Eindrücke nach der US-Wahl - Die Eubigheimerin Uschi Scherer lebt seit über 30 Jahren in den Staaten / Trumps Amtszeit ein „Wahnsinn“ / 61-Jährige träumt von hiesigen Zwetschgenknödeln „Nationales Aufatmen“ nach Joe Bidens Wahl

Mit der Wahl von Joe Biden zum neuen Präsidenten hat in den USA eine neue Zeitrechnung begonnen. Uschi Scherer lebt seit mehr als 30 Jahren „überm großen Teich“.

Von 
Elisabeth Englert.
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Die Eubigheimerin und Wahl-Amerikanerin Uschi Scherer bei einem ihrer geliebten Spaziergänge in den bewaldeten Apalachen. © Bild: Repro Elisabeth Englert:

Eubgiheim/Clarksville. Die Black-Lives-Matter-Bewegung, die Massengräber während der Hochphase der Coronapandemie in New York, der populistische Wahlkampf – es waren und sind aufwühlende und mitunter verstörende Bilder, die aus den Vereinigten Staaten von Amerika über deutsche Mattscheiben flimmern. Besonders der nicht für möglich gehaltene Sturm eines entfesselten Mobs auf das Kapitol sowie die damit verbundene Anspannung vor dem Inauguration Day erschütterten und entfremdeten nicht nur westliche Demokratien und hielten die Welt in Atem.

Vielen fremd geworden

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Das Land der unbegrenzten Möglichkeiten mit seinem Traum von Freiheit und Demokratie ist vielen Deutschen fremd geworden. Doch wie erleben und empfinden es die Landsleute, die dort leben, dort ihre zweite Heimat gefunden haben? Die seit über 30 Jahren in den Staaten lebende Eubigheimerin Uschi Scherer berichtete im Gespräch mit den Fränkischen Nachrichten von ihrem Leben und der aktuellen Lage.

Gleich vornweg – sie freue sich, dass Donald Trump nicht mehr gewählt wurde. Sie fand es ohnehin „Wahnsinn“, dass er vor vier Jahren Präsident geworden sei. Haben sie und ihr Mann Scott, die auf dem Lande in den Appalachen nördlich von Atlanta leben, sich bei Trumps erstem Wahlkampf noch mit ihren Nachbarn über politische Themen ausgetauscht, so seien diese im jüngsten Wahlkampf gänzlich umschifft worden. Zugunsten einer unbelasteten Nachbarschaft wurde dies ausgeklammert.

Überhaupt empfand sie es in Georgia, der zum Swing State wurde, überraschenderweise verhältnismäßig ruhig. Nur zu gut erinnere sie sich an persönliche Anfeindungen bei Barack Obamas Wahlkampf. Damals noch in Birmingham, Alabama, lebend, hatte sie einen Obama- Aufkleber auf ihrem Auto.

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Mehrmals wurde sie aufgrund dessen im Straßenverkehr von anderen Verkehrsteilnehmern genötigt. Es wurde absichtlich dicht aufgefahren, bis sich die Wagen fast touchierten und ihr der ausgestreckte Finger gezeigt. „Es war nicht ungefährlich.“ Insofern könne sie sehr gut nachvollziehen, dass ihr Sohn, der mit seiner Familie in einem Außenbezirk Atlantas lebe, diesbezüglich zurückhaltend sei. Jener müsse sehr aufpassen, was er sage, denn wenn man auf der Arbeit sechs bis acht Leute gegen sich habe, „gerät das in der aktuell aufgeheizten Stimmung schnell außer Rand und Band.“

Die Mutter zweier erwachsener Kinder gibt auch den US-Medien eine Mitschuld an diesen Verhältnissen. Fortwährend wurde berichtet, was Trump von sich gegeben habe, auch wenn es unsinnig, beleidigend, rassistisch oder schlichtweg gelogen gewesen sei. So habe sich dies schleichend normalisiert, die Gesellschaft habe sich daran gewöhnt und sei abgestumpft.

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Nun hoffe sie auf einen neuen anständigen Umgangston in der politischen Auseinandersetzung, einen respektvollen Umgang mit Minderheiten, einen offenen Diskurs ohne Fake-News sowie Gewaltfreiheit.

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Gerade bei Letzterer habe sie beobachten können, dass Polizeikräfte bei Kundgebungen der Black-Lives Matter-Bewegung weitaus gewaltbereiter aufgetreten seien als bei jenen der „Trump-Supporter“. Krönenden und traurigen Abschluss bilde hier der Sturm auf das als „Herz der Demokratie“ geltende Capitol-Building.

Während hierbei gewaltbereite Populisten unverhohlen ihre mitgeführten Waffen und Stöcke zur Schau stellten, durften die Teilnehmerinnen der Frauenmärsche gegen Trump nur durchsichtige Taschen und Rucksäcke sowie Transparente ohne Stäbe zum Hochhalten mit sich führen.

