Gesellschaft - Fest-Absage Ende April schmerzt die Weiß-Blauen bis heute in doppelter Hinsicht / „Müssen Entwicklung abwarten“ Corona-Krise traf und trifft viele Vereine

Von 
Hans-Peter Kuhnhäuser
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Weder Kanonendonner noch Musketenschüsse waren Ende April in der Stadt zu vernehmen, kein Pulverdampf und auch keine bunten Uniformen waren zu sehen. Auch die St. Georgs-Tage fielen aus.

Hans-Georg Boehm zeigt den Prospekt für den Auftaktabend der St. Georgs-Tage. Die Absage „wegen Corona“ ist für die HDOC ebenso schmerzlich wie für alle Vereine, die Festveranstaltungen absagen mussten und müssen. © Kuhnhäuser
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Bad Mergentheim. Die Stadt ist wieder voll, die Geschäfte wieder geöffnet – so langsam scheint es wieder „normal“ zu werden. Doch die „Feschtlesaison“ ist, obwohl kalendarisch längst angelaufen, noch weit von der Normalität entfernt. Feste und öffentliche Veranstaltungen mit vielen Gästen und Besuchern sind nach wie vor nicht möglich. Das trifft nicht nur Veranstalter, sondern auch die Lieferanten. Brauereien, Getränkehandel, Bäcker und Metzger müssen Einbußen verkraften. Die Auswirkungen der Pandemie sind für Vereine, die vielfach Feste ausrichten, tiefgreifend.

Ein Beispiel soll das aufzeigen: Für die Historische Deutschorden-Compagnie (HDOC) sind die St. Georgs-Tage – heuer waren sie für den 24., 25. und 26. April geplant – „eigentlich die einzige Gelegenheit, mit der Bewirtung etwas Geld zu verdienen“, sagt Hans-Georg Boehm. Er ist ein „Urgestein“ des Vereins und kann sich an die Anfänge ebenso erinnern wie an die zahlreichen Höhepunkte des Vereinslebens. Zu ihnen zählen zweifellos diese Festveranstaltungen.

Gemeinschaft und Geschichte

Bei den St. Georgs-Tagen träfen sich Gemeinschaft und Geschichte, „das Fest, die Geselligkeit und die Öffentlichkeit bilden den Rahmen“, sagt Boehm. Und ja, es gebe auch noch Auftritte außerhalb der Stadt, die teilweise honoriert würden. „Aber diese Termine sind ebenfalls alle abgesagt worden.“ Somit komme „bis auf Weiteres nichts in die Kasse“, während die Kosten, etwa die Miete für das Arsenal, weiter anfallen. „Da geht es uns wie allen Vereinen.“

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Dabei war schon alles vorbereitet, „und die Arbeit hat ja bereits nach den letztjährigen St. Georgs-Tagen angefangen“, sagt Boehm. Was soll thematisch aufgearbeitet werden, die ganze Organisation, der Druck von Flyern und Einladungen, der Einkauf und natürlich auch die Versendung der Einladungen an die befreundeten Gruppen – „das war schon alles geklärt und gelaufen“. Dann kam die Corona-Krise. „Die hat uns kalt erwischt. Und es hat ja nicht nur uns getroffen“, betont Boehm.

„Alle Gäste und Gruppen, die wir schon eingeladen hatten, mussten wir wieder ausladen. Lebensmittel und Getränke waren bestellt, das haben wir stornieren müssen.“ Das Hartobst war allerdings schon geliefert. „Das liegt jetzt in meinem Keller.“ Die Absage „hat uns allen richtig weh getan“, erklärt Boehm. Nicht nur wegen des Festes an sich und der entgangenen Einnahmen, sondern auch wegen der ideellen Komponenten.

Klein, aber fein

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Boehm nennt dabei den für den 24. April geplanten Auftaktabend im Arsenal – „eine kleine, aber feine Veranstaltung für Mitglieder und Freunde“. Dieser Abend sollte sich der Erinnerung an die heute weitgehend vergessenen und mit dem Deutschen Orden eng verbundenen ehemaligen deutschen Ost-Provinzen widmen: Pommern, Schlesien, West- und Ostpreußen. Boehm macht dabei deutlich, dass es kein Abend á la „Schlesien ist unser“ werden sollte. „Aber man darf nicht vergessen, dass diese Provinzen ein wichtiger, ja ein fester Bestandteil der deutschen Geschichte sind.“ Wer heute auf Landkarten schaue, finde zumeist nur noch polnische oder russische Städtenamen. „Für die nach 1945 Geborenen ist es zumeist Ausland, obgleich (bis auf den russischen Teil Ostpreußens) Bestandteil des vereinten Europas.“ Grund genug, sich angemessen mit der Thematik zu beschäftigen, zumal sie ja auch mit dem Deutschen Orden zu tun hat.

Ausfindig gemacht

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Die von ihm ausfindig gemachten Siegel aus diesen Provinzen – „die eine Quelle war das Staatsarchiv Breslau, die andere die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin“ – sind anhand der Originale handgefertigte Replikate.

Ergänzung

Sie ergänzen nun die Ausstellung „1000 Jahre Deutsche Geschichte“ im Arsenal der HDOC im Schloss. „Wir wollten die Siegel aus Pommern, Schlesien, West- und Ostpreußen an diesem Abend vorstellen.“

Zudem wäre auch der kulinarische Beitrag die Teilnahme wert gewesen. Die Liebe geht bekanntlich durch den Magen, „die Erinnerung aber auch“, sagt Boehm. So standen „Pommerscher Festtagstopf“, „Königsberger Klopse 1840“ und „Schlesisches Himmelreich“, ergänzt mit „Kließla“ und – „das haben wir extra eingekauft“ – Flaschenbier aus Schlesien auf dem schon gedruckten Prospekt für den Auftaktabend. Die Küche der in Folge des Zweiten Weltkrieges verlorenen Provinzen „ist allemal erhaltenswert“, betont Boehm.

Was die Verantwortlichen des HDOC traf, nämlich viel Arbeit und dann die Absage des geplanten Festes, erlebten und erleben gegenwärtig viele Vereine. „Wir sind da nur ein Beispiel“, weiß Boehm. Und natürlich mache man sich Gedanken, ob und wie man die St. Georgs-Tage noch „nachfeiern“ könne.

Neuer Termin unklar

„Wir können nur die weitere Entwicklung abwarten. Bevor wir einen Termin festlegen, muss klar sein, dass Corona wirklich vorbei ist.“