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FN-Gespräch

Dankbarer Blick auf die Internatszeit

Leonhard Fromm und Martin Ehrler berichten von ihren Erfahrungen

Von 
HP
Lesedauer: 

Bad Mergentheim. Wie war es damals und wie ist der Rückblick auf die im „Kasten gemachten Erfahrungen? Die FN sprachen mit zwei „Ehemaligen“ – Leonhard Fromm und Martin Ehrler. Beide waren Mitte bis Ende der 1970er Jahre im „Kasten“.

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„Ich war das jüngste von fünf Kindern. Ich hatte mein eigenes Zimmer (wie wir alle), konnte aber machen, was ich wollte“, erinnert sich Leonhard Fromm. Und das zeigte „Wirkung“ – die Schule wurde zur Katastrophe. Also reagierten seine Eltern: „Ich musste in die ‚Kaserne’, den Kasten nach Bad Mergentheim.“ Für den Bub eine Horrorvorstellung, die aber bald ein neues Gesicht bekam. „Der Kasten hat mir geholfen, vom totalen Chaotendasein wegzukommen. Es war ein heilsamer Kulturschock“, sagt Fromm heute – mit großem zeitlichen Abstand. Ihm sei es in den Jahren 1975 bis 1979 im Kasten „nie langweilig“ gewesen, ja er entwickelte sich zum „Tischfußball-Profi“. Gleichwohl habe er „jahrelang unendliches Heimweh“ gehabt. „Da bin ich dann immer in die Hauskapelle und hab’ geweint.“ Die war damals noch mit Kniebänken ausgestattet. „Ich hab’ hier gelernt, meine Gefühle abzuschalten“, sagt Fromm. Aber dennoch sei er „dankbar für das, was ich hier erlebt habe. Ich habe hier Disziplin gelernt, und das alles hat mir geholfen, ein erfolgreiches Leben zu führen.“ Fromm wurde Redakteur, später Wirtschaftsredakteur, PR-Berater und Therapie-Coach für Männer, die mit ihren Gefühlen wieder zurechtkommen wollen. „Ich kann heute sagen, dass ich im Kasten gelernt habe, jedes Ziel, das ich erreichen will, auch zu erreichen.“

Martin Ehrler. © Hans-Peter Kuhnhäuser

Wie in allen Jungen-Gemeinschaften sei es im Internat um „Macht und Gewalt“ gegangen – „bis manche Leute rausgeschmissen wurden“. Dennoch: „Das hat mich innerlich gestählt!“ Ein Grund sei sicher gewesen, dass von einem pädagogischen Konzept im heutigen Sinn keine Rede sein konnte. „Da waren zwei Betreuer da, das war alles.“ Insgesamt lebten die damals 70 Schüler auf sehr beengtem Raum, so dass es keinerlei Privatsphäre gab. „Im Schlafsaal war ich das elfte Kind.“ An den Wochenenden war der Direktor gelegentlich der einzige Erzieher im Haus, so dass es auch kaum Aufsicht und damit Schutz oder Bezugspersonen gab. Und, so Fromm weiter, im Kasten galt in allen Bereichen das Leistungsprinzip und es gab, wenn auch unausgesprochen, in nahezu jedem Lebensbereich Hierarchien. Aber der Ex-Kästler spricht dennoch davon, dass er mit „Dankbarkeit“auf diese für ihn harten 1970er-Jahre zurückblickt. „Jahre, in denen vieles auch sehr schön war. So konnte ich mich in der Theatergruppe entfalten, in der Turnhalle und auf dem Bolzplatz viel mit den anderen spielen, wir unternahmen viele Aktivitäten und ich war Teil der ‚Kästler-Gemeinschaft’, die als etwas Besonderes verstanden wurde.“ In Bad Mergentheim habe er sehr früh verinnerlicht, „dass es Realitäten gibt, mit denen man sich besser arrangiert als sie zu bedauern – so bleibt man Täter (Handelnder) und wird kein Opfer“, sagt Fromm heute.

„Ausflug in die große Welt“

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Ein etwas anderes Bild zeichnet Martin Ehrler. Für ihn sei der Kasten und Bad Mergentheim „fast ein Ausflug in die große Welt“ gewesen. Als Bartensteiner war für ihn kein Gymnasium erreichbar, „also musste ich weg,. Und da der Ortspfarrer den Kasten empfahl, war die Wahl schnell gelaufen.“ Was Ehrler, der katholischer Pfarrer wurde und heute als Dekan in Geislingen an der Steige wirkt, besonders hervorhebt: „Hier war immer etwas los. Egal, ob musisch, sportlich oder eben in den Hobbygruppen.“

Das „volle Leben“ genoss der Landjunge sowohl in der Turnhalle und auch beim übrigen Freizeitprogramm. „Ich habe an meine Zeit im Kasten grundsätzlich gute Erinnerungen“, sagt Ehrler. Und als Bub vom Land hatte er nur anfangs Heimweh, denn „hier war immer mehr los als daheim“. Und so verflog das Heimweh rasch. „Mir hat’s hier Spaß gemacht!“ Die Schule und der Kasten „haben mich nicht aufgehalten, Priester zu werden“, sagt Ehrler mit einem Lächeln. Vielmehr hätten die Jahre im Kasten – er war hier von 1973 bis 1979 Internatsschüler’ – sein Leben „bereichert“. „Für mich war es toll, hier zu sein. Im Kasten konntest du dich ausprobieren, es gab ein großes Angebot. Und Bad Mergentheim habe ich als ‚große’ Stadt erlebt“, verweist der Dekan auf seine Eindrücke, die er hier sammeln konnte. „Für mich war im und um den Kasten die große Welt.“ Insofern denke er gerne an seine Zeit in der Badestadt zurück. „Sie hat mich positiv geprägt.“ HP

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