Caritas-Krankenhaus - Multiple-Sklerose-Tag mit Vorträgen und Informationsständen „Bild hat sich zum Positiven gewandelt“

Lesedauer: 

Bad Mergentheim. Es wurde viel gelacht beim MS-Tag im Caritas-Krankenhaus Bad Mergentheim – und dies obwohl oder gerade weil viele Betroffene unter den mehr als 300 Besuchern waren. Denn die Cartoons, die der Zeichner Phil Hubbe vorstellte, widmeten sich mit viel Humor der Situation von MS-Betroffenen und Menschen mit Behinderungen. Hubbe erhielt vor rund 30 Jahren die Diagnose MS. Gegen den Rat seiner damaligen Ärzte machte er das Zeichnen zu seinem Beruf.

AdUnit urban-intext1

„Das Bild von MS hat sich zum Positiven gewandelt, meist bedeutet MS heute nicht ein Leben im Rollstuhl“, betonte Privatdozent Dr. Mathias Buttmann, Chefarzt der Klinik für Neurologie im Caritas-Krankenhaus. In seinem Vortrag setzte sich der Neurologe kritisch mit der medikamentösen Therapie auseinander. „Menschen mit MS sind heute insgesamt nicht mehr so stark eingeschränkt wie noch im Jahr 2006. Während damals nur knapp 35 Prozent der MS-Betroffenen berufstätig waren, sind es heute 57 Prozent, und nur noch etwas mehr als jeder Fünfte bezieht eine Erwerbsminderungsrente.“ Das liege auch an inzwischen geänderten Diagnosekriterien. „Vor allem haben wir diese Entwicklung aber den Erfolgen der Immuntherapie zu verdanken“, betonte er. Allerdings stehe dieser „segensreichen Wirkung“ ein Risiko für teils gravierende Nebenwirkungen gegenüber.

Dies erläuterte er am Beispiel des Wirkstoffs Natalizumab. Weltweit wurden bisher rund 190 000 Betroffene damit behandelt, meist mit einer hervorragenden Stabilisierung des Verlaufs. Mindestens 187 Patienten starben allerdings an einer Nebenwirkung, einer durch Viren ausgelösten Hirninfektion.

Realistische Einschätzungen

„Ist das Risiko hinnehmbar, schlimmstenfalls an der Therapie einer nicht tödlichen Erkrankung zu versterben?“ Diese Frage stelle sich bei jeder stark wirksamen Immuntherapie, machte Buttmann deutlich. Von zentraler Bedeutung sei deshalb ein tragfähiges Vertrauensverhältnis zum behandelnden Arzt, der das Nutzen-Risiko-Verhältnis realistisch benennt und dabei auf den Betroffenen eingeht. Dies erfordere Zeit, die das Gesundheitssystem immer weniger vorsehe. Der Chefarzt appellierte an die Politik, dem Arzt-Patienten-Gespräch künftig wieder mehr Bedeutung beizumessen und es besser zu honorieren.

AdUnit urban-intext2

Der Neurologe warnte davor, ein Fehlen jeglicher Krankheitsaktivität als Ziel der Immuntherapie anzustreben. „Diese Erwartungshaltung ist meist nicht realistisch. MS ist eine Erkrankung, die wir mit den heutigen Medikamenten oft gut, meist aber eben nicht perfekt behandeln können.“ Ganz ohne Medikamente, aber sehr wirkungsvoll ist die gezielte Trainings- und Physiotherapie. Das machte Vibeke Hansen in ihrem mit praktischen Beispielen unterlegten Vortrag deutlich. Sie stellte Therapiekonzepte vor. Zunächst müsse ein Befund erhoben werden, um zu wissen, was genau trainiert werden muss und wo die individuellen Schwachstellen liegen. Oft sei eine Kombination aus verschiedenen Konzepten sinnvoll. Wichtig sei dabei, Bewegungstraining in die Alltagsbewegungen einzubauen und zu Hause weiter zu trainieren. „Nur über hohe Wiederholungszahlen werden die Muskeln und die neuronalen Prozesse verändert“, mahnte Hansen und verwies auf den „gelernten Nichtgebrauch“: „Schon nach drei Tagen ohne Training ist die Neuronenaktivität rückläufig, die Bewegung ist schlechter sensorisch präsent und man wird schwächer.“ Sie appellierte daher an alle MS-Betroffenen, sich immer wieder neu zu körperlicher Aktivität anzuregen. Auch gerade nach einem Schub sei es wichtig, sich zu fordern.

In anschließenden Workshops konnten die Besucher die verschiedenen Konzepte unter Anleitung von Physiotherapieschülern praktisch testen. Auch zu Blasenstörungen sowie zu Sprech- und Schluckbeschwerden bei MS gab es Tipps. An den Infoständen in der Halle des Caritas-Krankenhauses konnten sich Besucher über Hilfsmittel für Betroffene informieren. In der Fragestunde mit den Neurologen spiegelte sich ein breites Spektrum der MS wieder. Junge Frauen hatten Fragen zur Einnahme der Antibaby-Pille oder zu einer möglichen Schwangerschaft bei MS. Schmerzen im Rücken oder in den Beinen, Inkontinenz und Sehstörungen waren weitere Fragen, die PD Dr. Buttmann, Dr. Waldemar Kafke sowie den niedergelassenen Neurologen Dr. Herbert Hock und Dr. Tilmann Rossmanith beantworten.