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„Debut“-Klassik-Gesangswettbewerb

Eine schöne Stimme ist nicht alles

Matinee mit Blick hinter die Musik-Kulissen. „Victoria-Gewinnerin“ gibt Einlagen

Von 
pm
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Bad Mergentheim. Die Matinee am Sonntag im Kleinen Kursaal von Bad Mergentheim wurde zu einer gelungenen Auftaktveranstaltung des elften „Debut“-Klassik-Gesangswettbewerbs. Die künstlerische Leiterin Clarry Bartha moderierte eine Gesprächsrunde zum Thema „Gesang! Gestern – Heute – Morgen. Die menschlichste aller Kunstformen im Spiegel unserer Zeit.“

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Der Einladung gefolgt waren Bernd Loebe als Intendant der Oper Frankfurt am Main, der Musikjournalist Uwe Friedrich, der Tenor Paul McNamara, in diesem Jahr auch Jury-Mitglied, und die Komponistin Lucia Ronchetti.

Einflussreiche Tonsetzerin

Ronchetti ist im vergangenen Jahr zur künstlerischen Leiterin der Musik-Biennale von Venedig berufen worden. Die Italienerin machte deutlich, dass sie bei der 66. Biennale Musica mit dem Titel „Out of Stage – New Experimental Music Theatre“ den Schwerpunkt auf das zeitgenössische Musiktheater setzen werde.

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ferö
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Als unverzichtbarer Bestandteil der klassischen Gesangsausbildung darf das Lied im Wettbewerb von „Debut“ nicht fehlen. So hat Lucia Ronchetti aus ihrer an der Oper Frankfurt konzertant aufgeführten und enthusiastisch aufgenommenen Oper „Inferno“ zwei Arien ausgewählt, die ab dem Semifinale in Weikersheim von allen Sängerinnen und Sängern vorzutragen sind.

Nach dem kompositorischen Beitrag zur Kunstform Lied zum Debut-Jubiläum 2020 durch Giorgio Battistelli, der die Biennale Musica mit seinem Instrumentaltheater „Jules Vernes“ eröffnet und für sein Lebenswerk den diesjährigen Goldenen Löwen erhält, konnte Clarry Bartha mit Ronchetti die wohl einflussreichste Komponistin ihrer Zeit für den Gesangwettbewerb gewinnen.

Begleitet von der Pianistin Doriana Tchakarova bereicherte die schwedische Sopranistin Karolina Bengtsson, Gewinnerin der Goldenen Viktoria 2020, mit dem Glanz und der Strahlkraft ihrer Stimme die Matinee mit drei Liedern. „Glück, das mir verblieb“, auch bekannt als „Mariettas Lied“ aus der vielschichtigen Oper „Die tote Stadt“ von Erich Wolfgang Korngold wurde zu einem melancholisch funkelnden Juwel.

Später folgte der um eine Singstimme erweiterten Satz „Litanei“ aus Arnold Schönbergs Streichquartett fis-Moll, op. 10. Der Text des dritten und vierten Satzes knüpft an Gedichte von Stefan George an. Spielerisch leicht schlüpfte die Preisträgerin dann mit der Arie „Quando me’n vo“ in die Rolle der Musetta in Puccinis „La Bohème“. Es war ein besonders Erlebnis, durch die unmittelbare Nähe zu der Sopranistin die Emotionen geradezu physisch zu erfahren.

„Mitten ins Herz“ traf Bartha mit ihrer ersten Frage an Ronchetti über ihr Verständnis von Sprache und Musik. Temperamentvoll schilderte die Italienerin die große Bedeutung, die Dante Alighieri als „Vater der italienischen Sprache“ mit seinen Versen auf ihrem Weg zur international nachgefragten Komponistin hatte. Über ihren Beitrag zum Debut-Wettbewerb mit zwei zeitgenössischen Liedern zeigte sich Jury-Mitglied Paul McNamara erfreut. Der gebürtige Ire und Tenor ist heute künstlerischer Leiter der Dutch National Opera Academy in Amsterdam. Während der Studienzeit lerne man heute fünf, sechs bekannte Arien und gehe damit überall zum Vorsingen oder zu Wettbewerben, meinte McNamara. „Auch die Studierenden freuen sich deshalb sehr, etwas Neues zu lernen. Denn so kann man besser seinen eigenen Weg finden.“

Rüstzeug für den Gesang

Bernd Loebe, seit 2002 Intendant der Oper Frankfurt, zeigte Unverständnis für die an deutschen Theatern weitverbreitete Einbeziehung von Agenten für die Besetzung von Opernrollen, statt das Augenmerk auf die Heranführung eigener Nachwuchskräfte zu richten. Deren behutsame Förderung trage Früchte für das eigene Haus, vor allem aber für die Sänger selbst.

Der Musikjournalist, ARD-Moderator und Regisseur Uwe Friedrich möchte den Nachwuchs davor warnen, sich einseitig an den Auftritten großer Namen zu orientieren. Die bloße Nachahmung versperre den Weg zur Entfaltung einer eigenen sängerischen Persönlichkeit. Loebe erinnerte an den früher gefeierten Tenor Rolando Villazón. Er habe der hohen Gagen wegen jeden Abend woanders gesungen und so schnell seine Stimme ruiniert.

Clarry Bartha wies darauf hin, dass man auch „Nein“ sagen und bei der Rollenwahl lieber auch einen vermeintlichen Schritt zurück machen solle, bevor man sich „einen zu großen Schuh“ anziehe. Paul McNamara meinte angesichts ständig gestiegener Anforderungen: „Die Sängerinnen und Sänger müssen in der Ausbildung ein Gefühl und Verständnis dafür entwickeln, wer sie selber sind und was sie können.“

Bernd Loebe ergänzte, dass oft das Rüstzeug für den Gesang fehle, wenn man mit schönen Stimmen konfrontiert werde, die Nachfrage nach der Situation, in der sich die Opernfigur befinde, beim Bewerber aber ins Leere laufe: „Eine schöne Stimme allein ist nicht alles.“ Uwe Friedrich outete sich als Korngold-Fan und lobte Karolina Bengtsson noch einmal explizit für ihr Lied aus der Oper „Die tote Stadt“.

Die Matinee weckte die Vorfreude auf den Debut-Gesangswettbewerb ab 18. September, Liederabend am 22. September um 19.30 Uhr in der Tauberphilharmonie Weikersheim und auf das Galakonzert am 24. September, um 19 Uhr, ebenfalls in der Tauberphilharmonie. pm

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