Zeitzeichen

Warnung vor der Phrase

Wer populistische Phrasen in Bausch und Bogen verdammt, verkennt ihre heilsame Lenkungsfunktion für die Weltgeschichte. Nehmen wir zum Beispiel Jürgen Rüttgers (CDU) Jahrtausendspruch „Kinder statt Inder“, dessen positive Wirkung sich erst mit der zeitlichen Distanz von rund 18 Jahren zeigt. Rüttgers erhob diese Forderung 2000 als Spitzenkandidat für das Amt des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen. Wer diesen Sinnspruch zum Thema Fachkräftemangel in der IT-Branche als plump, fremdenfeindlich und spalterisch abtut, muss sich auch die Frage gefallen lassen, was ohne diesen verbalen Aussetzer alles geschehen wäre: Der nicht nur beim Nachwuchs beliebte Dreiklang aus Spannung, Spiel und Schokolade würde jetzt „Inder Überraschung“ heißen. Ahnungslose Spaziergänger würden vor dem Indergarten gefragt, ob sie Rosen kaufen wollen, und eine randständige Partei müsste in dieser aus den Fugen geratenen Welt auf verzweifelten Stimmenfang gehen, indem sie härtere Strafen für Inderschänder fordert.

Wenn Rüttgers – wie geschehen – mit dem Verweis auf religiöse Unterschiede gegen „die Hindus“ Front macht, müsste er sich auch an das „christlich“ im Namen seiner Partei erinnern. Und an den Namensgeber der Weltreligion, der aber sagte (weil Jesus noch nicht einmal etwas gegen IT-Spezialisten hatte): „Lasset die Inder zu mir kommen“ (eher frei nach Matthäus 19, 14).

Auch wenn 18 Jahre nach Rüttgers integrationspolitischer Fehlleistung der Fachkräftemangel weiterhin beklagt wird, weil er zwischenzeitlich weder durch Kinder noch durch Inder gedeckt wurde, hat sein Satz zumindest ein Gutes: Rüttgers hat wenigstens nicht „Rinder statt Kinder“ gefordert.