Corona-Krise - Kinobetreiber in Bad Mergentheim, Wertheim und Würzburg äußern sich zur schwierigen Lage / Neue Blockbuster / Mit der Spielekonsole im großen Saal Der bayerische James Bond rückt vor

Von 
Sascha Bickel
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Blick in einen Kinosaal: Einzelne Sitzplätze sind hier mit Zetteln mit aufgedrucktem Virus-Symbol abgesperrt, damit Kino-Besucher einen Abstand von 1,5 Meter zueinander einhalten können. © dpa

Bad Mergentheim/Wertheim/Würzburg. „Die Corona-Pandemie hat uns im März sehr hart getroffen. Viele Blockbuster, wie unter anderem ’Mulan’, ’James Bond’, ’Fast & Furious’, ’Die Mininos’ und andere mehr standen im Lineup. Unsere Erwartungen für 2020 waren extrem hoch und diese Filme hätten der Branche extrem gut getan. Für uns in Bad Mergentheim wäre es vermutlich das beste Kinojahr seit der Eröffnung des ’Movies’ im Jahr 2012 gewesen“, berichtet Sven Döding, Geschäftsführer des Kinos in der Kurstadt. Doch es kam alles anders.

Corona-Krise trifft auch das „CinemaxX“ in Würzburg

Die CinemaxX Holdings GmbH betreibt in Deutschland und Dänemark über 30 Multiplex-Kinos, eines unter anderem in Würzburg.

Wie steht es um das „CinemaxX“ in Würzburg in Zeiten von Corona? Dazu erklärt Pressesprecherin Ingrid Breul-Husar: „Seit Wiedereröffnung unserer Kinos nach dem bundesweiten Lockdown haben wir über eine Million Besucher bei uns begrüßt. Darauf sind wir sehr stolz. Kino ist ein Ort, an dem völlig abgeschaltet werden kann. Dies ist in dieser besonderen Zeit relevanter denn je! Kernbestandteil des Kinobetriebs im ’neuen Normal’ ist ein umfängliches Sicherheits- und Hygienekonzept. Alle Kinos unserer Gruppe sind mit raumlufttechnischen Anlagen ausgestattet, die sowohl die Kinofoyers als auch Säle stets gut belüften.“

Ist der Standort Würzburg akut gefährdet? „Nein“, sagt Pressesprecherin Ingrid Breul-Husar: „Als Unternehmensgruppe schätzen wir uns glücklich, nach einem Rekordjahr 2019 und einem Rekordquartal Q1 2020 generell gut gewappnet in die aktuelle Situation gegangen zu sein.“

Wie entwickelt sich die Lage im Kino-Markt? Ingrid Breul-Husar meint dazu: „Vor der Pandemie gab es in ganz Europa Rekorde bei den Besucherzahlen. Als Unternehmen glauben wir felsenfest an die große Zukunft von Kino. Momente, in denen man völlig ’eintauchen und abschalten’ kann, sind heutzutage rar geworden. Den großen Erfolg den unserer Klassiker erleben, die wir zurück auf die große Leinwand bringen, verdeutlichen uns einmal mehr, dass Kino der Ort ist, um Filme in Vollendung zu erleben.“

Auf welche Hollywood-Streifen/Highlights dürfen sich die Gäste demnächst freuen? CinemaxX-Pressesprecherin Breul-Husar: „Auch wenn für uns die Verschiebung großer internationaler Blockbuster eine aktuelle Herausforderung ist, dürfen wir uns im nächsten sowie übernächsten Jahr auf eine große Anzahl von Blockbuster-Filmen freuen. Wir sehen hier zudem eine große Chance für lokale Produktionen, dass diese die entstandenen Lücken füllen. So hat beispielsweise unser Verleihpartner Constantin schnell auf die Verschiebung von Bond reagiert und den Start von ’Contra’ auf den 23. Dezember vorgezogen. Wir dürfen wir uns in den nächsten Wochen über weitere lokale Constantin-Produktionen freuen: So startet ’Kaiserschmarrndrama’ am 12. November, ’Ostwind – Der große Orkan’ am 17. Dezember und die lokale Produktion ’Wunderschön’ von und mit Karoline Herfurth aus dem Hause Warner am 3. Dezember.“ sabix

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Sven Döding, dazu Wolfgang Gebauer, der Chef des Wertheimer „Roxy“-Kinos, eine Sprecherin der „CinemaxX“-Unternehmensgruppe und Sandra Backhaus vom HDF Kino in Berlin, der zentralen Interessensgemeinschaft der Kinobetreiber in Deutschland, äußern sich gegenüber unserer Zeitung zur Lage der Filmtheater-Branche.

