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Eubemer Boachscheißer - Zu Pfingsten hallten die Helau-Rufe über die Ortschaft

Den 55. Geburtstag närrisch gefeiert

Von 
Elisabeth Englert
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Über die gute Vernetzung im Ort freuen sich die Abteilungskommandanten der Feuerwehr, die Vorstände der Boachscheißer sowie des FC Frankonia Eubigheim, die Gründungselferräte und Bürgermeister Benjamin Czernin. © Barbara Englert

Eubigheim. Sie befanden sich in prominenter Gesellschaft – die Eubemer Boachscheißer. Während beim Karneval in Rio die Sambatänzer in der Osterwoche durch die Straßen zogen, hallten im Boachscheißerland zu Pfingsten die Helau-Rufe über die Ortschaft.

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Die richtige Entscheidung. Denn entgegen der sonst zur fünften Jahreszeit vorherrschenden Kälte, versprühte die geschmackvoll und mit viel Liebe zum Detail dekorierte Feierlocation tatsächlich südamerikanisches Flair. Bunte Fähnchen, Girlanden und Lichterketten, Cocktailbar, Weinlaube und vieles mehr im Freien auf dem Schulhof zauberten einen exotischen Hauch, ließen die Gäste die Besonderheit des Karnevals zu lauen Sommerabenden erspüren und unterstrich die Besonderheit dieser Faschingsfeier. Denn es handelte sich hierbei nicht nur um einen coronabedingt ins Freie verschobenen Rosenmontagsball, sondern um das Fest zum 55. Geburtstag des „Eubemer Boachscheißers“, unschwer zu erkennen an der über dem Eingang zur Partymeile schwebenden großen 55.

Treffen der Generationen

Durch den Beginn am frühen Nachmittag entwickelte sich das närrische Treiben zu einem wahren Treffen der Generationen. Alt und Jung bildeten das „beste Publikum der Welt“ und sorgten gleichermaßen auf der Bühne für beste Unterhaltung. Fast wie bei der Empfehlung auf Gesellschaftsspielen „von 3 bis 99 Jahren“ agierten Drei- bis nahezu 91-Jährige auf den Brettern - ein Zeichen für die tiefe Verankerung und Identifikation des Faschings in der Dorfgemeinschaft.

In ihren Grußworten ließen die drei Vorstände Max Adelmann, Felix Dötter und Marco Offner die wechselvolle Vereinsgeschichte Revue passieren, beginnend mit der Vereinsgründung im Jahr 1967, über die Zeit im „Dornröschenschlaf“, in der einzig die Frauen sich der Tristesse widersetzten, „sie hielten bis zur Auferstehung Anfang der 90-er Jahre die Fahnen hoch“, bis hin zur erneuten Vereinsgründung im Jahre 2010.

Die hohe Identifikation ist auch an der guten Zusammenarbeit, gegenseitigen Unterstützung und gemeinsamen Schnittmengen mit dem FC Frankonia Eubigheim sowie der freiwilligen Feuerwehr erkennbar, was ausdrücklich wertgeschätzt wurde.

Besonders groß war die Freude über die anwesenden Elferräte der ersten Stunde, die damals eine Vielzahl an Personen mit dem Faschingsvirus infizierten. „Die Früchte der Arbeit von damals können wir heute ernten“, honorierte das Dreigestirn die Anstrengungen der Gründerväter.

Nicht wegzudenken

Für Bürgermeister und Schirmherr Benjamin Czernin, als Standesbeamter verkleidet (eilte er direkt vom siebten unter den rot-weißen Luftballonhimmel), seien die Narren aus dem Vereinsleben nicht mehr wegzudenken. Von den vor 55 Jahren herrschenden Schlagzeilen aus Politik, Sport und Kultur habe einzig „Die Boachscheißer treiben in Eubigheim ihr Unwesen“ noch Bestand, so dass er lobend schlussfolgerte: „Ihr habt alles richtig gemacht“.

Dieses Kompliment ist postwendend auf die Förderung des karnevalistischen Nachwuchses, die „Boachscheißerle“ übertragbar. Angesichts des geballten Superheldenpotentials, das sich zum Tanz auf der Bühne präsentierte, sowie ihren engagierten Trainerinnen Alexandra Berner und Jennifer Lang muss vor der Zukunft nicht bange sein.

