Frankenbahn - Der Rosenberger Karlheinz Baar schwört nicht erst seit einem Selbsttest auf das Angebot / Resonanz in Pandemiezeiten „nicht repräsentativ“ Im ländlichen Raum „Auge zudrücken“

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Elisabeth Englert
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Die Regionalbahn, von Osterburken kommend Richtung Würzburg, befördert im Normalfall viele Schüler. © Elisabeth Englert

„Nutze deine Frankenbahn“ – großflächige Banner werben für diese umfangreiche Mobilität in den Landkreisen Neckar-Odenwald und Main-Tauber.

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Odenwald-Tauber. Die Frankenbahn Stuttgart-Heilbronn-Würzburg, deren Angebot seit Dezember 2019 auf die Bahnhöfe Rosenberg, Eubigheim, Wölchingen und Königshofen ausgedehnt wurde und die Lücke zwischen Osterburken und Lauda schloss, kann durch die Pandemie nicht so stark wie ursprünglich angedacht genutzt werden. Homeschooling, Homeoffice, geschlossene Geschäfte, Restaurants, Museen und natürlich die Regelungen zur Kontaktbeschränkung reduzieren die Fahrgastzahlen.

Nicht repräsentativ

Das Land Baden-Württemberg fordert in der dreijährigen Testphase bis 2022 eine tägliche Auslastung von 500 Personenkilometern pro Kilometer Strecke. Es erschließt sich von selbst, dass die aktuelle Lage nicht repräsentativ für die Frequentierung dieses Schienenangebots sein kann, doch ist diesbezüglich noch alles offen. Umso wichtiger ist es, nach Ende der Kontaktbeschränkungen verstärkt die attraktiven Angebote des Regionaltakts zu nutzen.

Karlheinz Baar aus dem Rosenberger Ortsteil Bronnacker hat sich vor dem aktuellen Lockdown entschieden, diesen neuen öffentlichen Nahverkehr einem privaten Test zu unterziehen. Ganz nach dem Motto „Warum denn in die Ferne schweifen…“, entschied er sich für eine Fahrt mit Bus und Bahn über Landkreisgrenzen hinweg durch „Badisch Sibirien“ und verband seine Testfahrt mit einem Abstecher nach Eubigheim.

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„Ich wollte wissen, wie praktikabel dieses Angebot ist“, begründet der 52-Jährige seine Motivation. Grundsätzlich empfinde er den Stundentakt werktags von 6 bis 22 Uhr als „deutliche Aufwertung des ländlichen Raums.“ Sei seine Heimatgemeinde zuvor mit langen Wartezeiten ganz schlecht ans öffentliche Schienennetz angebunden gewesen, werde sie nun mehrfach mit dem Bus angefahren. Dieser angepasste Linienverkehr gewährleiste sowohl die Anbindung zum Bahnhof und mithin zur Schiene, als auch die Fahrt nach Rosenberg zum Einkaufen und dergleichen.

Völlig problemlos

Ganz problemlos, fast wie bei der altbekannten „schwäb’schen Eisenbahne“ zwar nicht am Schalter, sondern beim Busfahrer gestaltete sich der Ticketkauf. Dies sei ihm ganz wichtig, betonte der vielseitig interessierte Landwirt. „Einsteigen, Zielbahnhof nennen, mit Bargeld bezahlen, alles vertraut und althergebracht“, niemand müsse Scheu vor dieser vermeintlich ersten Hürde haben und sich vor seinem geistigen Auge ratlos vor einem Fahrkartenautomaten stehen sehen. Darüber hinaus sei das Bahnpersonal überaus freundlich, so dass es sicherlich beratend zur Seite gestanden hätte.

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Pünktlich in Rosenbergs Ortsmitte angekommen, habe der „Ausflügler“ seine Reise mit der ebenfalls pünktlichen Regionalbahn fortgesetzt, die Kreisgrenze passiert und zur ausgewiesenen Ankunftszeit den Zielbahnhof erreicht. Durch die stündliche Taktung habe er seinen Besuch gemütlich gestalten können, sei quasi nicht in einem zeitlichen Korsett gefangen gewesen.

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Die Rückfahrkarte löste er am rund um die Uhr besetzten Bahnhof reibungslos und einfach am Automaten. Trotz leichter Verspätung erreichte er, dank des Zeitpuffers, seinen Bustransfer zum Wohnort planmäßig.

Die 21 Cent pro Kilometer finde er relativ günstig. Klar sei für den externen Dozenten an der DHBW Mosbach, dass „das Angebot bleiben muss, damit sich in den Köpfen was verändert.“ Nur dann stelle es einen Anreiz dar, ein Auto einzusparen.

Abschließend mache dieser problemlose Test Lust auf mehr. So sei gut vorstellbar, als Radtourist ab Bahnhof Rosenberg oder mit Rucksack und Wanderstöcken ausgerüstet bereits ab Bronnacker mit dem Bus die Schätze der Umgebung zu erkunden, ohne Reue, seinen Durst zu stillen und sich über die Heimfahrt Gedanken machen zu müssen. Baars Freude über die Aufwertung seiner Region ist deutlich spürbar und so sprudeln weitere Ideen nur so heraus – wenn einer eine Reise tut . . . Er hoffe, dass, im wahrsten Sinne des Wortes, „die Bevölkerung eingefahrene Spuren verlässt“ und sich dieser Alternative öffnet.

