Soirée zur „Winterlese“ - Beatrice Faßbender und Ulrike Götz im Gespräch mit 13 unabhängigen Verlegern Ambitioniertes jenseits des Mainstreams

Von 
Felix Röttger
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Das Verleger-Paar Barbara und Stefan Weidle stellt einen aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger übersetzten Roman von Helga Flatland vor. Links Moderatorin Beatrice Faßbender. © Felix Röttger

Eine Literatur-Soirée bei Moritz und Lux im Rahmen der „Winterlese“ beleuchtete unabhängige Verlage und ihr Wirken.

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Bad Mergentheim. So angeregt die Gespräche in der nicht nur auf den Regalen randvollen Buchhandlung Moritz und Lux in Bad Mergentheim vor der Literatur-Soirée der inzwischen dritten „Winterlese“ verlaufen; wenn die „Lokalmatadorinnen“ Beatrice Faßbender und Sprecherin Ulrike Götz 13 unabhängige Verlegerinnen und Verleger sowie Mitarbeiter nach ihrem ambitionierten Programm jenseits des Mainstreams und kommerzieller Trends befragen und mit Kostproben aus ausgewählten Büchern Freiräume für Fantasie und Vorstellungsvermögen schaffen, wird es mucksmäuschenstill. Denn wer etwas zu sagen hat, muss zuhören können.

Es ist wie ein mentales Workout, das auch sehr herausfordernd sein kann. Dies gilt nicht nur für Verhandlungen, sondern erst recht für diese an- und aufregenden, nachdenklichen oder humorvollen Passagen, mit denen Ulrike Götz mit ihrer warmen „Mezzosopran“-Stimme neue oder wieder zu entdeckende Autoren dem Lesepublikum ans Herz legt.

Angesichts der Fülle der von Kurator Ulrich Rüdenauer sorgsam ausgesuchten Verlage und der bunten Mischung der Bücher blieben immer nur wenige Minuten zur Vorstellung. Ulrike Götz sorgt als Losfee auch für die Reihenfolge, die Verleger Manfred Metzner vom Heidelberger Verlag „Das Wunderhorn“ erstmals in die „Pole-Position“ bringt.

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Es sind große, existenzielle Fragen, die in dem Buch von Klaus Zimmermann „Von der Welt, wie sie ist und sein könnte“ auf 220 inhaltsvollen Seiten verhandelt werden. Scharfsinnig beschworen wird in essayistischer Form die Besinnung auf die Schönheit der Welt und des Lebens.

Klar und trennscharf

Verleger Heinrich von Berenberg vom gleichnamigen Berliner Verlag hat mit Katharina Hackers „Darf ich dir das Sie anbieten“, köstliche „Minuten-Essays“, so Ulrike Götz, im Gepäck. Hacker ist eine preisgekrönte Romanautorin; mit dem eleganten Bändchen will sie auch die Sprachlebendigkeit des Lesers wach kitzeln, der seinen Kommentar hinzufügt und dann als originelles Geschenk weiterreicht. Claudia Hillebrand vom Vetrieb des Göttinger Wallstein Verlags präsentiert den neuen Erzählband „Manilois“ des Schweizer Theaterautors und Schriftsteller Lukas Bärfuss, der überraschend mit dem Georg-Büchner-Preis 2019 ausgezeichnet wurde. Die Jury lobt die karge, klare, trennscharfe und dennoch rätselhafte Bildersprache.

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Auf 128 Seiten durchstreift der Erzähler die Kantone seiner schweizerischen Heimat und lässt den Leser teilhaben an seiner Gedankenarbeit, in der das scheinbar Unwichtige ungeahnte Bedeutung bekommt.

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Vertriebsleiterin Uli Deuser vom 1984 gegründeten Wiener Picus Verlag hat „Grünauge sieht dich“ von Bastienne Voss im Gepäck. Tragik und Humor gehen in diesem Spionage-Roman über eine deutsch-deutsche Liebesgeschichte mitten in der Zeitenwende 1989 eine ungewöhnliche Verbindung ein. Lektor Alexander Weidl vom Secession Verlag für Literatur in Berlin stellt das Werk „Tiere“ vom Herausgeber Roland Borgards vor. Band zwei der Reihe „Handliche Bibliothek der Romantik“ stellt mit zahlreichen Abbildungen grotesk oder romantisch geschilderte Tiere der Romantik vor. Wir sind mitten in einer Epoche, wo nach Novalis „Vögel, Tiere und Bäume gesprochen haben“.

