Ich wünsche mir, dass es für Schwule und Lesben gar nicht mehr nötig ist, sich zu ’outen’, weil es normal ist, dass es solche Menschen gibt“, sagt Angelika Mayer-Rutz abschließend.

Angelika Mayer-Rutz hat übrigens zwei Bücher zum Thema geschrieben: „Bitte liebt mich, wie ich bin“ – Homosexuelle und ihre Familien berichten (ISBN978-3-932737-14-5) – sowie „Wie Phönix aus der Asche“ – Transsexuelle Menschen berichten (ISBN: 978-3-932737-80-0) – die einen guten Einblick in die damit verbundenen Themen bieten.