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Erinnerung an Betty Strauß, Marie und Jette Wertheimer - Bewegende Worte von Gästen aus den USA / Deportiert und ermordet

Drei Stolpersteine in Wachbach gesetzt

Sie lebten anerkannt und geschätzt in Wachbach – bis die Nazis kamen. Dann wurden sie ihrer Rechte beraubt, ausgeplündert, deportiert und ermordet. Mit Stolpersteinen wird nun an Betty Strauß, Marie und Jette Wertheimer erinnert.

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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„Es ist Zeit“: Betty Strauß’ Urenkelin Marian Andrea Moss sprach auf Englisch, Josef Bopp übersetzte. © Hans-Peter Kuhnhäuser

Wachbach. Stolpersteine wurden und werden in vielen Städten und Gemeinden in Deutschland verlegt. Am Montagnachmittag verlegte Katja Demnig in Wachbach drei dieser Denkmäler. Es war eine ganz besondere Feier mit großer Beteiligung der Wachbacher.

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Ortsvorsteher Hermann Dehner konnte zahlreiche Gäste an der Ecke Dorfstraße/Im Ursprung begrüßen – erfreulich viele Wachbacher Bürgerinnen und Bürger, Kommunalpolitiker und natürlich auch die Paten der Stolpersteine – Maria und Josef Bopp (Dorfstraße), Brigitte Kaupat und Axel Bähr (Ritterplatz) – sowie Hartwig Behr und Klaus Huth vom Verein Stolpersteine Bad Mergentheim.

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Hier, an der Dorfstraße 104, stand einst das Haus, in dem Betty Strauß (geboren am 6. Januar 1875 in Ermreuth bei Forchheim) lebte. Am 1. Februar 1899 heiratete sie Rudolf Strauss. Sie hatten drei Kinder: Julius (geboren 1901), Rosa (1903) und Alfred (1905). Alfred gelang die Flucht, die mit seiner Frau und der unterwegs geborenen Tochter auf teils abenteuerlichen Wegen in die USA führte. Betty Strauß lebte bis 1942 in Wachbach, dann wurde sie von den Nazis deportiert und schließlich in Treblinka ermordet. Ihre Enkelin Marian Strauss-Houston und die beiden Urenkel Marian Moss und Michael Schoenberger waren extra aus den USA angereist, um an der Feier in Wachbach teilzunehmen. Sie waren auch mit dabei, als im Anschluss am Ritterplatz zwei weitere Stolpersteine zur Erinnerung an Marie und Jette Wertheimer verlegt wurden. Musikalisch umrahmt wurde die Feier von der Musikkapelle Wachbach. Die Musiker hatten sich sich extra freigenommen, um teilnehmen zu können.

Was deutlich wurde: Die Feier zur Verlegung der Stolpersteine und die dabei gehaltenen Reden waren den Wachbachern sichtlich eine Herzensangelegenheit, denn die Beteiligung war – für einen Montagnachmittag – erstaunlich hoch. Auch zwei noch lebende Zeitzeugen waren dabei beziehungsweise wurden erwähnt: Paul Bopp und Anna Weiß.

Bewegende Worte

Marian Strauss-Houston fand bewegende Worte, die sie auf Deutsch vortrug. Sie schilderte die Geschichte ihrer Familie. Leider wisse sie sehr wenig von ihrer Großmutter, denn sie sei erst 1940 geboren. Eine Erinnerung aber hat die Enkelin, die in den USA aufgewachsen ist: „Ich war ungefähr fünf Jahre alt, als mein Vater mich mitnahm in ein großes Gebäude; ein Rot-Kreuz-Zentrum. Hier erfuhr er, dass seine Mutter 1942 im KZ Treblinka ermordet wurde. Danach hat Vater einige Tage kein Wort gesprochen.“ Ihre Eltern hätten ihr nur wenig von ihrer Kindheit in Deutschland erzählt, „es war sehr schmerzhaft für sie, sich an ihr geliebtes Heimatland zu erinnern, das sie so schändlich behandelt hatte – nur, weil sie Juden waren. Abschließend machte Marian Strauss-Houston noch deutlich, dass ihre Geschichte Erinnerungen wachrufen; aber auch das Interesse wecken möge. Strauss-Housten danke den Wachbachern für die Gelegenheit, hier zu sprechen – „in Frieden und Freundschaft“. Und sie gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass in den USA endlich das Thema Sklaverei „so offen diskutiert wird, wie der Holocaust heute in Deutschland“.

„Es ist Zeit …“

Die Rede der Urenkelin, Marian Andrea Moss, übersetzte Josef Bopp. Die Rednerin machte deutlich, dass es Zeit sei, hier zusammenzukommen und sich an Betty Strauss, eine Wachbacher Bürgerin, zu erinnern. Es sei Zeit, an ihr Leben und an ihr Leid zu denken, und es sei auch Zeit, als Gemeinde Wachbach sich nach 70 Jahren der Verantwortung zu stellen und „der Wahrheit ins Gesicht zu schauen“.