Mangels Führerschein oder eigenem Wagen falle dies der jungen Generation leichter. So fahre seine Tochter mit dem ÖPNV ihre Freundinnen besuchen oder habe mittels Bahn und Bus im Familienbad Ahorn im Ortsteil Buch den Sommer genießen können.

Die Autofahrten zweimal hin und zurück wurden hinfällig, diese eingefahrenen Spuren bereits verlassen.

Offen gegenüber gestanden

Reinhold Dötter aus Eubigheim stand dem Ein-Stunden-Takt von Beginn an offen gegenüber, kaufte er sich kurz nach dessen Start bereits im Januar 2020 eine Monatskarte und pendelte fortan vom Wohn- zum Arbeitsort nach Osterburken. „Wir haben dafür demonstriert, drum will ich den Nahverkehr unterstützen“, betont er. Sehr zupass komme ihm das flexible Ticketangebot.

Zurzeit öfters im Homeoffice, sei eine Monatskarte unnötig, ein Fünferticket indessen eine „Superlösung.“ Morgens stets zur gleichen Zeit abfahrend, variiere hingegen sein Arbeitsende. Das sei kein Problem, denn „ich weiß, dass stündlich einer fährt, da muss ich nimmer gucken“, lobt der 59-Jährige das Fahrplankonzept.

Zwar mit dem Zug in der Hälfte der Zeit am Zielort, seien mit den Fußwegen die Zeiten vergleichbar. Darüber hinaus bewege er sich an der frischen Luft und komme wacher ins Geschäft. Auch er finde das Ticket lösen einfach und bedaure, dass bislang nicht mehr auf die Schiene umgestiegen seien, zumal die Züge „sehr pünktlich und zuverlässig“ führen.

Optimistischer Bürgermeister

Wenn Menschen 30 Jahre entwöhnt werden, könne man nicht davon ausgehen, dass in drei Jahren alles bestens laufe, meint Ahorns Bürgermeister Elmar Haas, der die Zuverlässigkeit des Bahnbetriebs hervorhebt. Klar sei für ihn, dass „die Zeiten der Pandemie nicht repräsentativ für die Nutzung sind“. Aufgrund der ÖPNV- Offensive des Landes sei er optimistisch, dass man „im ländlichen Raum ein Auge zudrückt“, ansonsten wäre das kontraproduktiv. Als Vater von regelmäßig pendelnden Studierenden sei es „unheimlich toll“, wenn seine Kinder im Heimatort mit dem Zug ankämen.

Auch Rosenbergs Rathauschef Ralph Matousek ist, wie sein Vorgänger, ein starker Verfechter des Regionalbahntakts. Es könne nicht angehen, stillgelegte Strecken in Betrieb zu nehmen und „hier so hohe Hürden zu stellen.“ Begeistert erinnert er sich an den Kommentar eines Bürgers zur Reaktivierung: „Rosenberg - Wien, einmal umsteigen.“ Vielen Menschen sei noch nicht bewusst, dass sie an die Intercity-Knotenpunkte und somit ans große Schienennetz mit seinen Metropolen angebunden seien. Mit „das brauche Zeit“ befindet er sich mit seinem Ahorner Kollegen auf einer Linie.

Zuverlässiger Transfer

Weniger an den großen Metropolen, vielmehr am zuverlässigen Transfer zum Schulort ist Oberstufenschüler Matteo Simonides aus Eubigheim gelegen. Müsse er durch das Kurssystem nicht immer zum klassischen Unterrichtsbeginn oder -ende am Ganztagesgymnasium Osterburken sein, so könne er nun daran angepasst die Bahn nutzen. „Das ist schon praktisch“, freut sich der Jugendliche. Zusätzlich biete das MAXX-Ticket auch außerhalb des Schulwegs vielfältige Nutzungsmöglichkeiten, sei es beim privaten Ausflug, der schulischen Exkursion, beim Friseurbesuch oder Fahrschulunterricht.

Dieses Selbstverständnis, die Bahn zu nutzen, erfreut Manfred Silberzahn aus Boxberg, einer der Mitstreiter der Bürgerinitiative „Frankenbahn-für-alle“, doch sei der Bewusstseinswandel noch nicht vollzogen. Förderlich sei hierfür ein dauerhaftes unbefristetes Angebot, denn die Unsicherheit schrecke potenzielle Pendler ab. Zurzeit solle man ohnehin möglichst wenig den Nahverkehr nutzen. Warum also wegen der verbleibenden Restzeit ein Angebot wahrnehmen, das vielleicht wieder eingestellt werde? Er sei überzeugt, dass man mit gutem Willen von beiden Seiten den Wandel schaffe und die Errungenschaft von Land, Kreisen, Kommunen und Bürgerinitiative der Region erhalten bleibe. Man predige uns weniger Auto zu fahren, dann müsse man der Bevölkerung, „die liefern muss“, die Zeit zur Umstellung gewähren.

Bleibt zu hoffen, dass diese sich dann auf den Weg macht, es ist allerhöchste Eisenbahn.