Die nächste Superheldin, die „älteste Büttenrednerin in der Vereinsgeschichte“ offenbarte abermals die breitgefächerte, generationsübergreifende Verwurzelung innerhalb der Bevölkerung. Urgestein Martha Hofherr eroberte mit Frauenpower und nahezu 91 Jahren die Bühne, schwelgte in schönen Träumen und schwärmte von traumhaften Männern. Würdevoll residierte die Grande Dame der Frauenfastnacht auf der Bühne und fast kam einem Queen Mum in den Sinn, statt des obligatorischen Gins bekam sie natürlich das Nationalgetränk Flizzi.

Was wäre ein Geburtstagsfest ohne Ständchen? Dieses brachten die alten Säcke Reinhard Lang, Karlheinz Panzer, Marco Offner, Hans-Peter Scherer, Heinz Wagner und Gebhard Wrana nobel herausgeputzt mit Fliege und Zylinder dar. Forsch kokettierte Matteo Simonides am Klavier angesichts seines jugendlichen Alters mit der Gratulantenschar und hegte auf Grund deren langen Aufenthalts im Sportheim berechtigte Zweifel, ob diese nach „Rotwein, Asbach und auch Bier“ überhaupt noch singen könnten. Und wie sie konnten! Mit fetzigen Melodien, einem eigens gedichteten Ständchen, Gassenhauern oder dem Boachscheißerlied bewies die chice Clique ihre lang erworbene Kondition. In vier wohldosierten Programmteilen heizte sie dem Publikum ein, nahm es musikalisch mit und sorgte im weiteren Verlauf für Schwung und gute Laune.

Einen gereimten Rückblick in die Vereinshistorie gab Routinier Erika Schlesinger. Die Geburtsstunde der Galionsfigur, der rot, weiß, grün gekleidete Boachscheißer, Hauskapelle, Umzüge, bis hin zu den heutigen Aktivitäten Faschingseröffnung, Boachscheißerheftle, Kappenabend, Rosenmontagsball, Kinderfasching sowie den gesellschaftlichen Anlässen über’s Jahr verteilt – nichts entging dem „Büttenhasen“. Eingängig formulierte sie ihren Auftrag nach jeder Strophe „Damals wie heut macht der Fasching Eubi bunt und froh, ich kann nur sache, macht weiter so!“

Weiter so, das ließen sich Zunftmeister Ralf Schwarz und Büttenkönig Hans-Peter Scherer nicht zweimal sagen und zeigten sich topaktuell. Dass man nach der langen Pandemie nicht am Virus vorbeikommt, bewiesen „Covid“ und „19“ als „extrem ansteckende Varianten“, genaue wissenschaftliche Bezeichnung BS92, eine Mutante des Virustyps BS67. Im Jahr 1992 seien beide beim Erstausbruch, als sie am Kappenabend in der Bütt debütierten, infiziert worden und litten seit nunmehr 30 Jahren an Nebenwirkungen. Wie gut, denn somit zündeten sie ein Unterhaltungsfeuerwerk gespickt mit ihren Bütten-Best-ofs, die beim Publikum tränende Augen und laute Lacher nach sich zogen. Eindeutige Anzeichen einer Infektion.

Katharina Hilscher und Marvin Kurzer moderierten perfekt aufeinander abgestimmt, locker, souverän mit viel Situationskomik diesen nach alter Sitte „vom Ort für’s Ort“ und gleichzeitig innovativen Sommerfasching, dessen Programm ausschließlich von Mitgliedern gestaltet wurde. Anerkennung verdiente zum einen die Verbundenheit der inzwischen außerhalb lebenden Narren, die sich ins Gratulationsdefilee einreihten, zum andern das attraktive gut organisierte Kinderprogramm unter der Regie erfahrener Boachscheißermütter.

Mit dem Finale mündete die Feier in „die längste Nacht der Welt“ und unterstrich mit ihrem in der Tradition der letzten 55 Jahre stehenden Programm was Jahr für Jahr im Boachscheißerlied gesungen wird. „…ja die Eibmer war’n immer schon toll!“

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