Ein Selbstversuch - Ich schneide meiner Mutter die Haare / Alles nicht so einfach, wie es den Anschein hat „Die sind ja richtig kurz geworden“

Von 
Nicola Beier
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Die Friseure haben zu, aber die Löwenmähne wird immer länger. Da hilft nur noch selbst schneiden – oder schneiden lassen. Ich habe es gewagt und meiner Mutter eine neue Frisur verpasst.

Wie ich im Selbstversuch feststellen durfte, ist Haare schneiden eine Kunst für sich. © Nicola Beier
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Der erste Schnitt ist immer der schwierigste. Dachte ich. Wenn die ersten Haare erstmal ab sind, wird sich das leicht flaue Gefühl in der Magengegend schon legen. Dachte ich. Kann ja nicht so schwer sein. Dachte ich. Da habe ich aber falsch gedacht. Haare schneiden ist nicht umsonst ein Handwerk, dass Friseure über Jahre hinweg lernen müssen. Wie konnte ich annehmen, dass ich das ähnlich gut hinbekomme? Aber von Anfang an.

Meine Mutter kam vor Kurzem auf mich zu und hatte eine ziemlich verrückte Idee: „Nicola, meine Haare werden immer länger und es sieht schon echt nicht mehr gut aus. Würdest du dir zutrauen, mir meine Haare zu schneiden?“

Witzige Idee

Genau das wäre der Moment gewesen, klar und deutlich „Nein“ zu sagen. Habe ich aber nicht gemacht. Stattdessen fand ich die Idee sogar ziemlich witzig. Deshalb nahm ich die Herausforderung an und so sind wir nun hier. Allerdings habe ich meiner Mutter schon damals gesagt, dass sie mich nicht verklagen darf, wenn ihr das Ergebnis nicht gefällt. Und dass ich sowas noch nie gemacht hätte, sie also nicht zu viel erwarten darf. Ihr Kommentar darauf: „Das schaffst du schon.“ Sie hatte wirklich großes Vertrauen in mich.

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Ein paar Tage später war es soweit. Ich wollte mir im Voraus eigentlich noch Youtube-Videos ansehen, um nicht komplett auf verlorenem Posten zu stehen – habe ich aber nicht gemacht. Wie bereits gesagt, ich dachte mir: „Kann ja nicht so schwer sein.“

Meine Mutter hat sehr lockige Haare, was für meinen ersten Versuch, sie zu schneiden, nicht schlecht ist. Sollte ich nicht hundertprozentig akkurat arbeiten – und mir war schon klar, dass ich das nicht schaffen werde – würde es nicht so sehr auffallen. Also hoffentlich kein Endergebnis, als hätte sie in die Steckdose gefasst.

Voller Vorfreude

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Als ich bei meiner Mutter ankam, war die gesamte Familie bereits versammelt. Alle warteten gespannt, wie ich mich denn so schlagen würde. Meine Mutter machte noch einen recht gut gelaunten Eindruck – etwas aufgeregt, aber im positiven Sinne. Ich war zu dem Zeitpunkt auch noch gut drauf. Dieses Gefühl sollte sich während des Schneideprozesses dann aber in Unsicherheit verwandeln.

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Sie hatte einen Esszimmerstuhl in die Mitte des Wohnbereichs gestellt, wo man die abgeschnittenen Spitzen dann auffegen konnte. Ein gelber Sack fungierte als Friseurumhangersatz. „Ich geh dann mal Haare waschen“, verabschiedete sie sich ins Badezimmer, um kurze Zeit später mit nassen Haaren wieder zu kommen. Sie drückte mir die Friseurschere, die sie nach dem Besuch gleich mehrer Drogerien als das letzte verbliebene Exemplar ergattert hatte, in die Hand, reichte mir einen kleinen Kamm und setzte sich erwartungsvoll auf den Stuhl. Mein Bruder nahm am Esstisch platz, von wo er einen guten Blick auf das Szenario hatte.

