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Historisches Schützen-Corps

Ein Gespenst, das immer wiederkommt

Dr. Alice Ehrmann-Pösch referierte beim Herzog-Paul-Abend über die Pest in Mergentheim. Langjährige Aktive ausgezeichnet

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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Einen mit zahlreichen Details gespickten Vortrag hielt Dr. Alice Ehrmann-Pösch (links) beim Herzog-Paul-Abend; rechts Hauptmann Andreas Schweizer. © Hans-Peter Kuhnhaeuser

Zum Herzog-Paul-Abend hatte das Historische Schützen-Corps ins katholische Gemeindehaus geladen. Neben Ehrungen stand der Vortrag der Historikerin Dr. Alice Ehrmann-Pösch im Mittelpunkt.

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Bad Mergentheim. Der Herzog-Paul-Abend des Historischen Schützen-Corps begann mit dem Antreten und Salutschießen. Aufgespielt wurde vom Hornistenzug des Schützen-Corps. Hauptmann Andreas Schweizer machte in seiner Begrüßung deutlich, dass der Herzog ein Forschungsreisender war. Die Mergentheimer Ratsherren und der Bürger-Ausschuss verliehen ihm am 7. September 1831 die Ehrenbürgerwürde.

Die Urkunde wurde später von Oberleutnant Nikolaus Schmid verlesen. Das Leben und Werk des Herzogs sei einer näheren Betrachtung würdig, betonte Schweizer, und er machte deutlich, dass neben dem Vortrag von Dr. Alice Ehrmann-Pösch die Präsentation des „Dachbodenfundes“ (siehe Artikel) einen besonderen Schwerpunkt des Abends bilde. Die stellvertretende Bürgermeisterin Manuela Zahn betonte, dass das Schützen-Corps die jüngere Geschichte der Stadt präge.

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„Pocken, Pest und Cholera“

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Ehrmann-Pösch sprach über „Pocken, Pest und Cholera“ und den Umgang mit Seuchen einst und jetzt. Sie stellte die Corona-Pandemie der Pest im Mittelalter gegenüber. Zunächst verbreiteten sich Gerüchte von einer schlimmen Krankheit, „aber dem ersten Pest-Ausbruch in Europa standen die Menschen 1347 völlig schutz- und hilflos gegenüber. Es gab damals mehr als 20 Millionen Tote.“

Über den ersten Ausbruch der Pest in Mergentheim gibt es keine gesicherten Informationen, doch knapp 100 Jahre später, 1436, liegen erste Quellen vor: „Sehr viele Menschen in der Stadt seien hingerafft worden“, sei da zu lesen. Ehrmann-Pösch verwies auf eine Mergentheimer Verfügung vom 10. November 1635: „Alle Pest-Kranken mussten gemeldet werden.“ Nach Bestätigung der Seuche durch den Barbier oder Arzt wurden sie ins Siechenhaus vor den Toren der Stadt gebracht oder sie durften ihr Haus nicht verlassen. Und bei Corona? „Keine Veranstaltungen, keine Gastronomie, kein Schulbetrieb, Quarantäne für positiv Getestete und Erkrankte. Die vergangenen zwei Jahre waren für das gesellschaftliche Leben schwierig.“ 1635 wurden Hochzeiten, Kindstaufen, Mahlzeiten und Zusammenkünfte verboten, Schule und Bäder geschlossen.

1635 schloss man in Mergentheim die weniger frequentierten Stadttore (Mühlwehr- und Oberes Tor). „Die zwei Haupttore (Burggassentor, Hadergassentor) blieben offen, um die Versorgung zu gewährleisten. Fremde, Gesindel oder Händler, die keine guten Pässe (Unbedenklichkeits-Bescheinigungen) hatten, durften nicht in die Stadt. 1635 war man sich schon bewusst, dass Schmutz und Unreinlichkeit etwas mit der Verbreitung der Seuche zu tun hatten. Also wurden die Gassen gesäubert und Schweine und Gänse aus der Stadt verbannt.“

Der Abtransport der Toten stellt mitunter noch heute Kommunen vor Herausforderungen. Alice Ehrmann-Pösch erinnerte an die Toten in Italien zu Beginn der Corona-Pandemie. „1635 sollten die Toten nur nachts aus den Häusern gebracht werden, damit die Lebenden die Straßen meiden konnten.“

„Für uns ist eine Seuche eine außer Kontrolle geratene Mutation eines Bakteriums oder eines Virus. Man kann sie erklären und sogar unter dem Mikroskop sehen.“ Die Menschen im Mittelalter und in der frühen Neuzeit konnten sich die Problematik nur in den von der Religion geprägten Denkmustern ihrer Zeit erklären. „Ein Seuchenausbruch war stets ein Strafgericht Gottes.“ Strenge Einhaltung der Gebote, Bußübungen, Bußprozessionen und Messfeiern erschienen als probates Gegenmittel und wurden in der Proklamation von 1635 angeordnet.

Völlig unbekannt war lange Zeit der wirkliche Auslöser der Pest, ein Bakterium, das sich auf den Flöhen von Ratten wohlfühlt und den Übersprung auf den Menschen schaffte. Die Pest blieb in Europa über vier Jahrhunderte neben Krieg und Hunger das Schreckgespenst schlechthin, und es kam immer wieder. „Wie im 14. Jahrhundert in Mergentheim erstmals die Pest auftrat, darüber findet sich nichts in den Archiven“, berichtete die Historikerin. 1584 wütete die Pest wieder in Mergentheim. Zwischen 1626 und 1636 brach sie, wie die Referentin darlegte, „mindestens zwei Mal“ in Mergentheim aus. In der Hochzeit der Pestwelle von 1626 wurden Massengräber angelegt. Die Räder der Wagen, die die abgelegten Toten aufluden, „mussten mit Filz umwickelt werden, damit die Bevölkerung nicht in zu große Schrecken verfiel“.

Ob die Pest 1680 bis nach Mergentheim kam, ist ungewiss. „1708 und 1713 bereitete man sich ebenfalls auf einen Ausbruch vor, doch scheint damals die Pest nicht hierher gekommen zu sein.“ Im Verlauf des 16., besonders aber seit dem 17. Jahrhundert „entstanden standardisierte Maßnahmenkataloge, darin werden auch Pesthäuser genannt. In Mergentheim stand vor dem Oberen (Wachbacher) Tor ein Siechenhaus, das auch als Armenhaus diente. Als 1680 eine Pestepidemie drohte, wurde „sehr schnell und in billiger Bauweise ein zusätzliches Gebäude auf dem Grundstück errichtet“, das im Zusammenhang mit dem Neubau des großen Armenhauses schon 1720 wieder abgebrochen wurde. Zudem musste das Spital in der Stadt einen Raum bereitstellen, „was nicht immer freiwillig geschah“. Schon damals führten – wie heute – Zuständigkeitsfragen, Probleme der Aufgabenverteilung zwischen Rat und (Ordens-)Regierung und die Finanzierung der Maßnahmen zu einem regen Schriftverkehr. Wirtschaftlich entstand bei allen Pestausbrüchen großer Schaden: Ganze Landstriche verödeten, und – es klingt ebenfalls vertraut – das Warenangebot verringerte sich, Lieferketten wurden unterbrochen und Nachschubprobleme führten zu Teuerungen.

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