Große Hoffnungen setzen alle in Blockbuster, auch aus Deutschland, die nicht wie viele andere, fertige Hollywood-Streifen vorläufig abgesetzt und auf 2021 verschoben wurden. Auf den ursprünglichen 007-Starttermin rückt nun der bayerische James Bond, Franz Eberhofer – zu sehen ist dieser ab 12. November im „Kaiserschmarrndrama“. Für 3. Dezember ist „Monster Hunter“ mit Mila Jovovich, Tony Jaa und Ron Perlman (und damit bereits drei Wochen vor dem US-Start) in den deutschen Kinos angekündigt. Am 17. Dezember soll „Ostwind – Der große Orkan“, das Finale der Ostwind-Reihe, starten und am 23. Dezember „Contra“, der neue Film von Sönke Wortmann mit Christoph Maria Herbst und Nilam Farooq.

Sind die Kino-Standorte in Bad Mergentheim und Wertheim aufgrund der Corona-Krise nun akut gefährdet, wollte unser Reporter unter anderem wissen und bekam vom Mergentheimer Kino-Chef Sven Döding folgende Auskunft: „Zur Zeit haben wir lediglich zirka zehn Prozent der normalen Umsätze. Da kann sich jeder vorstellen, dass damit nicht wirklich viel zu machen ist. Wir hatten aber großes Glück, dass unser Vermieter uns in der Zeit von März bis Oktober sehr konstruktiv unterstützt hat.

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Die Zukunft vieler Kinos in Deutschland hängt davon ab, welche Förderungen der Staat weiterhin zur Verfügung stellen kann. Die Überbrückungshilfen zur Zeit reichen leider hinten und vorne nicht aus um zu Überleben. Zur Zeit führen wir weitere Gespräche mit unserem Vermieter, um die Zukunft des Standorts Bad Mergentheim auf Dauer zu sichern.“

Besser durch die Krise ist dagegen der zweite Geschäftsbereich von Döding gekommen, das angeschlossene Restaurant „Elements“, das seit Oktober „wieder ganz normal“ von Dienstag bis Samstag geöffnet hat.

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Wolfgang Gebauer, Chef des Wertheimer Kinos, berichtet, dass „auch das Roxy wie alle Kinos massiv unter der Corona-Pandemie leidet“. Weiter teilt er mit: „Wir haben geöffnet, aber da jede zweite Reihe gesperrt ist und zwischen den Zuschauern Plätze frei bleiben müssen, haben wir eine Sitzplatzkapazität von nur gut einem Drittel. Das ist auch der Grund, warum die Verleihfirmen ihre publikumsträchtigen Filme auf 2021 verschieben.“

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Akut gefährdet sei der Standort Wertheim nicht, meint Gebauer und betont: „Das ’Roxy’ gibt es seit 1954, wir betreiben es seit 1981 und in so einer langen Zeit haben wir sehr gute Zeiten gehabt, aber auch Krisen wie das Aufkommen von Video oder das illegale Downloaden von Filmen aus dem Internet. Aktuell natürlich die Streamingdienste, die Filme und Serien in unüberschaubarer Zahl anbieten.“

Sven Döding erzählt rückblickend, dass man die Zeit des Lockdowns in Bad Mergentheim genutzt habe, um das komplette Kino auf Hochglanz zu bringen. „So wurden in dieser Zeit alle 550 Sitze, Teppichböden und sämtliches Inventar gereinigt und desinfiziert.“ Und bis heute betreibe man einen hohen Hygieneaufwand, um die Sicherheit der Besucher stets zu gewährleisten.

