36,5°: Optimal vorbereitet

Michael Fürst über seine ersten Geisterspiel-Eindrücke

Von 
Michael Fürst
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Es ist Dienstag, 2. Juni, kurz vor 21 Uhr: Es ist kühler geworden „am Dalle“, und deshalb beschlägt mir immer öfter meine Brille. Alleine diese Tatsache ist im Grunde nicht meldenswert, und doch: Es nervt! Ich muss um 21.05 Uhr mit dem Spielbericht der Würzburger-Kickers-Begegnung gegen Magdeburg fertig sein und die Seite an die Druckerei übergeben. Ich kann so aber nicht arbeiten. Aber der Mund-Nasen-Schutz, unbestritten der Verursacher des Brillennebels, ist Pflicht in diesen Tagen der gruseligen Geisterspiele – auch in Fußball-Liga drei! Ich darf ihn nicht abnehmen, sonst droht Stadionverbot! Streng sind die Hygiene-Auflagen für so einen Kick in Corona-Zeiten.

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Viele werden denken, es sei ein Privileg, zu den 300 auserwählten Personen zu gehören, die einem sogenannten Geisterspiel live im Stadion beiwohnen dürfen. Doch wenn es tatsächlich ein Sonderrecht sein sollte – dann ist es ein recht zweifelhaftes. Dabei meine ich weniger den Umstand des Fußballs in Zuschauerlosigkeit, sondern vielmehr die Aufenthaltsumstände – nicht nur für uns Presse-Vertreter.

Der allseits anerkannte Trainer-Spruch vor dem Anpfiff: „Ihr müsst heiß sein aufs Spiel!“ relativiert sich bereits am Stadioneingang: Jeder, der einem Geisterspiel vor Ort beiwohnen darf, bekommt am Einlass Fieber gemessen. Wer „zu heiß ist für den Kick“, der muss draußen bleiben. Bei mir waren es 36,5 Grad. Ich war quasi optimal vorbereitet!

Schnurstracks geht es auf den namentlich zugewiesenen Platz – ohne Abstecher zur Bratwurstbude, ohne ein Becherchen Kaffee und dem üblichen Small-Talk mit Kollegen im Presseraum. Der ist nämlich geschlossen. Man muss aufpassen, dass man auf der Tribüne nicht zu laut spricht oder sogar mal sein spitzes Lästermaul aktiviert, wenn man eine Kickers-Aktion nicht so toll fand. Auch der Stadionsprecher (für wen ist der überhaupt da?) spricht besonnen und piano. Nichts da mit „Kiickeers!!!“, so wie sonst – mit Fans. Interessant und teils auch belustigend sind die Rufe der Trainer und Offiziellen. Vor allem das Coaching und die Verbal-Eruptionen von Magdeburgs Trainer Claus-Dieter „Pele“ Wollitz waren ein Hochgenuss!

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Ganz ehrlich: Ich habe mich recht fix an die Geister-Atmosphäre gewöhnt, auch wenn es ein wenig ist wie Schinkenplatte ohne Schinken – eben nur die Grundnahrung. Der Pep fehlt.

Und hier noch etwas Gutes an so einem Geisterspiel live im Stadion: „MagentaSport“, der Träger der Live-Übertragungsrechte sämtlicher Drittliga-Spiele, kam auf die gruselige Idee, die Spukspiele im TV mit Stadionsound zu hinterlegen – wahlweise lauter oder leiser. Das war beim Würzburger Auftakt in Meppen grauenvoll und zeigt zudem, wie entrückt das ganze „System“ ist. Bei „Sky“ kann man zumindest wählen, ob man die Geräuschkulisse hören möchte, „Magenta“ fragt da nicht lange. Man benötigt bei solch einer Entwicklung nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, bald bald den „Sound“ der wuchtigen Dortmunder Südtribüne übers Spiel Wolfsburg gegen Paderborn legen zu können. Gerade die Fußballer sind ja Experten beim Pippi-Langstrumpf-Motto: „Wir machen uns die Welt, wie sie uns gefällt.“

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Und pssst: Ich habe dann doch den Mund-Nasen-Schutz etwas unter die Nase gezogen, damit die Brille nicht mehr beschlug. Hoffentlich hats keiner der Hygienebeauftragten gesehen . . .

Ressortleitung Leiter der Redaktionen Buchen und Sport