Vor ungewissen Zeiten - Die Corona-Pandemie wirft die Planungen von Städte- und Gemeindepartnerschaften vielfach über den Haufen Freundschaften werden nicht beeinträchtigt

Von 
Elisabeth Englert
Lesedauer: 

Bis am „Platz der Freundschaft“ wieder Küsschen rechts und links der Wangen in die Luft gehaucht werden, wird es wohl noch etwas dauern.

Die Vorsitzende des Freundeskreises, Christa Lutz, am „Platz der Freundschaft“. © Elisabeth Englert
AdUnit urban-intext1

Ahorn/Osterburken. Die allgegenwärtige Pandemie wirft die Pläne der Städte- und Gemeindepartnerschaften ganz über den Haufen – und macht verbindliche Planungen unmöglich. Auch die Partnerschaftsvereine in der Region sehen ungewissen Zeiten entgegen, litten und leiden unter geschlossenen Grenzen, Abstand- und Quarantäneregeln oder Kontaktbeschränkungen.

Keine Beeinträchtigung

Dennoch: „Corona beeinträchtigt die Freundschaft nicht“, stellt Christa Lutz, Vorsitzende des „Freundeskreises Ahorn-Plesder“. unmissverständlich klar. Denn die im Laufe der vergangenen fünf Jahrzehnten gewachsenen Beziehungen zwischen Ahorn und der rund 700 Einwohner zählenden Ortschaft in der nordöstlichen Bretagne nahe der Atlantikküste haben viele private Freundschaften hervorgebracht, die auch ohne offizielle Impulse von Gemeindeseite gepflegt werden.

Begonnen habe die Gemeindepartnerschaft bereits 1974. Ein Berolzheimer, der zur Montage im Westen Frankreichs weilte, verlor sein Herz an eine Bretonin aus Plesder – und selbstverständlich reisten Familie und Freunde aus der Heimat dorthin, um seine Familie und seinen neuen Lebensmittelpunkt kennenzulernen. Und weil’s gar so schön war, kamen daraufhin die Einwohner Plesders nach Berolzheim. Fortan nahm man die rund 1200 Kilometer lange Strecke gerne auf sich, um an die zarten Bande anzuknüpfen.

AdUnit urban-intext2

Knapp 25 Jahre später, 1998, wurde der Freundeskreis, dem Christa Lutz seit Beginn vorsteht, aus der Taufe gehoben. Kurz darauf, 1999, folgte die offizielle Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde, mithin war die Gemeindepartnerschaft offiziell besiegelt.

„Wir sind kein Verein“, betont die rührige Rentnerin, die übrigens, es könnte nicht passender sein, am „Platz der Freundschaft“ wohnt. „Wir unterstützen die Gemeinde in ihrem Bemühen, die Besuche zu organisieren.“

AdUnit urban-intext3

Obgleich Letztere schon viele Male geplant wurden, seien die Vorbereitungen kein Selbstläufer. Ein attraktives, aufgrund der langen Fahrt nicht zu anstrengendes Programm, passgenau in ein zeitlich festes Korsett erfordere intensive Überlegungen mit viel Leidenschaft. Und hier bremse momentan das Virus die Vorbereitungen des Komitees aus. Denn was wäre ein Jubiläumsbesuch anlässlich 20 Jahre Unterzeichnung dieser deutsch-französischen Freundschaft ohne Hauptakteure, ohne die vielen Menschen, die diese mit Leben füllen?

AdUnit urban-intext4

Den traditionellen Besuchstermin über ein langes Wochenende im Mai sieht die 67-jährige Trägerin der Landesehrennadel sehr skeptisch. Aktuell können sich nicht einmal die Komiteemitglieder treffen. Eine lange Busreise, private Unterkünfte in Gastfamilien, gemeinsame Unternehmungen, essen, trinken, feiern – das scheint geradezu utopisch.

Glücklicherweise könnten sie alle vom Besuch 2019 in Plesder zehren, als die Jubiläumsfeierlichkeiten bereits dort gebührend begangen wurden.

In Erinnerung daran geraten Doris und Karlheinz Panzer sofort ins Schwärmen und berichten mit leuchtenden Augen von Dinard, dem Saint-Tropez des Nordens, von Saint-Malo, von Austern, Meeresfrüchten, der faszinierenden Landschaft und Kultur sowie natürlich der Gastfreundschaft der heimatverbundenen Bretonen.

Das Schöne an einer Gemeindepartnerschaft sei auch, dass man immer zweimal feiere, sowohl hier, als auch dort, schmunzelt Lutz, deren Urlaub mit ihren bretonischen Freunden am Bodensee ebenfalls dem Coronavirus zum Opfer gefallen sei. Doch mit Mailen, Whatsappen, Telefonieren oder dem guten alten Briefe schreiben ließe sich stetig Kontakt halten. So sei sie unter anderem bestens über die Pandemielage dort informiert und was es sonst so Neues gebe, denn „wir kennen uns ja schon einige Jahre.“

Einige Jahre, nämlich seit 1979, pflegen auch die Mitglieder des „Vereins der Freunde der Städtepartnerschaft Hondschoote-Osterburken“ Beziehungen nach Frankreich. Die etwa 4000 Einwohner zählende Stadt nahe Dünkirchen liegt direkt an der Grenze zu Belgien und ist – für die Kenner der Filmszene – die Nachbargemeinde eines der Drehorte der erfolgreichen Filmkomödie „Willkommen bei den Scht’tis“.

Elke Ander, Schriftführerin und ebenfalls Frau der ersten Stunde, bedauert, dass die Jubiläumsfeierlichkeiten zum 40-jährigen Bestehen der Städtepartnerschaft im Oktober 2020 in Osterburken „schweren Herzens“ nicht stattfanden.

„Die 700 Kilometer lange Busfahrt, die private Unterbringung in Gastfamilien, das kann man nicht riskieren.“ Immerhin durften, ebenso wie die Bürger Ahorns, die Römerstädter das Jubiläum im Oktober 2019 würdig feiern. Doch auch ohne Impulse von Stadt und Vereinsvorderen werde über Telefon, Handy, Mail- oder Briefverkehr der private Austausch gepflegt, der durch die über 60 wechselseitigen Besuche gewachsen sei. Dass diese Freundschaften wirklich zu Herzen gehen und man mit der Partnerstadt eng verbunden ist, spürt man, als Ander sich wehmütig an den Todesfall einer guten Bekannten aus Frankreich erinnert, von der man sich gerne persönlich verabschiedet hätte. „Das ist traurig, dass wir unser Mitgefühl nicht so zum Ausdruck brachten, wie wir es gerne getan hätten.“

Viele freudige Ereignisse

Aber auch freudige Familienfeiern prägen die Städteverbundenheit. So habe eine Hondschooterin eine Patentante aus Osterburken.

Während also im Ahorner Komitee noch nichts entschieden, der Besuch im Mai hingegen mehr als ungewiss sei, sehen die Frankophilen aus Osterburken voller Zuversicht und „guten Mutes, dass es klappt“, dem Besuch im Oktober entgegen.

Ungeachtet dessen werden die privaten Bindungen gehegt und gepflegt – und so werde man mit der den Franzosen innewohnenden typischen Gelassenheit abwarten, was komme, diese Situation unbeschadet überstehen, denn „C’est la vie“.