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In Adelsheim

Ein großer Autor und Regisseur „zwischen den Zeiten“

Simon Strauß und Michael Rotschopf portraitierten Pier Paolo Pasolini

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Der Schriftsteller und FAZ-Redakteur Simon Strauß und der Schauspieler Michael Rotschopf stellten das Leben und Schaffen Pier Paolo Pasolinis vor, dessen Geburtstag sich am 5. März zum 100. Mal jährte. © Sabine Braun

Adelsheim. Nach Manuela Reicharts schönem, kenntnis- wie aufschlussreichen Plädoyer für vergessene Schriftstellerinnen am 23. August gab es auch am vierten und letzten Wochenende der „Adelsheim leuchtet“-Ausstellung wieder eine künstlerisch-literarische Veranstaltung: Der Schriftsteller und FAZ-Redakteur Simon Strauß und der Schauspieler Michael Rotschopf stellten das Leben und Schaffen Pier Paolo Pasolinis vor, dessen Geburtstag sich am 5. März zum 100. Mal jährte.

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Wie Strauß gleich zu Beginn erklärte, passt der italienische Dichter, Intellektuelle und Filmemacher hervorragend zum Motto der Ausstellung „Zwischen den Zeiten“: Pasolini gehörte einerseits zum (linken) Establishment der Nachkriegs-Jahrzehnte in der Metropole Rom und hielt zugleich dem durch uralte Traditionen geprägten Landleben die Treue.

Er verstand sich als Kommunist, der doch Vorstellungen einer christlichen Urgemeinde verbunden blieb. Als offen homosexuell lebender Künstler vertrat er in Fragen der Familienmoral Positionen, die mindestens auf den ersten Blick konservativ wirken. Gerade wegen seiner Widersprüchlichkeit und Unzeitgemäßheit halten die beiden Protagonisten des Adelsheimer Abends Pasolini für einen der wichtigsten und aktuellsten Intellektuellen des 20. Jahrhunderts.

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Die Veranstaltung hatte sowohl den bereits mit dem Werk des Künstlers Vertrauten als auch den auf diesem Gebiet weniger Erfahrenen viel zu bieten. Im Mittelpunkt stand nämlich weniger der nach wie vor relativ bekannte Filmemacher, sondern der Prosa-Autor, Lyriker und Verfasser von in jeder Hinsicht kontroversen Zeitungsartikeln.

Die dunklen, bei der ersten Begegnung sicher nicht in jedem Detail verständlichen Gedichte entfalteten durch den eindrucksvollen Vortrag Rotschopfs große Faszination. Der streitbare Intellektuelle wurde dem Publikum durch einen Text nahegebracht, in dem sich Pasolini zum Gegner der Abtreibung erklärte. Auch wer die politische Schlussfolgerung ablehnt, muss die Schärfe und Brisanz der vorgebrachten Gedanken anerkennen.

Die Legalisierung der Abtreibung brachte Pasolini mit der liberalen Sexualmoral in Verbindung, die er als Ausdruck des verhassten kapitalistischen Konsumismus betrachtete. Andererseits war er als regelmäßiger Besucher des Straßenstrichs selbst ein Konsument der „käuflichen Liebe“.

Deutlich wurde in der Veranstaltung die Verbundenheit mit der friaulischen Stadt Casarsa, in der der in Bologna geborene Pasolini seine Jugend verbrachte und nach dem Krieg als Lehrer arbeitete. Der friaulische Dialekt, den er gewissermaßen als Ethnologe studierte, war für seine künstlerische Sprache ebenso wichtig wie das Vorbild der großen italienischen Klassiker. 1950 zog Pasolini nach Rom, ab 1961 realisierte er als Regisseur in rasanter Geschwindigkeit zahlreiche Filme. Die Premiere des letzten - die skandalöse Faschismus-Parabel „Die 120 Tage von Sodom“ - erlebte er nicht mehr. Am 2. November 1975 wurde Pasolini unter bis heute nicht restlos aufgeklärten Umständen im römischen Bezirk Ostia ermordet.

Simon Strauß führte souverän und in freier Rede durch den Abend. Michael Rotschopf, der auf Bühne und Leinwand viele tragende Rollen übernommen hat, verlieh den Texten seine markante Stimme und Präsenz. Man könnte ihn sich gut als Hauptdarsteller eines Pasolini-Films vorstellen.

Die Veranstaltung endet mit einem kurzen Film. Strauß und Rotschopf hatten das Grab des Künstlers in dessen geliebtem Casarsa aufgesucht und dort eindrückliche Stimmungsbilder eingefangen. Mehrere Gäste erklären nach der gut besuchten Veranstaltung, sich in Zukunft näher mit Pasolini beschäftigen zu wollen. Eine schönere Reaktion auf einen literarischen Abend lässt sich kaum denken.

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