Das Autokino am Wildpark und das Waldkino-Open-air hätten dem Mergentheimer Kino zudem über den Lockdown und den Sommer geholfen, schiebt Döding noch nach.

Hollywood hinterlässt große Lücke

Der Kino-Chef bedauert, dass aktuell attraktive Filme aus Hollywood fehlen: „Diese machen in der Regel 75 Prozent des Umsatzes aus.“

Wie kann diese Lücke gefüllt werden? Welches Angebot kann Kino-Interessierten momentan gemacht werden? Welche alternativen Nutzungsmöglichkeiten gibt es für die Kinosäle? Darauf hat Döding eigene Antworten: „Aufgrund der reduzierten Filmstarts sind wir jetzt in der Lage, völlig neue Geschäftsbereiche auszuprobieren. Wir bieten schon lange die Möglichkeit, zum Beispiel mit seiner Spielekonsole im Kinosaal zu spielen. Ein Ballerspiel mit richtig gutem Sound macht im Kino natürlich Mega-Spaß. Bislang konnten wir jedoch immer nur relativ schlechte Zeitfenster anbieten. Jetzt ist es jederzeit möglich, einen Saal für das private Zocken anzumieten. Aber auch ’Private Cinema’ ist jetzt auch zu den normalen Abendstunden möglich. Einfach mal seine Lieblingsserie direkt in den Kinosaal stream oder den Lieblingsfilm auf DVD im Kinosaal, ganz privat anschauen. Zur Zeit sind fast keine Grenzen gesetzt“, so Döding.

Und er geht noch weiter: „In anderen großen Städten kooperieren die Kinos mit Schulen und Universitäten, um zum Beispiel die Kinosäle als Klassenzimmer zu nutzen. Wir könnten uns dies auch für Bad Mergentheim vorstellen. Unsere fünf Kinosäle bieten nicht nur genug Platz, sondern sind auch mit modernster Lüftungstechnik ausgestattet. Aber auch für zum Beispiel Betriebsversammlungen oder Betriebsratstreffen können wir unsere Kinosäle jederzeit zur Verfügung stellen.“

Wolfgang Gebauer vom Wertheimer „Roxy“ setzt auf das Bewährte: „Wir bieten an, was wir seit fast 40 Jahren anbieten: Kino! Das Erlebnis, sich in einem dunklen Raum für zwei Stunden in eine andere Welt zu begeben, ganz auf die Handlung zu konzentrieren und ringsum alles zu vergessen.“

Sven Döding befürchtet, dass „bis zu 50 Prozent der Kinos in Deutschland die Krise nicht überstehen werden. Es ist wirklich eine sehr ernste Situation und wir hoffen, dass dies auch die Politik auf dem Schirm hat. Ohne weitere und vor allem besser angepasste Förderungen wird es nicht gehen.“

2021 wird damit gerechnet, dass viele Blockbuster aus Hollywood beinahe gleichzeitig auf den Markt drängen. Dazu sagt Döding: „2021 wird ein wirklich spannendes Jahr werden. Sollten wir die Pandemie in den Griff bekommen und die Beschränkungen aufgehoben werden, können sich alle Cineasten auf ein Feuerwerk von Blockbustern freuen. Ich persönlich freue mich schon ganz besonders auf James Bond, der nun für April angekündigt wurde. Als Kinobetreiber hoffen wir, dass trotz der zu erwartenden Filmflut, attraktive Zeitfenster für alle Filmstarts gefunden werden.“

Und Wolfgang Gebauer ergänzt: Hinter den Kulissen gebe es bei den großen Verleihfirmen Absprachen, so dass ein gleichzeitiger Start von einem oder mehr Blockbustern wohl nicht zu erwarten sei. Gebauer: „Wie lange es dauert, bis sich die Kinos erholt haben, ist fraglich. Sollten sich die Besucherzahlen nicht normalisieren, sieht es düster aus. Für die einen, weil sie es finanziell nicht schaffen, für die anderen, weil sie einfach keine Lust mehr haben.“

Redaktion Hauptsächlich zuständig für die Große Kreisstadt Bad Mergentheim