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Buchvorstellung Herzog Paul von Württemberg - Entdecker, Forscher, Sammler / Deutschordensmuseum präsentiert die Lebensgeschichte des Schlossbewohners

Buch über eine „unbekannte Größe“

Von 
Inge Braune
Lesedauer: 
Wenn es um Herzog Paul geht, darf das Historische Schützen-Corps Bad Mergentheim nicht fehlen: Das 1820 gegründete Corps nannte den Gönner und Freund schlicht „Chef“. Hier rahmen Corps-Angehörige (von links) Michael Hörrmann, Maike Trentin-Meyer, Nicole Scheuerbrandt und Daniel Göker ein. © Inge Braune

Bad Mergentheim. Natürlich ist es der Deutsche Orden, der Mergentheim am nachhaltigsten seinen Stempel aufdrückte. Doch auch andere hinterließen Spuren: Der Dichter Eduard Mörike etwa, dem das Deutschordensmuseum ein Kabinett widmet; der pensionierte Major und Sammler Carl Joseph von Adelsheim, dessen Altertumssammlung hier gehütet wird; oder der Pfarrer, Volksschriftsteller und Mitgründer des Historischen Vereins für Württembergisch Franken Ottmar Schönhuth. Und dann ist da Friedrich Paul Wilhelm, Herzog von Württemberg: Forschungsreisender, Entdecker, leidenschaftlicher Sammler und Lebemann.

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Als frisch vermählter 30-Jähriger bezog er 1827 das ehemalige Deutschordensschloss, das dem jungen Paar von Wilhelm I., seinem Cousin und zweiten König von Württemberg, als Apanageschloss zugewiesen worden war. Zur hochadeligen Verwandtschaft zählte neben seinem Onkel König Friedrich I. von Württemberg auch die Cousins und russischen Zaren Alexander I. und Nikolaus I. Manchem Familienmitglied galt Herzog Paul als „Zigeunerprinz“.

Sich an Hof- und biedermeierliche Bürgeretikette zu halten entsprach weit weniger Herzog Pauls Naturell als seine Leidenschaft für naturwissenschaftliche und ethnografische Forschungen, Reisen und Sammlungen. Gattin Maria Sophia von Thurn und Taxis verließ ihn und die kaum 3000 Einwohner zählende Stadt bereits ein Jahr nach dem Einzug ins ehemalige Deutschordensschloss. Am 25. Juni jährt sich der Geburtstag des aus dem oberschlesischen Carlsruhe stammenden Weltreisenden zum 225. Mal – Grund genug, dem hoch gebildeten Offizier und enfant terrible der Württemberger eine Hommage zu widmen.

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Der Herzog gehöre als fulminanter Forschungsreisender, der seine Funde allerdings nicht in Büchern publizierte, zu den „unbekannten Größen“, so einführend Michael Hörrmann, Geschäftsführer Staatliche Schlösser und Gärten Baden Württemberg im Deutschordensmuseum Bad Mergentheim gGmbH. Auch wenn bislang nur vereinzelte Reste seiner immensen Sammlung, die seinerzeit 20 Räume im Schloss beanspruchten, gefunden wurden, lohne sich unbedingt, diesen Schatz zu heben und das Museumspublikum dafür zu begeistern.

Studioausstellung

Das versuchte man sehr erfolgreich im Deutschordensschloss bereits mit der Herzog Paul gewidmeten Studioausstellung 2014, die die Basis für die jetzt vorliegende 120-seitige, reich bebilderte, lebendige und höchst informative Lebensbeschreibung des ehemaligen Schlossbewohners bildete. Maike Trentin-Meyer, seinerzeit als Museumsleiterin auch Projektleiterin der Ausstellung, übernahm jetzt als Konservatorin der Staatlichen Schlösser und Gärten Baden-Württemberg die Redaktion der ab sofort verfügbaren Publikation. Gemeinsam mit dem Kunsthistoriker Daniel Göker und der promovierten Schlossführerin Nicole Scheuerbrandt führten sie anhand von Bildern – das Museum besitzt unter anderem ein eigenhändiges Aquarell des Herzogs und als städtische Leihgabe ein Portrait – , Briefen und gründlich recherchierter Vita ein in das spannende Leben des forschenden Weltreisenden. Auf fünf großen Forschungsreisen erkundete er Nord- und Südamerika, Nordwestafrika und Australien. Er schloss Bekanntschaft mit etlichen Indianerstämmen, berichtete in seinem Reisetagebuch genau und achtungsvoll etwa über Wa-kan-ze-re, einen Häuptling der Kanzas. Als hervorragender Beobachter erwies er sich auch seinen geografischen, botanischen und zoologischen Erkundungen.