Bewusst ins Wahllokal gegangen

Für die 61-Jährige haben sich diese jüngsten, heftigen Konfrontationen sichtlich angebahnt, „da die Gewaltbereiten nicht zur Verantwortung gezogen wurden“. Nun wünsche sie sich inständig, dass sowohl diesen Verfehlungen, als auch den radikalen Tendenzen im Polizeiapparat nachgegangen werde. Wie wenig Vertrauen in diese einstige „Leuchtturm-Demokratie“ bestehe, spiegle sich auch im Wahlverhalten von Scherers Familie wider. Alle, ihr Mann, ihre Kinder und Schwiegerkinder gingen trotz angespannter Lage und Pandemie bewusst ins Wahllokal zur Stimmabgabe, denn „sie wollten sicher gehen, dass ihre Stimmen zählen“.

Auch die vielzitierte „gespaltene Nation“ sei spürbar. Eine ihrer Freundinnen habe inzwischen Angst vor ihrem Nachbarn, der – durch das Trump-Regime ermutigt – sich nun offen zu seiner rechtsradikalen Gesinnung bekenne.

Froh sei sie indessen, dass in ihrem Wohnumfeld hauptsächlich Sympathiekundgebungen der weißen Mitbürger für die „People of Color“ stattfanden. Darin zeige sich, dass diese Anliegen sowie die damit verbundene Polizeigewalt den „Leuten sehr zu Herzen gehe. Grundsätzlich sei Atlanta eine liberale und progressive Stadt. In den entfernteren Winkeln, wo sie lebe, sei die Gesellschaft weitaus konservativer, doch wachse auch hier eine liberalere, junge Generation nach.

Rot oder blau?

Bezeichnend sei, dass die politische Kultur nur „demokratisch oder republikanisch“ kenne, dass man „entweder blau oder rot ist“. Selbst wenn man sich nicht mit einer parteipolitischen Grundsatzfrage identifiziere, sehe man darüber hinweg. „Es wäre für dieses Land besser, wenn die Parteienlandschaft breiter wäre“, ist die Wahl-Amerikanerin überzeugt. Früher ginge dies noch, als die Gesellschaft nicht so vielfältig gewesen sei, doch nun funktioniere das nicht mehr, „die Parteien decken die Bevölkerung nicht mehr ab“.

Anspannung groß

Die Anspannung vor Joe Bidens Amtseinführung sei sehr groß gewesen, jeden Morgen habe sie zuerst in den sozialen Netzwerken geschaut, „ob was passiert ist“. Die Umstände seien sehr „beunruhigend gewesen und fühlten sich an wie auf einem Pulverfass“.

Dennoch hoffte sie, dass alles ruhig bleiben werde und empfand die Amtseinführung als „nationales Aufatmen“.

Entsetzlich empfand sie auch den Umgang der alten Regierung mit der Pandemie. Es wurde Impfstoff versprochen, aber alles sei so unorganisiert verlaufen, die Zuständigkeiten nicht geregelt gewesen, eine klare Impfstrategie sei mithin nicht klar zu erkennen gewesen. Viele seien nun erfreut, „dass jemand Fähiges kommt und richtig zupackt“. Bereits als designierter Präsident habe Biden Pläne gemacht, als auch ein Kompetenzteam zusammengestellt, das unverzüglich die Arbeit aufgenommen habe – bei rund 400 000 Toten überfällig.

Die Hundeliebhaberin und ihr Mann seien froh, so abgeschieden inmitten der bewaldeten Berge zu wohnen. Nur einmal im Monat fahre sie in einen eine Stunde entfernten großen Einkaufsmarkt, „dann wird aber aufgeladen“, lacht sie. Überhaupt vermisse sie nichts. Sie liebe die Natur rund um ihr Haus, die Waldspaziergänge mit Schäferhund „Karl“, der das Grundstück sauber halte. Gemeint ist damit weiniger Karls Stubenreinheit, vielmehr halte der wachsame Vierbeiner die Bären auf Abstand.

Für viele nicht zu leisten

Froh sei sie außerdem über die guten Krankenversicherungen von ihren Familien. Viele könnten sie sich schlichtweg nicht leisten. Die monatlichen Beiträge seien „irrsinnig teuer“, ungeachtet der Zuzahlungen und Eigenanteile. „Ein Sicherheitsnetz wie in Deutschland fehlt“, Existenzangst im Krankheitsfalle sei für viele US-Bürger sehr real.

Kämen die Absolventen vom College, hätten sie, je nach Studiengang 80 000 bis 300 000 Dollar Schulden, da stehe die Krankenversicherung nicht im Vordergrund. Zu Scherers Anfängen hätten die Collegeabgänger einen guten Job bekommen, sich ein Haus leisten können. „Das ist jetzt nimmer so.“

Zurück in die alte Heimat

Im Herbst soll die etwa 7500 Kilometer große Distanz überwunden und die alte Heimat besucht werden. Neben Familie, Freunden und Spaziergängen durch die Ortschaft freue sie sich schon „wahnsinnig auf Zwetschgenknödel und überhaupt auf alles mit Zwetschgen“. Denn hier gebe es lediglich trockene, zum Dörren geeignete Früchte, „keine saftigen.“

So findet in diesen, für uns gewöhnlichen blauschwarzen, eiförmigen Früchten auch das Land der unbegrenzten Möglichkeiten seine Grenze.