Vortrag - Innenminister Thomas Strobl sprach zum Thema „Migration und Integration – Chancen und Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg“ „Parallelgesellschaften vermeiden“

Von 
Klaus T. Mende
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„Nahezu kein Landkreis ist in Baden-Württemberg ohne Weltmarktführer. Bei der Innovationskraft sind wir die Besten in Europa“, betonte Thomas Strobl in Assamstadt. Um diese Stellung auszubauen, müssten die Potenziale jener 63 000 anerkannten Flüchtlinge verstärkt genutzt werden. Dies sei umso wichtiger, da sich der „Fachkräftemangel als Wachstumsbremse“ entpuppe. © Klaus T. Mende

„Der Fachkräftemangel ist eine Wachstumsbremse“, so Innenminister Thomas Strobl bei einem Besuch in Assamstadt. Daher müssten die Potenziale der anerkannten Flüchtlinge stärker genutzt werden.

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Assamstadt. Der stellvertretende Ministerpräsident von Baden-Württemberg war extra angereist, um auf Initiative des Wirtschaftsrats der CDU bei der Firma Magna Spiegelsysteme zum Thema „Migration und Integration: Chancen und Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg“ zu sprechen. Dies tat der Politiker, in dessen Ministerium auch die Bereiche Migration und Digitalisierung angesiedelt sind, zunächst mit einem Blick auf die wirtschaftliche Situation im Südweststaat.

Sorgenkind Automobilbranche

Insgesamt „geht es uns gut“, so Thomas Strobl – vor allem, was die Felder Handwerk, Anlagen- und Maschinenbau angehe. Die Auftragsbücher seien voll, zumindest für das laufende Jahr müsse man sich, so seine feste Überzeugung, keine Sorgen machen – bis auf die Automobilbranche.

Hier kämen „gigantische Herausforderungen auf uns zu“, die der Heilbronner so untergliederte: Digitalisierung („das Auto wird derzeit neu erfunden, wir bekommen ein ,Auto-Automobil’“), Antrieb und Kaufverhalten der heutigen Generationen („das Auto ist für viele kein Statussymbol mehr, Car-Sharing ist zudem billiger“).

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Zudem dürften die von US-Präsident Donald Trump angedrohten Strafzölle auf Autos nicht unterschätzt werden. „Er sucht ein neues Feindbild. Diese ,Kriegserklärung’ sollten wir dann annehmen, denn Trump versteht nur eine harte Sprache. Dann gibt es eben einen Handelskrieg“, fand Thomas Strobl klare Worte.

Was die Innovationskraft angehe, „sind wir die Besten in Europa“, ließ der 58-Jährige, der frei sprach und zwischendurch auch mal emotional wurde, seine Zuhörer wissen. Daran gelte, es weiterzuwirken – und zwar indem auch künftig viel Geld in Forschung und Entwicklung, landesweit seien es derzeit 4,8 Prozent der Wirtschaftsleistung, fließe. Es gebe im Land nahezu keinen Kreis ohne Weltmarktführer. Vor allem denen müsse die Politik noch mehr unter die Arme greifen und die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen – etwa durch „eine stärkere steuerliche Privilegierung“.

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Weil es dem Südwesten wirtschaftlich trotz gewaltiger Umbrüche gut gehe, kämen immer mehr Menschen aus anderen Bundesländern nach Baden-Württemberg. „Diese Binnenwanderung ist für uns gleichermaßen Segen wie Fluch“, meinte Thomas Strobl, denn dadurch gebe es gerade in den Ballungsräumen große Wohnraumprobleme.

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Eine starke Wanderwelle habe es in den letzen drei Jahren auch aus dem Ausland gegeben; etwa vier Millionen Menschen, die gut fünf Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachten, seien hierhergekommen. Für jene mehr als zwei Millionen aus anderen europäischen Staaten, die wegen Arbeit in Deutschland angeheuert hätten, gebe es keinerlei Probleme, „denn aufgrund der Freizügigkeit finden sie ohne bürokratischen Aufwand einen Job – das funktioniert gut“.

„Das ist Herrendenken“

Die Zuwanderung von Ländern außerhalb des Kontinents biete hingegen viel Potenzial, ohne dabei freilich die Gefahren außer acht zu lassen. „Zu glauben, wir holen die Leute wie die Gastarbeiter in den 50er- und 60er Jahren nur zum Schaffen, damit sie danach wieder in ihre Heimat gehen – das ist Herrendenken“, so der Innenminister. Dieses Modell würde nie funktionieren. „Was würden wir in so einem Fall machen?“, fragte er provokativ. Gelinge es, die Familie zeitnah nachzuholen, trage dies einerseits zur Integration bei und sei förderlich, die Potenziale zu nutzen. Wie etwa bei jenen derzeit 63 000 anerkannten Flüchtlingen im Land, „die morgen anfangen könnten zu arbeiten“.

Es gelte, sich ihrer verstärkt anzunehmen, unter anderem sollten die Sprachkurse ausgeweitet würden, was die Integration der Flüchtlinge voranbringe. „Der Fachkräftemangel ist eine Wachstumsbremse“, so Strobl. Und diesem Trend könne begegnet werden, „indem wir Parallelgesellschaften vermeiden“. Die Blicke müssten nach vorn gerichtet werden, dann können „wir uns diesen Herausforderungen erfolgreich stellen“. Denn er sei der festen Überzeugung, dass „wir diese Probleme lösen können“. Und dann böten sich dem Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg neue Chancen.

Eine gelungene Migration und Integration würden die Wirtschaft stärken – unter anderem auf dem Gebiet der an Geschwindigkeit zunehmenden Digitalisierung. Die „Kraft aus Baden-Württemberg“ würde dazu die EU in Position bringen hinsichtlich des Wettbewerbs mit den Giganten China und USA. Strobl bezeichnete die Europawahl als Richtungsentscheidung. Wenn es schief gehe, „haben wir viel zu verlieren“, denn der Kontinent sei derzeit in einer „fragilen Verfassung“, wie der mögliche Brexit zeige. Auch um die politische Situation in Italien müsse man sich global Sorgen machen. Letztlich müsse man sich vor Augen führen, dass „viele Arbeitsplätze hierzulande etwas mit Europa zu tun haben“, schloss der Minister.

Klare Aussagen

Petra Jouaux, Sprecherin der Sektion Badisch-Franken des CDU-Wirtschaftsrats, würdigte Thomas Strobl für dessen klare Aussagen. Verbunden mit dem Wunsch, dass er bald wieder willkommen sei, verabschiedete sie den Gast im Beisein von Bürgermeister Joachim Döffinger und Roland Rieger, Geschäftsführer von Magna Spiegelsystemen.

Redaktion Mitglied der Main-Tauber-Kreis-Redaktion mit Schwerpunkt Igersheim und Assamstadt