Leserbrief - Zu "Das war die Woche" (FN 21. November) Seltsame Art der Selbstgeißelung

Von 
Leserbrief-Schreiber: Thomas May (Bad Mergentheim)
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Den Kommentar von Herrn Weber-Schwarz halte ich für eine Ungeheuerlichkeit. Seine an Herrn Geißlers ebenso absurden Beitrag angelehnte Kausalkette, nach der die "gierige Wirtschaftspolitik" angeblich zur Verelendung führt und damit Mitverantwortung für den Terror trägt, ist nicht nur falsch. Sie ist darüber hinaus von tiefer antikapitalistischer Gesinnung geprägt.

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Nigeria und Mali, die derzeit besonders vom Terror gezeichnet sind, gehören mit ihren Rohstoffreserven zu den reichsten Ländern Afrikas. Es ist nicht die angebliche Ausbeutung durch den Westen, sondern - um die Wortwahl von Herrn Weber-Schwarz zu bemühen - die Gier der Herrschaftseliten, aber auch die eigene Unfähigkeit, die diese Länder ins Elend stürzt.

Vergessen wir nicht, dass nach der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten mittlerweile über 70 Jahre vergangen sind. Wie lang wollen wir diese Staaten noch am Händchen halten? Ein bisschen Eigenverantwortung dürfen wir da sicher fordern. Aber die seltsame Art der Selbstbezichtigung und -geißelung ist leider typisch für eine Gruppe von Menschen in unserer Gesellschaft, deren Weltverständnis an der Grenze des Westens aufhört. Monokausalität wird immer gern hergenommen, wenn man von einem komplexen Prozess überfordert ist.

Die Ursachen des Terrors sind aber sehr vielfältig. Das Chaos in den Zuliefer-Ländern des Terrors wird nur durch Bildung und den Aufbau von Strukturen beendet. Was die Perspektivlosigkeit junger Muslime in den Banlieues angeht, so komme ich zum Thema Eigenverantwortlichkeit zurück.

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Die Erklärung, dass die böse Gesellschaft keine Teilhabe zuließe, ist wieder einmal sehr kurz gedacht. Schuld an den Zuständen ist die Gesellschaft trotzdem. Aber in einer ganz anderen Form, als Herr Geißler oder Herr Weber-Schwarz jemals einräumen würden: Die Gesellschaft und als ihre Exekutive die Politik verlangen zu wenig. Schließlich kommen die Jungs und Mädchen, die sich gern in die Luft sprengen, aus äußerst autoritären Gesellschaften oder Familien. Im Westen erleben sie das Gegenteil, fallen in ein Vakuum. Ein permissiver Staat, Werteverfall, schwindender Einfluss der Kirche und Behörden, die sie mit Samthandschuhen anfassen, bilden ein Umfeld, das nicht geeignet ist, Respekt bei Menschen zu erzeugen, die nichts so sehr brauchen wie Orientierung.

Ich glaube, dieser Gedanke wäre eher einen Kommentar wert gewesen, als das Gerede von einer "gierigen Wirtschaftspolitik". Im Übrigen finde ich diese Argumentation auch aus einem anderen Grund ungeheuerlich: Sie ist ein Angriff gegen unsere Wirtschaft, eine Wirtschaft, die es erst durch ihre Stärke möglich macht, dass Millionen Flüchtlinge hier aufgenommen werden können.

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