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Urenkel Michael Schoenberger dankte für die Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen. Er verwies auf das Leben seiner Eltern, deren Erinnerungen und Erzählungen. Und er machte deutlich, dass „die heute lebenden Generationen nichts mit den Verbrechen der Nazis zu tun haben und um die Vergangenheit wissen“. Abschließend erinnerte Beate Laumeyer an das Leben von Betty Strauß in Wachbach; ihr Bericht war angereichert mit Erinnerungen Wachbacher Bürger.

„Die waren von do“

Auch am Ritterplatz 4 spielten die Musiker, und hier gedachte man Marie und Jette Wertheimer. Katja Demnig verlegte hier zwei Stolpersteine; und die Teilnehmer erfuhren von Ann-Marie Baier Näheres zu diesen beiden Frauen und deren Familie. Hier, in der früheren Hauptstraße 84, stand das Haus der Familie Wertheimer. Elise und Samuel Wertheimer hatten fünf Kinder, Marie, geboren 1874, war die Älteste; Jette, geboren 1979, war das dritte Kind. Über die weiteren Kinder - Clementine, Caroline und Moses – ist nichts außer dem Tag und der exakten Stunde ihrer Geburt bekannt. Marie und Jette blieben unverheiratet; sie wurden erst als Haustöchter, später als Rentnerinnen vermerkt. Aus den Erinnerungen gehe hervor, dass sie in einem gewissen Wohlstand lebten, „das Haus war sehr sauber und die Wohnräume waren mit schönen Möbeln ausgestattet“. Und da sie den Schabbat konsequent einhielten und Kinder gelegentlich mit einem Matzenbrot beschenkten, sind sie wohl gläubig gewesen.

„Es müssen freundliche Frauen gewesen sein, und sie wurden trotz der zunehmenden Repression und Drangsalierungen von einigen Wachbachern unter anderem mit Lebensmitteln versorgt. Im November 1941 schließlich wurden sie von zwei Männern, die mit einem Pkw vorfuhren, abgeholt. Marie Wertheimer wurde in einem Würzburger Altersheim in der Dürenstraße 20 zwangseinquartiert. Es folgte die Deportation über Nürnberg nach Theresienstadt, wo sie am 26. September 1942 ermordet wurde. Ihre Schwester Jette wurde am 28. November 1941 zuerst nach Stuttgart und dann am 1. Dezember 1941 nach Riga ins Außenlager Jungfernhof deportiert. Am 26. März 1942 wurde sie ermordet.

Viele offene Fragen

Brigitte Kaupat verwies in ihrem Beitrag auf viele offene Fragen: „Die Quellenlage ist dürftig. Von Jette Wertheimer ist nicht einmal das genaue Todesdatum bekannt. Sie kam nur wenige Monate, nachdem sie nach Riga-Jungfernhof deportiert wurde, ums Leben. Wie starb sie? An Unterernährung? An einer der häufigen Seuchen wie Typhus? Wurde sie erschossen, vergast oder anderweitig zu Tode gequält? Darüber ist nichts bekannt.“ Augenzeugen, so Kaupat weiter, gebe es kaum noch. „Aber es gibt ein Foto aus dem Familienalbum von Elfriede Scheidel: Darauf sind zwei Kinder vor dem Wertheimer-Haus zu sehen. Jette Wertheimer schaut aus dem Fenster. Das Foto ist ein letztes Zeugnis ihres Lebens in Wachbach. Sie wurde 62 Jahre alt.“

Marie Wertheimer war die Älteste der fünf Wertheimer-Kinder. „Das Wachbacher Geburtenregister verzeichnete sie als Marianne Wertheimer.“ Laut einem Zeitzeugen sei sie Marie genannt worden. Sie wurde am 11. September 1942 nach Theresienstadt deportiert und dort am 26. September ermordet. „Theresienstadt war kein Vernichtungslager“, sagte Kaupat.

Aber auch die Frage, wie die Wachbacher auf die Deportation ihrer Mitbürgerinnen reagierten, sei zu stellen. „Stellten sie Fragen? Wurden sie mit der Phrase abgespeist, die Juden kämen in den Osten zum Arbeiten? Haben sie sich nicht gewundert, dass zwei – für die damalige Zeit – alte Damen, die im Melderegister als Rentnerinnen geführt waren, zum Arbeiten geschickt wurden? Haben mindestens einige die beiden Frauen vermisst?“

Nach dem offiziellen Teil lud die Ortschaftsverwaltung zu einem kleinen Imbiss; eine gute Gelegenheit zum Gespräch und Austausch. Ortsvorsteher Hermann Dehner überreichte den Organisatoren Blumen und Weinpräsente und den Gästen aus den USA eine Wachbacher Ortschronik. „Ich danke Ihnen allen, dass sie heute zu uns gekommen sind und an dieser Feier teilgenommen sowie für die Ausgestaltung gesorgt haben.“

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