FN-Projekt "Schüler fragen - Politiker antworten" - Kandidaten gaben den Adelsheimer Neuntklässlern bereitwillig Auskunft Mal mehr, mal weniger zufrieden

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Sabine Braun und Sabine Braun
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In Arbeitsgruppen verfassten die Schüler der Klasse 9a, beziehungsweise jetzt 10a des Adelsheimer Eckenberg-Gymnasiums Fragen an die sieben Direktkandidaten der Bundestagswahl im Bezirk Odenwald-Tauber. In den vergangenen Tagen analysierten sie die umfangreichen Antworten, die im Laufe des Sommers eingingen.

© Marcel Sowa

"Jetzt können wir uns ein Bild machen, wie die Kandidaten wirklich denken", sagt eine Schülerin nach dem FN-Projekt "Schüler fragen - Politiker antworten".

Viele Fragen, noch mehr Antworten

Wie finden wir heraus, was junge Leute interessiert? Und was sagen die Kandidaten dazu? Das war die Idee der FN-Redaktion hinter dem Projekt "Schüler fragen - Politiker antworten."

Ob wir kurzfristig eine Schule finden würden, die mitmacht? Einen Lehrer, der sich über die normale Arbeitszeit hinaus engagiert und sich auf das Experiment einlässt, dass eine Redakteurin und ein Redaktionsvolontär eine Unterrichtsstunde mitgestalten? Ob die jungen Leute überhaupt Lust haben, Fragen zu stellen? Und ob die Kandidaten antworten werden?

Die Skepsis wurde umfassend widerlegt. Der Leiter des Eckenberg-Gymnasiums war sofort dabei und ließ uns freie Hand, Lehrer Toni Börner unterstützte das Projekt engagiert und führte die Schüler locker, aber zielstrebig durch die schwierige Materie. Die jungen Leute akzeptierten die ungewohnte "Lehrerin" aus der FN-Redaktion. Sie erarbeiteten nicht nur zwei oder drei Fragen, sondern lieferten mit Spaß und großem Interesse gleich einen ganzen Katalog von Themen. Die Kandidaten machten sich richtig viel Arbeit und schrieben umfassend.

Auch wenn nicht alle Antworten der Politiker zur Zufriedenheit der Schüler ausfielen: Das Interesse ist geweckt und hoffentlich das Gefühl, dass es "etwas bringt", nachzufragen und mitzumischen. Und zwar nicht nur am Wahltag.

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Adelsheim. Die Klasse 10a des Eckenberg-Gymnasiums ist stolz, dass alle Kandidaten auf ihre Fragen eingingen - und es waren nicht wenige. Noch als Neuntklässler erarbeiteten die Schüler im Juli zusammen mit ihrem Gemeinschaftskundelehrer Toni Börner Themen, die sie besonders interessierten. Das reichte von der Diskussion, ob man eine Katzensteuer erheben sollte, über die Frage, ob der Kandidat eine europäische Armee befürwortet, bis hin zu den Bereichen Grundwasserbelastung, soziale Gerechtigkeit, Klimawandel und zur Rente.

Über 20 teilweise sehr komplexe Fragen brachten die interessierten und engagierten, noch lange nicht wahlberechtigten jungen Leute zusammen. Das Bündel flatterte den Direktkandidaten der Bundestagswahl Ende Juli per Mail auf den Schreibtisch, vermittelt von den FN.

Angeregt hatten die FN und die Schüler auch, die Antworten per Video zu liefern. Diese Gelegenheit nutzte Alois Gerig, und auch Dr. Christina Baum sandte einen Link zu ihren Antworten auf Youtube, wo sie jetzt auf den Kandidatenseiten nachzulesen sind.

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Alle sieben Direktkandidaten machten sich die Mühe, auf fast alle Fragen zu antworten. Sie "schlugen zurück" mit einer Materialflut, welche die Schüler in der vergangenen Woche und auch gestern noch einmal beschäftigte. Zu jeder Frage gab es damit sieben Antworten, die in einer Power-Point-Präsentation aufgelistet gut zu vergleichen waren. In Arbeitsgruppen nahmen sich die 15-Jährigen vier Fragenkomplexe vor: Die Rente der Zukunft, das Mobilfunknetz, die Frage "Warum dürfen wir erst mit 18 an der Bundestagswahl teilnehmen?" und schließlich "Warum sollen wir Sie wählen?".

Optimistisch für eine Rente

Bei der Frage nach der Zukunft der Rente erfuhren die Schüler, dass CDU und SPD optimistisch sind, dass es in 40 oder 50 Jahren noch eine Rente für die heute Jungen gibt. Sie hörten, dass die CDU auf das Dreisäulenmodell von betrieblicher und staatlicher Rente sowie privater Vorsorge setzt.

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Bei den Grünen entdeckten sie den Vorschlag, dass auch Freiberufler und Beamten in die Rentenversicherung einzahlen sollten, um mehr Geld in die Kasse zu bringen, die Linke plädiert generell für mehr Verteilungsgerechtigkeit. Eine bessere Familienpolitik und mehr Nachwuchs, also mehr Einzahler, ist der Vorschlag der AfD, welche bereits das jetzige Rentensystem kritisiert. Es komme nicht der Verpflichtung nach, jedem Einzahler eine auskömmliche Rente zu sichern. Die FDP setzt auf einen flexiblen Renteneintritt.

