Erlesene Auswahl an Büchern vorgestellt

Die große Welt der kleinen Verlage

Literatur-Soirée am Vorabend der Winterlese fernab von kommerziellem Kalkül

Von 
Dilan Salatan
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Bei der literarischen Soirée erhielten die Besucher Einblicke in Verlage und deren Arbeit. © Uwe Weil

Nach zweijähriger pandemiebedingter Unterbrechung, die alle Literaturenthusiasten etwas ausgedörrt zurückgelassen hatte, war es am vergangenen Wochenende endlich wieder so weit: Die Bad Mergentheimer „Winterlese“ ging in die vierte Runde.

Bad Mergentheim. Auch diesmal bot die Winterlese einem literaturinteressierten Publikum eine erlesene Auswahl an Büchern fernab des Mainstreams und kommerziellen Kalküls.

Bereits am Vorabend des Büchermarktes (sie Bericht unten) gewährten die Verlagsmitarbeiterinnen und -mitarbeiter in einer literarischen Soirée bei der Buchhandlung Moritz und Lux einen kurzen, aber sehr anschaulichen Einblick in ihre Verlage, die Arbeit, die hinter einem jeden Buch steht und sich ganz individuell gestaltet, und schließlich in eines ihrer liebsten Druckerzeugnisse. Ein straffes Programm, bedenkt man, dass in diesem Jahr die Zahl der sich vorstellenden Verlage, von denen ein Großteil eigens aus Berlin, Zürich, Mannheim, Karlsruhe, Warmbronn oder auch aus Niederstetten angereist war, von 14 auf 16 angestiegen ist – aber eben auch ein umso lohnenswerteres.

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Die Heiterkeit, mit der die Literatur-Soirée ihren Lauf nahm, und die den gesamten Samstagabend über nicht abschwellen sollte, ist nicht zuletzt der charmant-beschwingten Moderation zu verdanken. Die in Berlin lebende Lektorin, Redakteurin und Übersetzerin Beatrice Faßbender, die selbst zum Team des im Programm der Winterlese vertretenen Berenberg Verlags gehört, führte schwungvoll durch den Abend. So rief sie augenzwinkernd und witzelnd den Verleger Heinrich von Berenberg, als suche sie nach ihm im Publikum, mit „Chef! Chef! Chef!“ aus und auf die Bühne. Wob Zwischenrufe aus dem Publikum humorvoll in ihren Vortrag ein und koordinierte zugleich elegant das prall gefüllte Programm. Da kann man dann selbst als Übersetzerin schon mal vergessen, die Übersetzerinnen und Übersetzer der vorgestellten Bücher zu nennen. Zumindest anfänglich. Und auch die Vertreterinnen und Vertreter der Verlage stimmten ein in die muntere, lustige Atmosphäre, die sich rasch auf das Publikum übertrug.

Unabhängigkeit bewahren

Doch auch bei aller Ausgelassenheit geriet die Ernsthaftigkeit der Sache zu keiner Zeit in Vergessenheit: Die Frage nämlich, was Independent- bzw. Indie-Verlage leisten und was sie dafür opfern, um sich ihre Unabhängigkeit bewahren zu können.

Ein nicht-kommerziell orientiertes Unternehmen zu sein, das klingt zunächst nach einem unauflöslichen Widerspruch. Aber – und das wurde in den Vorträgen deutlich – Indie-Verlegerinnen und -Verleger sind Überzeugungstäter. Ihnen geht es darum, sich nicht an lohnenswerten Zielgruppen orientieren zu müssen, sondern nach lohnenswerten – und das heißt druckwerten – Texten Ausschau halten zu können. Das diverse Programm machte deutlich, wie wichtig gerade die kleinen, unabhängigen Verlage für die kulturelle Vielfalt und Lebendigkeit der Literaturlandschaft sind.

Die Bandbreite der vorgestellten Bücher war erstaunlich und deckte ein mannigfaltiges Spektrum an Themen ab. Von höchst subjektiven und universalen, wie dem Trennungsschmerz nach einem abrupten, unerwarteten Liebesaus (Stine Pilgaard: „Meine Mutter sagt“, Kanon Verlag), über Klassismus und Milieuwechsel, wie in Giulia Caminitos Anti-Bildungsroman „Das Wasser des Sees ist niemals süß“ (Verlag Klaus Wagenbach), bis hin zum Kolonialismus und seinen weitreichenden Folgen, welchen in Chuah Guat Engs Krimi „Echos der Stille“ (Verlag Das Wunderhorn) nachgespürt wird. Letzterer, so der Verleger Manfred Metzner, dürfe als ein Kriminalroman verstanden werden, der zugleich im Gewand eines Gesellschaftsromans auftritt.

Auch betont er, dass der Verlag ohne die Kolonialgeschichte gar nicht erst zu denken sei, da viele der verlegten Autorinnen und Autoren aus Afrika, der französischsprachigen Karibik und aus Asien stammten und sich mit den bis in unsere Gegenwart hineinreichenden und heute noch verheerenden Folgen des Kolonialismus beschäftigten.

Für Kinder und Erwachsene gleichermaßen interessant war der seit 2011 herausgegebene „Kinder Kalender“ vom Moritz Verlag aus Frankfurt am Main, der sorgsam ausgesuchte Gedichte und kunstvolle Illustrationen aus aller Welt versammelt. So wolle man Kindern den Zugang zur Literatur ebnen, sagt Verlagsleiter Markus Weber.

Soghafte Stimme

Ein besonderes Vergnügen dürfte es wohl allen Zuhörern gewesen sein, Ulrike Götz bei der Verlebendigung der aus den Büchern ausgewählten Passagen zu lauschen. Die professionell ausgebildete Sprecherin erweckte mit ihrer rauchig-soghaften Stimme für einen kurzen Augenblick die von den Verlagen mitgebrachten Geschichten zum Leben. Auch scheute sie – zur Freude des Publikums – nicht davor zurück, eines der im „Kinder Kalender“ abgedruckten Gedichte auf Norwegisch vorzutragen – ohne jemals Norwegisch gelernt zu haben.

Eine im Publikum sitzende Skandinavistin fand der Versuch gar nicht so schlecht: Sie habe doch einiges verstanden. Was vielleicht noch eine andere bedeutsame und am Abend oftmals hervorgehobene Aufgabe der unabhängigen Verlage anschaulich illustrierte: Vielen geht es darum, mit ihren Büchern in andere und ferne Weltgegenden zu entführen, Autorinnen und Autoren auch aus „kleinen“ Sprachen vorzustellen – etwa aus dem Färöischen oder Finnischen.

Sie wagen sich an Themen, Bücher und Übersetzungen, um die Konzernverlage oft einen Bogen machen, weil sie wissen: Großes Geld lässt sich damit nicht verdienen. Wichtiger als Geld aber ist den Indies Vielfalt, Leidenschaft und Begeisterung. Und letztere wurde an diesem Abend in der Buchhandlung Moritz und Lux auf jeden Fall entfacht.