„Vom Versuch, einen Glücksgott loszuwerden“ handelt das von Verlegerin Tina Walz vom „Der Diwan Hörbuchverlag“ vorgestellte Buch von Ko Machida. Mit hörbarem Genuss liest Charly Hübner eine aus dem Japanischen übersetzte Geschichte über den nicht einfachen Versuch, einen grinsenden Glücksgott loszuwerden.

Bewegend und elegant

Lektorin Cornelia Künne vom Züricher Kampa Verlag macht auf den Erzählband „Nur einmal“ der US-amerikanischen Schriftstellerin und Filmproduzentin Kathleen Collins aufmerksam, die 1988 starb. In sechzehn bewegend und zugleich elegant geschriebenen Storys lässt Kathleen Collins die Zeit der Bürgerrechtsbewegung lebendig werden. Beherrschende Themen sind der Rassismus, Liebe und Vertrauen, Hoffnung und Isolation. Ein anrührendes Plädoyer für eine rassenübergreifende Gesellschaft.

Vertriebsleiterin Helga Schuster vom Verlag Matthes & Seitz in Berlin wirbt für den Roman „Ice Cream Star“ von Sandra Newman. Die Autorin schickt in einem zerstörten Amerika, in dem ein Virus alle älteren Menschen hinweggerafft hat, auf über 600 Seiten eine 15-jährige afroamerikanische Heldin auf die Suche nach einem lebensrettenden Impfstoff. Übersetzt wird ein afroamerikanisches Englisch, das für die Autorin selbst wie ein Virus gesehen wird, das sich weltweit verbreiten wird. Verleger Peter Graf vom Verlag Walde & Graf / Das kulturelle Gedächtnis aus Berlin zeigt sich überzeugt von der Bedeutung einer Neuauflage von Hans R. Fischers Buch „Unter den Armen und Elenden Berlins“, das 1887 mit einem ungewöhnlichen Mitgefühl ohne Pathos für Aufsehen sorgt.

Der erst 24-jährige Journalist Hans Richard Fischer verbringt verkleidet als Bettler, ganz im Reportage-Stil eines frühen Günter Wallraff, Nächte im Asyl für Obdachlose, sucht die Stätten der Prostitution auf und beschreibt seine Erlebnisse in einer Nervenklinik.

Schonungslos und wütend

Ganz auf die Weihnachtszeit stimmen 24 Gedichte von Rautenberg/Stangl ein, die Verlegerin Monika Bilstein vom Wuppertaler Peter Hammer Verlag für die Soirée ausgewählt hat. Für den Verbrecher Verlag kam das Verleger-Duo Jörg Sundermeier und Kristine Listau mit dem Buch „Schäfchen im Trockenen“ von Anke Stelling. Es ist ein schonungsloser, fast schon satirisch anmutender Roman über die Abstiegsängste unter schwäbischen Bewohnern im Prenzlauer Berg, die mit ihren Enttäuschungen, ihrer Wut, aber auch Selbstanklagen nicht hinter dem Berg halten.

Das Verleger-Paar Barbara und Stefan Weidle rücken den aus dem Norwegischen von Elke Ranzinger übersetzten Roman von Helga Flatland in den Fokus. Bei einer Familienfeier aus Anlass des 70. Geburtstages des Familienoberhaupts wird unvermittelt die Scheidung der Eltern angekündigt, was eine scheinbar unangreifbare Familienidylle wie eine Seifenblase zerplatzen lässt.

Zum Abschluss der Literatur-Soirée begeistert Verleger Florian Arnold vom Verlag Topalian & Milan aus Oberelchingen für „Goldgefasste Finsternis“ von Arno Tauriinen. Ein skurriler, zugleich amüsanter Roman von 292 Seiten mit schönen Tuschzeichnungen von Max P. Häring, der den Leser in ein geisterhaftes Labyrinth eintauchen lässt, in dem er Sigmund Freud oder auch Richard Wagner begegnet.

Die Literatur-Soirée bei Moritz und Lux ist für die wagemutigen und unabhängigen Verlage, die mit Moderatorin Beatrice Faßbender nur kurz ihre Verlagsgeschichte und das mit zahlreichen Verlegerpreisen ausgezeichnete Wirken skizzieren können, ein ertragreicher Abend unter Gleichgesinnten mitten unter den Lesern als Zielgruppe.