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Erinnerungsstätte - Richard Czasch hält Erinnerung an Unglück wach / Sein Bruder Stefan und dessen Freund Helmut Wagner starben kurz nach dem Zweiten Weltkrieg

Stein und Kreuz sind Mahnung zum Frieden

Von 
Elisabeth Englert
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Einen Gedenkstein mit Kreuz und Schrifttafel hat Richard Czasch in Schillingstadt an der Stelle errichtet, an der sein Bruder Stefan und dessen Freund Helmut Wagner durch ein tragisches Unglück tödlich verletzt wurden. © BarbarA Englert

Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ereignete sich in Schillingstadt ein schlimmes Unglück, bei dem zwei kleine Buben ihr Leben verloren. Um die Erinnerung daran wach zu halten, errichtete Richard Czasch einen Gedenkstein.

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Schillingstadt. „So etwas darf nie wieder passieren“, mahnt Richard Czasch eindringlich und meint damit die schreckliche Tragödie, bei der sein älterer Bruder Stefan sowie dessen Freund ums Leben kamen. Noch gut erinnert sich der 79-Jährige an jenen Tag im Oktober. Das Wetter war gut, er spielte in einem Sandhaufen vor der ehemaligen Gaststätte, in der seine Mutter und ihre drei Söhne als Heimatvertriebene aus dem Raum Nikolsburg im heutigen Tschechien eine erste Bleibe gefunden hatten. Der Vater der jungen Familie befand sich noch in russischer Gefangenschaft und kam erst Anfang der fünfziger Jahre zurück. „Bleibt der jetzt immer da?“, erinnert sich Czasch an eine Frage, die er in dieser Zeit gestellt hatte.

Doch zurück zu besagtem Oktobertag. Plötzlich habe er einen lauten Knall gehört, „das weiß ich noch“, so Czasch. Irgendjemand kam angerannt und habe seine Mutter alarmiert, die ihn daraufhin an der Hand genommen habe und mit ihm die Straße hoch in Richtung Kirche gelaufen sei. Dort lag bereits sein bewusstloser Bruder, der von einem jungen Mann betreut wurde, der – ebenfalls, durch das Explosionsgeräusch alarmiert – dorthin gelaufen sei. „Er war von Splittern durchsiebt“, beschreibt der Schillingstädter Bäcker emotional und mit Tränen in den Augen das sich ihnen dargebotene Bild seines Bruders.

Was war geschehen? Wenige Meter hinter der Ortsbebauung, in Richtung Angeltürn, standen Apfelbäume. Stefan und sein Freund Helmut Wagner wollten ein paar von den reifen Früchten naschen. Während des Krieges lagerten ganz in der Nähe amerikanische Soldaten, die –so die Vermutung – beim Abzug nach Kriegsende eine Kiste mit Handgranaten dort in einer Hecke vergessen hatten. Die beiden Achtjährigen fanden diese. In Unkenntnis ihres gefährlichen Inhalts wollten sie ganz sorg- und arglos mit diesen „schönen, griffigen Teilen“ ein paar Äpfel von den Zweigen abwerfen. Eine, so weiß Czasch aus späteren Berichten, sei genau auf einen Grenzstein gefallen und explodiert.

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Während der Freund seinen Verletzungen erlag, sei sein Bruder, wohl aufgrund des Schocks, noch ins Ort zurück bis zur Kirche gelaufen, wo er zusammenbrach. Ein paar Spaziergängerinnen, junge Mädchen, seien noch in etlichen Metern Entfernung von Splittern an den Beinen getroffen worden.

Gut eine Woche nach dem Unglück starb der verletzte Junge im Krankenhaus in Boxberg. „Vielleicht hätte er heute mit den fortgeschrittenen medizinischen Möglichkeiten gerettet werden können“, mutmaßt der rührige Senior im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten. Vor Augen habe er noch das Bild seines Bruders im Krankenbett. Damals sei er zusammen mit der älteren Wirtstochter auf dem Fahrrad nach Boxberg gefahren und habe ihn besucht. Zum genauen Unfallhergang habe Stefan nichts mehr erzählen können, zu groß seien der Schock und zu schwer die Verletzungen gewesen. Doch die unaufhörlichen Mama-Rufe habe er noch immer in den Ohren, sagt Czasch.

So hat sich das damalige Geschehen für die Bevölkerung dann mehr aus den vorliegenden Umständen und Indizien, als aus Augenzeugenberichten ergeben. Tatsache ist jedoch, dass die beiden Kinder in Friedenszeiten starben, ihre Familien unsäglichen Schmerz erleiden mussten und eine zutiefst betroffene Dorfgemeinschaft zurückließen.

Noch heute sei dieses tragische Geschehen präsent, berichtet Pfarrer Philipp Tecklenburg. Immer wieder begegnet dem im Ort lebenden evangelischen Geistlichen in Gesprächen mit älteren Mitbürgern diese Katastrophe. Wie Richard Czasch sei auch er davon ausgegangen, dass sich diese heuer im Oktober zum 75. Male jähre. Groß sei daher die Überraschung gewesen, als im Bestattungsbuch seiner Kirchengemeinde beim Eintrag über Helmut Wagner das Jahr 1947 stand.

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Auch im Archiv der Erzdiözese Freiburg findet sich im Kirchenbuch Schillingstadt, als Filiale zur Pfarrei Berolzheim gehörend, ein Eintrag über Stefan Czasch, gestorben am 20. Oktober 1947. „Im kollektiven Gedächtnis des Dorfes fand diese Tragödie 1946 statt“, wundert sich Tecklenburg. Es sei „kurz nach dem Krieg“ gewesen, sei allenthalben zu hören. Dies spräche natürlich für das Jahr 1946, doch rückblickend könne auch das Jahr danach durchaus als „kurz nach dem Krieg“ bezeichnet werden.

Zum vermeintlichen 75-jährigen Gedenken gestaltete Czasch für die beiden Verstorbenen am Ort des Geschehens eine Erinnerungsstätte. Ein Stein mit Kreuz und Schrifttafel mahnt Spaziergänger und Autofahrer auf der nahen vorbeiführenden Straße zum Frieden. Immer wieder ziehe es ihn hierher auf die Ruhebank, zum Innehalten, beschreibt Czasch seine Motivation. Er habe diesen Gedanken, einen Stein als Mahnmal zu schaffen, immer mit sich herumgetragen. Während der Berufsjahre sei er nicht dazugekommen. Erst im Alter sei es ihm immer stärker zum Bedürfnis geworden. „Das mache ich noch“, stand für ihn fest. Nun, kurz vor seinem 80. Geburtstag, habe er sein Vorhaben umgesetzt und auch schon genau im Kopf, dass nächstes Jahr Tulpen und Osterglocken dort blühen sollen.

Mit den Einträgen in den Kirchenbüchern konfrontiert, gibt er sich pragmatisch: „Egal, ob 1946 oder 1947, es war fürchterlich. Und daran ändert ein Jahr hin oder her nichts.“ Niemand wird ihm da wohl widersprechen.

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