Verabschiedung - Maida Dietlein geht nach über 30 Jahren als stellvertretende Leiterin der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim in den Ruhestand „Nein – Angst hatte ich eigentlich nie“

Von 
Sabine Braun und Sabine Braun
Lesedauer: 
Nach über 30 Jahren als stellvertretende Leiterin der Jugendvollzugsanstalt Adelsheim (im Hintergrund) geht Maida Dietlein Ende Juli in den Ruhestand. Gestern gab sie die Schlüssel ab, die sie in den vergangenen Jahrzehnten so oft vor und hinter sich umdrehte. © Sabine Braun

Nur wenige kennen die JVA so gut wie sie: Maida Dietlein, die langjährige stellvertretende Leiterin der Anstalt, geht in den Ruhestand.

Seit den 80er Jahren in der JVA

Maida Dietlein, Jahrgang 1953, wurde in Frankfurt geboren, wuchs in Osterburken auf, machte ihr Abitur in Mosbach am Nicolaus-Kistner-Gymnasium und studierte Jura in Würzburg. Noch vor Abschluss des 2. Staatsexamens im Jahr 1980 absolvierte sie ein sechswöchiges Praktikum in der JVA.

Am 1. Juni 1980 trat sie in den Landesdienst ein und war zunächst dritte Stellvertreterin in der Anstaltsleitung in der JVA Rottenburg. Es folgte eine Abordnung an die JVA Ludwigsburg sowie das Richterjahr am Landgericht in Mosbach. Mitte der 1980er Jahre wurde Maida Dietlein stellvertretende Anstaltsleiterin in Adelsheim.

AdUnit urban-intext1

Adelsheim. „Ich wollte immer nach Adelsheim“, erklärt Maida Dietlein wie aus der Pistole geschossen auf die Frage, wie es sie an die Jugendvollzugsanstalt „verschlagen“ habe. Bei einem Praktikum hatte die angehende Juristin die Einrichtung kennengelernt. Und wollte unbedingt dorthin zurück. „Mit Menschen arbeiten, mich mit ihnen zusammen auf immer neue Situationen einstellen, mit verschiedenen Professionen zu tun zu haben – das wollte ich“, sagt Maida Dietlein im Gespräch mit den FN.

Kontakt mit den Menschen

„Die Arbeit gerade im Jugendvollzug ist sehr lebendig, es werden sehr viele Gespräche geführt, mit den Gefangenen und auch mit den Mitarbeitern.“ Im Erwachsenenvollzug, so die Erfahrung der Juristin, habe man viel mehr mit „Aktenarbeit“ zu tun, mit Anträgen auf gerichtliche Entscheidung, Petitionen und ähnlichem.

Schon im Praktikum habe sie sich in der JVA Adelsheim sehr wohl gefühlt. „Hier gab es gute Voraussetzungen, gut arbeiten zu können“, betont Maida Dietlein. Geduldig blieb sie dran an ihrem Ziel, kam nach mehreren Stationen Mitte der 1980er Jahre nach Adelsheim, wurde stellvertretende Anstaltsleiterin – und blieb es bis heute. Nun ist sie diejenige, die vielleicht am meisten weiß über die JVA. „Ja, wahrscheinlich, wenn ich es nicht vergessen habe“, lacht Maida Dietlein entspannt.

AdUnit urban-intext2

35 Jahre hinter Gittern – fühlt man sich da nicht selbst eingesperrt? Dietlein verneint: „Man gewöhnt sich relativ schnell an das Eingeschlossensein“. Es komme natürlich auf das Büro und die Aussicht an. Sie selbst hatte den Blick auf Mauern und die „Schleuse“, also den Eingangsbereich. „Irgendwann sieht man das nicht mehr.“ Natürlich sei es mühselig, immer hinter sich abzuschließen, und vor allem, immer daran zu denken. „Aber an das gewöhnt man sich auch.“

Und wie sieht es mit der Angst aus? „Hatte ich nie!“, erklärt Maida Dietlein entschieden. „Ich habe natürlich immer versucht, herauszufinden, ob es irgendwo brenzlig ist, und habe mich dann ferngehalten. Auch, um nicht zu provozieren.“ Rückblickend sagt Dietlein aber: „Ich habe ganz überwiegend erlebt, dass die Gefangenen höflich sind. Der Respekt mir gegenüber war eigentlich immer da.“