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Beim Wahlalter verweisen alle Kandidaten darauf, dass das Grundgesetz die Volljährigkeit, also 18 Jahre, verlange. Ob man das Wahlalter auf 16 herabsetzen könnte, darüber ließe Alois Gerig mit sich reden. Linke und ÖDP sind sich nicht schlüssig. Die FDP will am jetzigen Stand festhalten, weil man schließlich mit 16 auch keinen Handyvertrag abschließen dürfe. Die SPD rät den jungen Leuten, sich über die Jugendorganisationen der Parteien einzumischen, fasste Svenja die Analyse der Antworten zusammen. Das Letztere gefiel den meisten gar nicht - die Schüler wollen wählen.

"Beim Thema Mobilfunk waren sich alle einig, dass etwas passieren muss, doch nur die FDP hatte ein Konzept", so das Fazit der Schüler nach den Antworten zu dem Themenkomplex. Carina Schmidt plädierte dafür, die Bundesanteile von Telekom und Post zu verkaufen und mit den Erlösen den Netzausbau voranzutreiben.

Dass die Oppositionsparteien darauf verwiesen, dass die Regierung "schuld" sei, reichte ihnen nicht: "Das sagt nicht, wie es besser werden kann." In der Kürze der Zeit konnten die Antworten auf die Frage, was die Parteien gegen Hetzreden in sozialen Netzwerken unternehmen wollen, nur noch angerissen werden - hier hätten sich die jungen Leute konkretere Antworten erhofft als den Verweis auf das Netzwerkdurchsetzungsgesetz.

So waren die Schüler nicht mit allen Ausführungen der Kandidaten ganz zufrieden. Oft hätten sie gerne klarere Konzepte gehört. Sie registrierten, wenn ein Kandidat den politischen Gegner kritisierte, selbst aber keine konkreten Vorschläge machte. Oft vermuteten sie, dass die Politiker versuchten, es ihnen recht zu machen und sich von der besten Seite zu zeigen. Natürlich verstanden sie, warum das so ist. Stellenweise erkannten sie eine Diskrepanz zwischen der Selbstdarstellung der Parteien und dem, "was man im Fernsehen so sieht".

Als Letztes analysierten die Schüler die Kandidaten-Antworten auf die Frage "Warum sollen wir Sie wählen" und listeten auf, wofür die einzelnen Parteien stehen. Einige der jungen Leute hatten bereits eindeutige politische Sympathien und folgten gern den Argumenten "ihres" Kandidaten, während andere eher kritisch hinschauten und vermuteten, die Politiker "schreiben, was wir hören wollen".

Trotzdem waren die Schüler auf Nachfrage von Toni Börner und der Redakteurin sehr zufrieden mit den vielen Antworten und dem Projekt insgesamt. "Bisher konnte ich mir nicht viel vorstellen unter der Arbeit der Parteien. Es war gut, die Antworten so genau anzuschauen. Jetzt kann ich mir eher ein Bild machen", zog Julia eine positive Zwischenbilanz. Mit der direkten Gegenüberstellung der Antworten könne man gut arbeiten, ohne das ganze Programm der Parteien durchschauen zu müssen, findet auch Jonas.

"Viele wirklich gute, aber auch weniger zufriedenstellende Antworten" entdeckte Julia bei jeder Partei, so dass die Entscheidung nicht viel leichter wurde. Nun müsse man sich weiter mit den Themen und Parteiprogrammen beschäftigen. Dazu haben die 15- und 16-Jährigen in den nächsten Monaten Gelegenheit - bis zu ihrer ersten "echten" Wahl vergeht noch einige Zeit.

Testwahl

Eine kleine Testwahl hatten die Schüler bereits im Juli im Rahmen des FN-Projekts durchgeführt, jetzt gingen sie zum Abschluss noch einmal zur "Schuhkarton-Urne". Das Ergebnis fiel noch klarer als die Juli-Wahl zugunsten von Alois Gerig aus (52 Prozent, vorher 38). FDP und AfD bekamen jeweils elf Prozent, wobei die FDP noch zulegen konnte. Die SPD und ÖDP mussten sich mit 7,4 Prozent begnügen, ebensoviele wählten bewusst ungültig. Die Grünen holten konstant knapp vier Prozent, die Linke ging leer aus.

Eine weitere Wahl gab es gestern und heute: Die Fachschaft Gemeinschaftskunde rief 250 Schüler der älteren Jahrgänge zur Juniorwahl auf.

"Die Schüler haben super mitgearbeitet," ist auch Fachlehrer Toni Börner am Ende des zweiten Projekttags begeistert. Das Projekt habe für die Zehntklässler auf jeden Fall einen Erkenntnisgewinn gebracht. Es sei sehr gut angekommen, dass die Politiker so ausführlich geantwortet haben. "Die Schüler fühlen sich ernstgenommen".

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