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Kooperation

Freudestrahlender „Himmel über Adelsheim“

Umjubelte „Beethoven-RAPsody“ von Stuttgarter Kammerorchester, JVA Adelsheim und Musikschule Möckmühl

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bd
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Die Aufführung der „Beethoven-RAPsody“ war ein voller Erfolg. © sko

Adelsheim/Stuttgart. „Sag mal hast Du Interesse an Rap und fette Bässe?“ reimte Afrob 1999 auf seinem ersten Single-Hit „Reimemonster“. Über 20 Jahre später ist das Interesse ungebrochen und in der Jugend- wie der Hochkultur verankert. Am Freitag und Sonntag vergangener Woche präsentierten das Stuttgarter Kammerorchester und die JVA Adelsheim ein spektakuläres und einzigartiges soziales Musikprojekt und brachten den „Himmel über Adelsheim“, eine Beethoven-RAPsody, auf die Bühne. Und Afrob wirkte mit.

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Fast zwei Jahre hatte die Pandemie die Umsetzung der preisgekrönten Projektidee des „SKOhr-Labor“, des Musikvermittlungsprogramms des Stuttgarter Kammerorchesters, verzögert. Grundlage des Konzepts war die Überlegung, in welchen gesellschaftlich aus dem Blick geratenen Bereichen ein Kammerorchester tätig werden könne.

Vorurteilsfreie Begegnung

„Wir wollten uns mit den inhaftierten Jugendlichen gemeinsam in einen Schaffensprozess begeben, bei dem viel Platz für eigene Ideen und Wünsche bleibt. Wichtig war uns ein Prozess auf Augenhöhe, bei dem unsere Musiker ebenso inspiriert herausgehen, wie es auch die Insassen der JVA tun: Musik auf künstlerisch hohem Niveau, bei dem eine vorurteilsfreie Begegnung zwischen ‚Draußen’ und ‚Drinnen’ möglich wird“, so SKO-Intendant Markus Korselt, der die Projektidee gemeinsam mit Katharina Gerhard und Ulrike Stortz entwickelt hatte. Im Adelsheimer Jugendgefängnis, wo bereits seit vielen Jahren musikalisch gearbeitet wird, traf man auf offene Ohren, auch wenn solche Projekte den eng getakteten Vollzugsalltag erheblich herausfordern.

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Veröffentlicht
Von
Stefan M. Dettlinger
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Nach einzelnen Workshops in „Pandemiepausen“ im vergangenen Jahr erarbeiteten nun seit März straffällig gewordene Jugendliche in der JVA gemeinsam hat dem Stuttgarter Kammerorchester ein einzigartiges Werk, bei dem sich die Beteiligten als gleichberechtigte Partner auf Augenhöhe begegnen sollten. Wertschätzung und Respekt sowie die Erweiterung der eigenen Horizonte – sowohl künstlerisch als auch das soziale Umfeld betreffend – standen im Zentrum des Projektes. Für die jungen Gefangenen ging es sowohl um die Stärkung der eigenen künstlerischen Ausdrucksfähigkeit und des Selbstbewusstseins, aber auch um das Trainieren sozialer Umgangsformen.

Kreatives Neuland

Unter der Federführung von Adelsheims Freizeitpädagogin Tamara Scherer, Anstalts-Seelsorger Martin Reiland und Katharina Gerhard (SKO), der musikalischen Leitung von Viktoriia Vitrenko und unter Regie von Nina Kurzeja begaben sich Jugendliche und Profi-Künstler auf kreatives Neuland.

Es wurden sowohl Lieder von Beethoven einstudiert als auch eigene, teils sehr nachdenkliche Texte zu Themen wie Freiheit, Sehnsucht, Enttäuschung und Diskriminierung geschrieben. Aus diesen persönlichen Geschichten entstanden unter kongenialer Anleitung von Rapper Danny Fresh und Beatboxer Pheel eindringliche Raps und lebensechte Verse: Die rhythmische Sprachakrobatik und geballte Energie rissen das Publikum sowohl in Adelsheim wie im ausverkauften Wilhelma-Theater zu Begeisterungsstürmen hin.

Grandios verwoben

Vom SKO unter Viktoriia Vitrenko virtuos begleitet und grandios verwoben mit Beethovens Streichquartett Nr. 11 f-Moll op. 95 wurden eine Vielfalt, ein Cross-over und eine Qualität an Musik und Performance geboten, die niemanden ungerührt zurückließ. Das Tanzduo Sophie Gisbertz und Johannes Blattner zeigte berührend, wie Tanz und Ballett die Botschaft der Stücke „Morgendämmerung“ (Rabbit107) und des von Beethoven vertonten „Gedenke mein“ unterstreicht und verbindet. Und Rapper Afrob hatte mit dem nachdenklichen-melodiösen „Wo gehör ich hin?“ und auch in „Flüchtling 4Life“, hier von den Breakdancern Aron Lachmann, Markus Heldt und Dominik Blenk eindrucksvoll begleitet, an den biografischen Erfahrungen zahlreicher Beteiligter angesetzt.

Unterstützung erfuhren die musikalischen Akteure der JVA, neben 15 Gefangenen auch fünf Mitarbeiter, bei den Proben und den Aufführungen von den Sängerinnen des Vokalensembles Vocallisimo der Musikschule Mockmühl, die mit Regine Böhm zu den treuen Unterstützern der musikpädagogischen Arbeit in Adelsheim zählt.

Nach zahlreichen Zugaben, darunter der hitverdächtigen Neukomposition „Rom“ (Alle Wege führn nach Rom, doch nur meiner führt in Knast“) und Afrobs gemeinsam im Chor mit dem Publikum gesungenen „Diese Welt (braucht mich, braucht dich, braucht mich, braucht Dich!)“ ging ein Projekt zu Ende, das unvergessen bleiben wird.

Außer Rand und Band

Der Strafvollzugsbeauftragte der CDU-Landtagsfraktion und begeisterte Konzertbesucher Arnulf Freiherr von Eyb MdL brachte es auf den Punkt: „Es war ein großartiger Abend. Selten zuvor habe ich ein solch außer Rand und Band geratenes Publikum erlebt.

Die stehenden Ovationen waren meines Erachtens in jeder Hinsicht gerechtfertigt, denn die jugendlichen Straftäter sind über sich hinausgewachsen. Dass dies alles gelingen konnten, ist der herausragenden Organisation durch die Justizvollzugsanstalt Adelsheim und insbesondere der tollen Leistung der Freizeitpädagogin Tamara Scherer zu verdanken.

Ein rundum gelungener Abend mit durchweg fulminanten Akteuren und der fantastischen Dirigentin Viktoriia Vitrenko.“ bd

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