AdUnit urban-intext3

Auch nach der Massenschlägerei vom 20. August 2014 habe sich dieses grundsätzlich positive Gefühl zur Anstalt und den Häftlingen nicht verändert. „Ich habe allerdings erlebt, wie verunsichert das Personal damals war.“ Klar sei danach gewesen, dass man allgemeine Regeln aufstellen musste, um das Sicherheitsgefühl bei den Mitarbeiter wieder herzustellen. Zum Beispiel die getrennten Hofgänge und gesicherte Bereiche. Insgesamt sei in den zurückliegenden Jahrzehnten allerdings relativ wenig passiert. Doch: „Im Strafvollzug gehört viel Glück dazu“, betont die erfahrene stellvertretende Anstaltsleiterin.

Hohe Verantwortung

AdUnit urban-intext4

Zwar hatte Maida Dietlein vor einigen Jahren durchaus Interesse, an der Spitze der Einrichtung zu stehen. Doch aus heutiger Sicht ist sie froh, dass es so nicht kam. Denn in ihrer jetzigen Position und mit der Verantwortung nach innen sei sie näher an den Menschen dran gewesen.

Verantwortung übernahm Maida Dietlein dabei sehr wohl. Auch in besonderem Maße gegenüber der Öffentlichkeit, wenn sie wieder einmal das „Stellvertreterschicksal“ traf: Nicht nur einmal brach gerade im Urlaub des Anstaltsleiters ein Insasse aus. Oder es kam zum Suizid eines Häftlings. Dann liefen bei ihr die Telefone heiß. Gerade Suizide beschäftigen Maida Dietlein besonders: „Da fragt man sich dann schon: Hätte man das nicht verhindern können?“

Rückblickend haben sich die Erwartungen, mit der die junge Juristin damals antrat, erfüllt – zumindest teilweise, sagt sie. Es habe auch Enttäuschungen gegeben, zum Beispiel, wenn die jungen Männer, in die man viel Vertrauen setzte, eben doch wieder straffällig wurden.

In guter Erinnerung bleibt ihr eine besondere, junge Tradition: „Die regelmäßigen Chorprojekte, die wir – ich fühle mich weiterhin der JVA zugehörig – in den letzten acht Jahren zusammen mit Musikern des Landesjugendorchesters und inzwischen auch der Musikschule Möckmühl durchführen konnten. Ich war jedes Mal begeistert über die Musikalität und das Interesse unserer ’Jungs’ für Musik. Sie haben uns Seiten und Fähigkeiten gezeigt, die wir ansonsten nicht in ihnen gesehen hätten.“

Sehr gern denkt Maida Dietlein auch an das aktuelle Projekt „fördernde Gruppenkultur“ (Positive Peer Culture) in einem Haus des Regelvollzugs, das sie mitinitiierte: Dabei bilden junge Strafgefangene, die sich für diese Gruppe eigens bewerben müssen, eine Stockwerksgemeinschaft. In dieser nehmen sie sich selbst bestimmte Projekte vor, geben sich Regeln und besprechen Probleme auch persönlicher Art. Ziel ist es, dass die Gruppe den einzelnen „erzieht“.

„Es ist ganz erstaunlich, was man dabei erreicht. Die Schreierei unter den jungen Männern hört auf, der Umgangston hat sich schnell geändert“, freut sich Maida Dietlein.

Dabei kämen Erinnerungen an ihre Anfangszeit auf, an konzeptionelle Gedanken zum Jugendstrafvollzug. Wenn sie sich etwas wünschen dürfte, würde Maida Dietlein wollen, dass dem Jugendvollzug wieder mehr Bedeutung innerhalb der Justiz zukommt. Angesichts der viel höheren Insassenzahlen stehe der Erwachsenenvollzug derzeit im Vordergrund.

Doch für Maida Dietlein geht diese Ära jetzt zu Ende, konkret am 31. Juli. Schließlich gibt es noch anderes zu tun: Schwimmen gehen, reisen, den Garten pflegen. Und: Einige Organisationen in Ravenstein – dort lebt Maida Dietlein mit ihrem Mann seit 20 Jahren – würden ein ehrenamtliches Engagement der aktiven 65-Jährigen sicher nicht ablehnen.

Redaktion Im Einsatz für die Lokalausgabe Buchen

Autor