„Ich hätte die Haare vorne zum Kinn hin gerne länger als hinten. Du musst also ein umgedrehtes U in die Haare schneiden. Und kürzer sollen sie auch sein, so drei Zentimeter wären gut.“, wies mich meine Mutter an. Ein umgedrehtes U – das bekomme ich hin, ist ja quasi nur eine einfache Kurve in den Haaren und die drei Zentimeter kürzer schaffe ich auch, dachte ich mir. Ich kämmte die Haare meiner Mutter alle nach hinten und fing in der Mitte des Hinterkopfes an, also da, wo die Haare am Ende am kürzesten sein sollten. Im Hinterkopf hatte ich: „Schneide am Anfang nicht so viel ab, denn was weg ist, ist weg. Kürzer schneiden geht am Ende immer noch.“ Ich nahm eine Strähne in die Hand und kämmte sie kerzengerade nach unten, hob sie zwischen zwei Fingern fest und setzte die Schere an. Das war der Moment, in dem ich mir das erste Mal richtig Sorgen machte: Was würde passieren, wenn ich das jetzt total vermassel?

Naja, aber es half ja nichts, jetzt waren wir schon da. Also sah ich die Strähne noch mal an und schnitt die Spitzen ab – was gar nicht so leicht war. Die Haare mussten nebeneinander liegen und nicht als dicker Strang übereinander, sonst ging das Schneiden schwerer.

Mit dieser Routine: Kämmen, Strähne fassen, Länge prüfen und abschneiden, arbeitete ich mich einmal um den Kopf meiner Mutter. Gar nicht so schwierig bis dahin. Mein Bruder konnte sich von seinem Zuschauerplatz Kommentare wie „Du hältst den Kamm aber komisch“ oder „Schau mal, da ist noch was“ nicht verkneifen.

„Ich bin fertig“

Am Ende stellte ich mich einmal vor meine Mutter, um zu überprüfen, ob die Strähnen vorne auch gleich lang waren. Das sah soweit alles symmetrisch aus. Also ging ich abermals um den Kopf herum und kontrollierte ausführlich, ob ich alle Haare wirklich gleichmäßig geschnitten hatte, und kürzte hie und da noch einige Spitzen. Voller Überzeugung sagte ich: „Ok, ich bin fertig. Willst du dir das Ergebnis mal im Spiegel ansehen?“ So ging sie los und kam gleich wieder.

„Nicola, die Haare sind zwar kürzer, aber da ist sicher kein U in den Haaren zu sehen.“ – Ich war also an einer „einfachen Kurve“ gescheitert. „Die Länge vorne passt aber“, fügte sie an. Also gut, dann musste ich die Haare am Hinterkopf noch kürzer schneiden. Dafür hatte ich ja Spielraum eingeplant. So schnitt ich sie hinten noch etwas ab und versuchte, irgendwie eine Kurve hinzubekommen, die auf beiden Seiten gleich aussieht – vergeblich. Das war auch der Moment, in dem sich mein gutes Gefühl in große Unsicherheit verwandelte. Aber aufgeben war da schon keine Option mehr und so machte ich weiter. Als ich es einigermaßen hinbekommen hatte, schaute ich meinen Bruder an und bat ihn, mal drüber zu sehen.

Er hat im Haare schneiden mehr Erfahrung als ich, weil er und sein Kumpel sich die Haare während der Pandemie immer gegenseitig geschnitten haben. „Du weißt schon, dass das nicht passt. Gib mal die Schere her, ich mach das jetzt.“ Also gut, den Feinschliff übernahm dann er. Am Ende prüften wir beide ein letztes Mal, ob alles gleich lang war und wir saubere Kanten geschnitten hatten. Als wir kein Haar mehr entdeckten, das fehl am Platz war, sollte sich meine Mutter das Ergebnis ansehen. Diesmal war sie zufrieden.

Um eine Erfahrung reicher

„Die sind ja richtig kurz geworden. Aber es sieht gut aus“, freute sie sich. „Ich gehe ab sofort nicht mehr zum Friseur. Das kannst du in Zukunft übernehmen.“ „Sicher nicht“, war alles, was ich dazu sagte. Ich war zwar um eine Erfahrung reicher, die muss ich aber nicht nochmal machen. Allerdings bekam meine Mutter auf der Arbeit ein Kompliment von ihrer Kollegin, die den neuen Haarschnitt „richtig gut“ fand.

Mein Fazit der ganzen Aktion lautet: Ich bewundere die Arbeit meiner Friseurin nun noch mehr als ohnehin schon. Zuhause Haare schneiden kann man zwar während einer Pandemie mal machen, ist aber schwieriger als gedacht. Es kann Einiges schief gehen und man sollte sich der Konsequenzen vorher bewusst sein. Ich werde es auch in Zukunft vorziehen, mir meine Frisur von einem Profi schneiden zu lassen. Dafür gibt es beim nächsten Besuch dann auch ein dickes Trinkgeld.

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