Vortragsabend - Professor Dr. Ansgar Jaeger befasste sich mit dem Thema „Kunststoffe – Fluch und Segen zugleich?“ Am besten auf Verpackungen verzichten

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Peter D. Wagner
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„Kunststoffe – Fluch und Segen zugleich?“ lautete das Thema eines Vortrags- und Diskussionsabends mit Professor Dr. Ansgar Jaeger, unter anderem Dozent und Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FH W-S) im Studiengang Kunststoff- und Elastomertechnik. © Peter D. Wagner

Kunststoff hat viele Vorteile – aber auch gravierende Nachteile. Eine umfassende Analyse zum Umgang mit dem umstrittenen Material gab es bei einem gut besuchten Vortrag mit Professor Jaeger.

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Bad Mergentheim. „Kunststoffe – Fluch und Segen zugleich?“ lautete das Thema eines Vortrags- und Diskussionsabends, der in Kooperation von der Naturschutzgruppe (NSG) Taubergrund und der Katholische Erwachsenenbildung (KEB) Dekanat Mergentheim veranstaltet wurde.

Referent im gut besuchten Mariensaal des Katholischen Gemeindehauses in Bad Mergentheim war Prof. Dr. Ansgar Jaeger aus Igersheim, nach seinem Maschinenbau-Studium mit Vertiefungsrichtung Kunststoffverarbeitung unter anderem Dozent und Professor an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt (FH W-S) im Studiengang Kunststoff- und Elastomertechnik sowie Vorsitzender des Fachausschusses Industrie 4.0 in der Spritzgießtechnik im VDI.

Ausgehend von einer Bestandsaufnahme und differenzierten Betrachtungsweise der Kunststoffe und deren Einsatzgebiete wurde beleuchtet, welche Handlungsfelder Politik, Industrie und Wirtschaft oder Konsumenten und Verbraucher haben, um dieses gesellschaftlich so brisante Thema besser zu kontrollieren.

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In vielen Anwendungen und Branchen seien Kunststoffe heute äußerst wertvoll und zuverlässig im Einsatz wie etwa in den Bereichen Medizin, Mobilität, Bau, erneuerbare Energien, Elektronik oder Freizeit, verdeutlichte Jaeger. Zum Beispiel tragen Leichtbau, thermische und elektrische Isolation sowie Funktionsintegration und Gestaltungsspielraum durch Kunststoffe maßgeblich zur CO2-Reduktion bei. „Kunststoffe machen lediglich vier bis fünf Prozent des Gesamtrohölverbrauchs aus, Verkehr hingegen 42 Prozent sowie Energie und Heizung 45 Prozent“, gab er zu bedenken.

Vorteile seien unter anderem eine niedrige Verarbeitungstemperatur nebst einer leichten und komplexen Gestaltbarkeit sowie die hohe chemische Beständigkeit. Den Vorteilen stünden allerdings äußerst Besorgnis erregende und geradezu erschreckende Bilder der Umweltverschmutzung durch Kunststoff und Plastik in den Weltmeeren sowie eine Vielzahl alarmierender und beängstigender Berichte darüber entgegen. Schon heute befänden sich geschätzt rund 80 Millionen Tonnen Kunststoffe in den Weltmeeren. Die entsprechenden Anteile bezifferte der Referent bei Microkunststoffen mit 74 und bei Makrokunststoffen mit 26 Prozent. Haupteintragswege seien Reifenabrieb, Waschen in Industrieregionen sowie unkontrollierte Entsorgung vor allem in Asien und Afrika.

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„Durch fehlende, zuverlässige Entsorgungs- und Reinigungswege gelangen Kunststoffe zu großen Mengen in die Weltmeere – und zwar letztlich deshalb, weil Menschen dorthin entsorgen“, hob Jaeger hervor. Demgemäß sei die extrem lange Haltbarkeit von Kunststoffen nicht nur als Vorteil, sondern zugleich auch als Nachteil einzustufen. „Das Problem ist also nicht der Kunststoff, sondern unser unkontrollierter Umgang in Nutzung und Entsorgung“, unterstrich er. Einzelmaßnahmen seien möglich und sinnvoll, aber eine wirkungsvolle Reduktion sei nur mit weltweit funktionsfähigen, ökologischen Sortier- und Entsorgungswegen denkbar. „Wir haben in Deutschland sehr gute Entsorgungs- und Recyclingsysteme für Makroplastik, die für den Export ausgezeichnet geeignet wären,“ betonte Jaeger.

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Bei werkstofflichem Recycling sei zudem zu berücksichtigen, wann es wirtschaftlich folgerichtig sei. Verbrennung wiederum solle akzeptiert werden, wenn sich eine Aufbereitung als zu aufwendig herausstelle. Zugleich müsse durch neue Anwendungsfelder und recyclinggerechten Konstruktionen eine Verbesserung der Wirtschaftlichkeit des Recyclings angestrebt werden.

„Es sollte eine weniger emotionale, sondern mehr sachliche Diskussion entstehen“, appellierte Jaeger. „Bei Verpackungen ist der Einsatz von Kunststoffen individuell mit Ihrem Einkaufsverhalten zu hinterfragen“, stellte er mit Blick auf die Verbraucher klar, verbunden mit dem Slogan „Keine Verpackung ist die beste Verpackung“.

Als Beispiele für „Jedermann“-Maßnahmen listete der Referent unter anderem auf: Verpackungen vermeiden, langlebige Produkte einkaufen nebst kritisch hinterfragen („Codecheck“), Einkauf regionaler als auch möglichst nicht verpackter Produkte und Waren wie etwa Obst oder Gemüse, das zudem nicht unter Kunststofffolien angebaut werde, Leitungswasser trinken oder Getränke in Mehrwegflaschen kaufen, wenn nötig Kunststoff sinnvoll und richtig den Entsorgungswegen zuführen, weniger und defensiv Auto fahren, Reifen mit weniger Abrieb einsetzen sowie Körperpflegemittel ohne Microplastik.

Produkte müssen recyclbar entwickelt werden, die Trennung von Stoffverbunden ermöglicht und die Abfallströme besser kontrolliert werden, nannte er beispielsweise als Anforderungen an Industrie und Wissenschaft. Eine Verbesserung der Klärtechnik für Straßenbeläge, ein Verbot von Müllexporten, die Erhöhung der Recyclingquoten und die Schaffung von Anreizen für den Einsatz von Recyclingrohstoffen nannte er exemplarisch für Maßnahmen und Initiativen der Politik.

Ein Infoblatt der FH W-S mit einer Auswahl an Handlungsmaßnahmen ist auf der Homepage der NSG Taubergrund (www.naturschutz-taubergrund.de) zu finden. Dort gibt es zudem unter der gleichnamigen Rubrik eine Broschüre „Stoppt die Plastikflut“.