Fleißiger Sammler

Neben zahlreichen Tier-, insbesondere Vogelpräparaten sammelte Herzog Paul Wilhelm völkerkundliche Gegenstände, die er im „Indianischen und morgenländischen Kabinet“ gern auch gegen einen kleinen Obulus Interessierten zeigte. Eduard Mörike ließ sich das nicht entgehen, entrichtete zwölf Kreuzer und skizzierte nach dem Besuch einen Blick ins herzogliche Naturalienkabinett mit Schlangen- und Krokodilpräparat. Immerhin ein Teil von Herzog Pauls Nordamerikasammlung hat im Stuttgarter Linden-Museum eine sichere Heimat gefunden, wenn auch das meiste nach Versteigerung in einem Mergentheimer Wirtshaus in alle Winde zerstreut sein dürfte.

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Herzog Paul sammelte nicht nur, sondern auch Menschen aus aller Welt: Amerikaner, Mexikaner und Afrikaner brachte er von seinen Reisen mit nach Mergentheim. So kamen aus Nordamerika der „Indianer“ Jean-Baptiste Charbonneau, der Indianer Apok und möglicherweise auch der Sioux-Häuptling Haucmonc ins Taubertal. Aus Mexiko brachte der Herzog 1831 Juan Alvarado und Augustin Bargas mit, aus Afrika 1840 den von ihm aus der Sklaverei freigekauften Oromo-Äthiopier Aman Gonda und Paul Anton Rehan. Die exotischen Gäste dürften in der Stadt für reichlich Gesprächsstoff gesorgt haben, ebenso wie das muntere Liebesleben des Herzogs, der offen zu seinen beiden unehelichen Töchtern stand und für ihre Ausbildung und einen guten Start bei ihren späteren Emigrationen nach Amerika sorgte.

Hohe Schulden

Keinesfalls unbesprochen blieben die hohen Schulden, die der Sammler und Weltreisende aufgrund seines exzentrischen Lebensstils bei ortsansässigen Handwerkern und Kaufleuten aufgehäuft hatte: Ein 1849 angestrebtes Gerichtsverfahren endete zwar mit einem Vergleich, aber den „Zigeunerprinz“ hielt es nicht mehr in der Stadt: Noch im selben Jahr brach er zu einer siebenjährige Reise durch Nord-, Mittel- und Südamerika auf. Parallel hatte er seinen Hauptwohnsitz wieder an seinen Geburtsort im oberschlesischen Carslruhe verlegt, wo er mit dem Bau der „Paulsburg“ seinen Sammlungen das passende Umfeld zu schaffen suchte. Das hinderte ihn nicht, kaum ein Jahr nach der Rückkehr nach Europa erneut das Weite zu suchen: 1857 bis 1859 erfüllte er sich den lang gehegten Traum, auch Australien kennenzulernen. Seine „Paulsburg“ konnte er nur kurz genießen. Noch im Jahr der Fertigstellung verstarb Herzog Paul während eines Kurzaufenthalts in Mergentheim. Die Todesursache – Darmverschlingung oder Erkältungskrankheit – ist bis heute unklar. Ehrenwache bei seiner Aufbahrung in der Schlosskirche hielten die ihm eng verbundenen Bürgerschützen, in deren Nachfolge Mitglieder des Historischen Schützen-Corps jetzt auch der Buchvorstellung im Deutschordensschloss teilnahmen.

Freie Autorin Berichte, Features, Interviews und Reportagen u.a. aus den Bereichen Politik, Kultur, Bildung, Soziales, Portrait. Im Mittelpunkt: der Mensch.

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