Straßennamen (Teil 18) - Die Kolpingstraße erinnert an den „Gesellenvater“, der ein wegweisender Sozialreformer und volksnaher Theologe im 19. Jahrhundert war Elend der wandernden Gesellen erlebt

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Joachim W. Ilg
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Besser kann man fast gar nicht Adolph Kolping in Kürze beschreiben: Er war Schustergeselle, ging mit 24 Jahren aufs Gymnasium, wurde Priester und engagierte sich als Sozialreformer und „Gesellenvater“. © Joachim W. Ilg

Adolph Kolping hat das Elend der wandernden Gesellen am eigenen Leib erlebt. Er war beseelt von der Idee, ihnen ein Heim, Bildung und religiösen Halt zu geben.

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Bad Mergentheim. Claudia Michelberger ist die erste weibliche Vorsitzende der Kolpingfamilie Bad Mergentheim. Sie wurde vor drei Jahren an die Spitze des ursprünglich rein männlichen Vereins gewählt, der seine Wurzeln im 19. Jahrhundert hat, als die Zunftordnung des Handwerks zusammenbrach, die Gewerbefreiheit sich durchsetzte und die Industrialisierung die althergebrachten Verhältnisse, zum Beispiel zwischen Meister und Gesellen, auflöste.

„Die Meister empfanden sich nicht mehr als Schutzherren, sondern betrachteten die Gesellen zunehmend als bloße Arbeitskräfte“, wodurch die Gesellen auch „ihr Zuhause in der Familie des Meisters verloren“, erinnert Michelberger an die sozialen Umbrüche in der Zeit des sich entfaltenden Kapitalismus. Während die Wanderschaft der Gesellen „früher der fachlichen Qualifikation“ gedient habe, „mussten sie nun jahrelang von einem Ort zum anderen umherziehen, um in der Ferne eine Anstellung zu finden“.

Kein Heim, keine Familie

Auch der Gründungsvater der Kolpingfamilie, der 1813 in der Nähe von Köln geboren wurde und als Kind einer Schäferfamilie in ärmlichen Verhältnisse aufgewachsen war, ging als Schuhmachergeselle auf Wanderschaft und „lernte das Elend der wandernden Gesellen am eigenen Leib kennen: Kein Heim, keine Familie, keine Perspektiven“, so Michelberger.

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Adolph Kolping, der „unter den sozialen Umständen seines Berufsstandes gelitten“ habe, wollte sich aus dieser Misere der Perspektivlosigkeit befreien und ging mit 24 Jahren in Köln aufs Gymnasium. Nachdem er ein Stipendium für ein Theologiestudium erhalten hatte, das er 1844 erfolgreich abschloss, empfing er 1845 die Priesterweihe und trat mit 32 Jahren seine erste Stelle als Kaplan und Religionslehrer in Elberfeld, heute ein Stadtteil von Wuppertal, an. Elberfeld sei ein „Sinnbild für die industrielle Revolution“ gewesen, „geprägt von Fabriken und verarmten Arbeitern“, erklärt Michelberger.

In Elberfeld lernte Kolping einen Verein kennen, der ihn beeindruckte und der geradezu vorbildlich erschien. Um „jungen Handwerkern Bildung, Geselligkeit und religiösen Halt“ zu geben, hatte der Lehrer Johann Gregor Breuer 1846 den „Katholischen Jünglingsverein zu Elberfeld“ gegründet, in dem sich Kolping immer mehr engagierte und Vorträge hielt. 1848 verfasste er die Programmschrift „Der Gesellenverein“ mit dem Ziel, auch in anderen Orten Gesellenvereine zu gründen und jungen Handwerkern eine Zufluchtsstätte zu bieten. Kolping sei geradezu „beseelt von dieser Idee“ gewesen und habe „seine Berufung als volksnaher Seelsorger“ erkannt, beschreibt Michelberger das außerordentliche Engagement dieses Sozialreformers, der sich auch als katholischer Publizist einen Namen machte.

Beachtliches Erbe hinterlassen

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Nachdem Kolping 1849 seine neue Stelle als Domvikar in Köln angetreten hatte, gründete er den Kölner Gesellenverein nach dem Elberfelder Modell, der bereits ein Jahr später 550 Mitglieder zählte und „dem Bedürfnis der Gesellen nach fachlicher, politischer und religiöser Weiterbildung, einhergehend mit Geselligkeit und familiärem Zusammenhalt“ entgegen kam, wie Michelberger erläutert, wobei das Kölner Vorbild rasch Nachahmer an vielen anderen Orten gefunden habe. Kolping habe sich auch dafür eingesetzt, dass Gesellenhäuser „als Freizeit- und Bildungsstätte, aber auch als familiäre Herberge für wandernde Gesellen“ errichtet werden.

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Als Kolping 1865 erst 52-jährig starb, „hinterließ er ein beachtliches Erbe“, wie Michelberger zusammenfasst: 420 Gesellenvereine mit über 24 000 Mitgliedern in Deutschland sowie in zahlreichen europäischen Ländern und Nordamerika. Damit sei Kolping zum „Vorreiter für die katholische Sozialbewegung“ geworden. 1991 wurde er von Papst Johannes Paul II. „selig gesprochen“. 1951 wurde eine Straße im Bad Mergentheimer Weberdorf nach ihm benannt.

Auch heute noch aktuell

Adolph Kolpings Leitsätze „haben auch in unserer heutigen Zeit Bestand“, betont Claudia Michelberger. So habe beispielsweise die Würde der menschlichen Arbeit eine wichtige Rolle in seinem Denken gespielt, wobei die nach wie vor akute Frage nach einem angemessenen Mindestlohn im Raum stehe, um ein menschenwürdiges Leben führen zu können.

Auch die Familien hätten ihm am Herzen gelegen. Ganz im Sinne des Sozialreformers setze sich das Kolpingwerk für eine Reduzierung der Mehrwertsteuer von 19 auf 7 Prozent bei Kinderartikeln ein, „denn es entbehrt doch jeder Logik, warum Hundefutter mit sieben Prozent besteuert wird, während Windeln, Schul- und Kitaessen mit 19 Prozent besteuert werden“, gibt Michelberger zu denken und bekräftigt, dass Kolpings Gedanken für sie „einen großen Stellenwert haben“. Daher engagiere sie sich für den Verein, und es mache ihr „Freude, mit den Kolpinggeschwistern etwas zu organisieren und zu unternehmen“.